Grenzerfahrungen: Extremeinsatz im trüben Wasser #63

Kreiswasserwacht im Einsatz

Die Rettungstaucher der Kreiswasserwacht rücken aus, um Leben zu retten und und im schlimmsten Fall Ertrunkene zu bergen. Es ist ein Horrorszenario schlechthin: Zwei Geschwister aus dem Landkreis Hildburghausen werden im Februar 2023 von ihren Eltern vermisst. Bei der Suche entdecken die Retter ein Loch in einem leicht zugefrorenen Speichersee in Westhausen. Die Wasserwacht Coburg durchkämmt das Gewässer und findet die 22-jährige Schwester und ihren 13-jährigen Bruder tot unter dem Eis. Christoph Kirchner, Sanitäter und Rettungstaucher, war beim Einsatz dabei.

Solche Situationen bringen auch erfahrene Rettungskräfte wie Kirchner an ihre Grenzen. Kirchner leitet die ehrenamtlichen Helfer der Coburger Kreiswasserwacht, die im Einsatz sind, um im Notfall zu helfen.

„Es ist unser Alltag im Wasserrettungsdienst, dass wir, wenn alles gut läuft, Leben retten oder eben auch Tote bergen müssen.“ Christoph Kirchner

Seit seinem 10. Lebensjahr engagiert sich der 27-Jährige in Jugendschwimmgruppen, später bildet er sich zum Jugendleiter, Rettungsschwimmer und Rettungstaucher weiter. Als Vorsitzender der Kreiswasserwacht Coburg organisiert und koordiniert er die Rettungseinsätze. Coburg und die angrenzende Region sind zwar kein besonders wasserreiches Gebiet, dennoch gibt es tödliche Unfälle – in diesem Jahr bereits einen im Landkreis Sonneberg. Eine 43-jährige vierfache Mutter kam nach einem Diskobesuch nicht nach Hause. Die Polizei löste noch in der Nacht eine Suchaktion aus, alarmierte die Hundestaffel und die Wasserwacht; Kirchner war dabei.

Der Fluss Röthen, der durch Sonneberg fließt, führt zu dieser Zeit viel Wasser und die Strömung ist stark. Es wird vermutet, dass die Frau in den Fluss gefallen sein könnte. „Im Prinzip ist bei einem Sucheinsatz vorerst komplett ungewiss, ob die vermisste Person tatsächlich im Wasser oder Fluss ist oder sich vielleicht woanders wohlbehalten aufhält. Auch das kommt glücklicherweise oft vor“, erklärt Kirchner. Bei einem Einsatz wie diesem beschließt die Wasserwacht zunächst, verschiedene Korridore abzusuchen, wie wassernahe Bereiche und die Wasserfläche. Die Retter beginnen am Ufer beziehungsweise an dem Punkt, wo die Person vermutet wird, mit der Suche. Wenn es einen begründeten Verdachtsfall gibt, wird das Gewässer mit einem Sonargerät abgescannt. „Mit der Technik sind wir sehr weit. Gewässer können bis zum Grund abgescannt werden, sodass wir Menschen auch unter Wasser erkennen können“, sagt Kirchner. Wenn es dort etwas Auffälliges gibt, geht ein Taucher runter und überprüft das.

Der Adrenalinspiegel steigt

In Westhausen besteht der Verdacht, dass zwei Geschwister beim Schlittern auf dem Eis unter die Eisdecke geraten sind. Noch in der Nacht entdecken die Helfer ein Loch im Eis. „Es muss nichts heißen, es kann durch auch eine Strömung, Enten oder Gewächse entstanden sein, aber hier wurde konkret vermutet, dass da jemand eingebrochen ist“, erklärt Kirchner. Jetzt beginnt der Einsatz, eine Tauchtruppe wird aktiv. Die Aktion läuft unter höchsten Sicherheitsmaßnahmen. Der Einsatztaucher – Kirchner – geht in das trübe Gewässer hinunter, er sieht nichts.

