SONDERTHEMA Mobilität: Darauf fußt die Menschheit #26

Gehen als neues Statussymbol?

Pferde, Kutschen, Räder, Autos, Züge, Schiffe, Flugzeuge, Raumschiffe: Der Mensch wird nicht müde, über die Jahrtausende hinweg, mit immer neuen Fortbewegungsmitteln, von Neugier oder reiner Gier getrieben, seinen Radius zu erweitern. Über die Zeit hat er dabei neue Welten entdeckt, neues Wissen gewonnen. Sein Körper aber ist dabei faul geworden. Er sitzt heute lieber. Dabei fußt die Menschheit doch auf dem aufrechten Gang. Und das uralte Gehen hat auch das Zeug das Statussymbol für morgen zu werden. Ein kurzes Plädoyer von Wolfram Hegen für ein altes Fortbewegungsmittel.

Der aufrechte Gang ist so alt wie die Menschheit. Sich auf den eigenen zwei Beinen zu bewegen gilt als ein entscheidendes Merkmal der Menschwerdung. Die Anatomie des menschlichen Körpers ist ganz auf das Gehen ausgerichtet: die Form der Füße, die Muskulatur der Beine, bis hin zu Becken, Wirbelsäule, Brustkorb, Kopf. Das Innenohr sorgt dafür, dass wir nicht umkippen, im Gleichgewicht bleiben. Der Blick ist immer nach vorne gerichtet, auch wenn wir rennen. Der Mensch jagte zu Fuß, kletterte auf Bäume, zog fußläufig mit seiner Herde umher auf der Suche nach fruchtbarem Weideland, floh vor Umweltkatastrophen, vor Krieg und Verfolgung zu Fuß. Der Mensch lief, weil er dazu geboren ist.

Doch seit Jahrtausenden läuft er auf der so menschentypischen Suche nach neuen Welten den Mühen des Laufens davon: Das Pferd, die Kutsche, das Rad, die Bahn, das Schiff, das Flugzeug und vor allem das Auto haben das Laufen „ersetzt“. Der Mensch bewegt sich fort, ohne sich zu bewegen, ohne dabei aufrecht zu gehen. Um schneller zu sein, bequemer zu reisen, mehr zu transportieren. 80% der Menschheit sitzen mehr als acht Stunden am Tag. Erst in den letzten Jahrzehnten wird die so uralte menschliche Fortbewegung wieder in, aber eben nur als reiner Selbstzweck in der Freizeit: Beim Joggen, Wandern, Nordic-Walking. Zum eigentlichen Zweck des Laufens, nämlich von A nach B zu kommen, nutzt die Menschheit nur noch bei jedem vierten Weg die eigenen zwei Beine. Und die dabei zurückgelegten Kilometer liegen weit hinter allen anderen Fortbewegungsmitteln zurück.

Dabei ist das Gehen es wert, wiederentdeckt zu werden. Keine andere Fortbewegungsart hat in der modernen mobilen Gesellschaft so viel Potential, das schicke Auto oder das teure Rennrad als neues Statussymbol im Alltag abzulösen:

Wer geht, zeigt, dass er Zeit hat. Zeit ist ein hohes Gut. Er benötigt kein Auto oder kein Fahrrad, um schneller zu sein. Er zeigt, dass er sich nicht hetzen muss, dass er sich Zeit nimmt, weil er sie hat. Wer geht, zeigt, dass der im postmateriellen Zeitalter angekommen ist. Er benötigt kein SUV, keinen Sportwagen, kein Cabrio für den Imagetransfer seiner vermeintlichen Leistungsfähigkeit, kein E-Bike zum Transport des eigenen Fortschrittsdenkens. Er benutzt materielle Güter dagegen nur für einen Zweck. Und nur, wenn es wirklich sein muss. Er zeigt, dass er materielle Zwänge überwunden hat.

Wer geht, zeigt, dass er in der neuen vielfältigen Welt angekommen ist. Beim Gehen trifft er andere Menschen, kommt ins Gespräch, gerät in Situationen, eröffnet sich Momente, die beim schnellen Vorbeihuschen im Auto verloren wären. Er zeigt, dass er weltoffen ist. Wer geht, zeigt, dass er vital ist, Wege und Strecken alleine mit Muskelkraft bewältigt. Er benötigt dazu keine technischen Hilfen verursacht dadurch auch kaum Schmutz und keinen Lärm. Er zeigt, dass er mit seinen und den Ressourcen der Allgemeinheit bewusst umgeht.

Geht doch.

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