„Das ist ein Horrorszenario für den Taucher schlechthin, vor allem wenn es um Kinder geht.“ Christoph Kirchner

Ein weiterer Taucher sichert Kirchner ab, ein Signalmann führt Kirchner an der Leine und gibt über Sprechfunk Anweisungen: nach rechts, nach links, zu weit vom Loch weg. „Dann geht man letztlich darunter. Unsere Gewässer haben in den meisten Fällen null Sicht, das heißt, ich sehe komplett gar nichts“, erklärt Kirchner. Der Taucher tastet sich am Grund entlang, und je nachdem, was er ertastet, könnte es ein Ast oder vielleicht doch ein Arm oder Bein sein. „Schön ist es nicht, da geht natürlich auch der Adrenalinspiegel nach oben“, sagt Kirchner.

Wenn er tatsächlich einen Menschen gefunden hat, nimmt er Sprechkontakt auf und warnt die Einsatzkräfte, dass er jemanden hochbringt. Seine Aufgabe als Leitungs- und Führungskraft ist es, die Helfer richtig einzusetzen. Weiß er, dass ein Taucher vorbelastet ist, zieht er diesen vom Einsatz ab, zum Beispiel, wenn jemand eigene Kinder hat. Die Situation wäre zu belastend. „Dann habe ich die Möglichkeit, ihm diese Bilder zu ersparen.“ Auf solche Einsätze werden Rettungstaucher während ihrer Ausbildung vorbereitet. Sie wissen, dass sie jederzeit einen Menschen bergen können müssen. „Diese Szenarien werden innerhalb der Ausbildung immer wieder trainiert, man muss es sich natürlich auch zutrauen“, erklärt Kirchner. Die Helfer werden mit den belastenden Bildern nicht allein gelassen. Es wird in Nachbesprechungen mithilfe der psychosozialen Notfallversorgung aufgearbeitet. „Damit jeder wieder wohl nach Hause gehen kann“, sagt Kirchner.

Rettungskräfte rechnen mit jedem Szenario Letztlich müssen Rettungskräfte mit allem rechnen. Im besten Fall finden sie die Vermissten lebend, im schlimmsten Fall müssen sie Tote bergen. Die Anzahl der Lebensrettungen sei tatsächlich recht gering – man müsste das Ertrinken unmittelbar mitbekommen, erklärt Kirchner.

Die Aufgabe der Wasserwacht ist es auch, den Hinterbliebenen die vermisste Person zurückzubringen, damit sie Abschied nehmen können. Ungewissheit, ob jemand noch lebt, kann sehr belastend sein. Leider kommt es immer wieder vor, dass Menschen nicht gefunden werden. Aktuell ist der Fall des vermissten Arian ein Beispiel dafür. Kirchner hat sich von der Grundausbildung zum Rettungsschwimmer zum Rettungstaucher weitergebildet und den Motorbootführerschein und den Ausbilder obendrauf gesetzt. Nun engagiert sich der 27-Jährige als Führungs- und Leitungskraft im Landkreis Coburg. Es ist eine verantwortungsvolle und oft auch emotional belastende Aufgabe. Und dennoch: „Es ist eine Aufgabe, die mir unheimlich viel Spaß macht und die ich mit sehr viel Herzblut ausübe“, sagt er. Dazu gehört die Kameradschaft, am Wochenende oder am Feierabend gemeinsam zu tauchen und zu grillen. Aber eben auch Personen wiederzufinden und im Optimalfall zu retten oder im schlimmsten Fall zu bergen.

Handeln Sie sofort!

Sollte man selbst Zeuge eines Badeunfalls werden, muss man sofort handeln, den Notruf wählen und um Hilfe rufen. Niemals sollte man sich selbst in Gefahr begeben. Nur wer ausgebildet ist und sich die Rettung zutraut, sollte einen Rettungsversuch unternehmen, aber nicht auf Eis und nicht in Strömungen.

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