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HIER WOHNTE… #31

… DAS DORFSCHULMEISTERLEIN

Weit war er einst, der Weg von Neu- und Neershof nach Einberg. Wenn man ihn zu Fuß zurück legen musste. Und beschwerlich obendrein. Sommers wie Winters. Bei Regen, Schnee und Sonnenschein. Vor über 100 Jahren gab es anstelle einer ausgebauten Ortsverbindungsstraße nur einen alten Holzweg durch den Steinschrot. Den mussten die Neu- und Neershofer Kinder damals nehmen, wollten sie zur Schule kommen. Und die lag damals noch in Einberg.

1901 beschlossen die stimmberechtigten Gemeindemitglieder, selbst eine Schule zu bauen. Man war sich einig darin, den Kindern den langen, beschwerlichen Schulweg zu erleichtern. Unstimmigkeiten gab es allerdings um die Lage des Bauplatzes. Damals wie heute ging es nicht alleine um die bestmögliche Lage des Schulhauses, sondern um eigene Interessen und Geld. Zwischen dem Dorfschultheiß Probst und dem Landwirt Angermüller sowie den Befürwortern und Gegnern der jeweiligen Partei entbrannte ein Streit um den besten Bauplatz für die neue Schule. Oben im Dorf mit der schöneren Aussicht. Oder unten im Dorf nahe den Teichen. Die Entscheidung fällte schließlich der Amtsphysikus Dr.Waldvogel, der dem unteren Grundstück einen trockenen Baugrund bescheinigte. Außerdem konnte das vorhandene sandige Erdreich gleich zum Bau verwendet werden.

Und so kam es, dass im Juni 1902 mit dem Bau begonnen und bereits im Juli 1902 Richtfest gefeiert werden konnte. Nach nur 5 Monaten Bauzeit wurde die Schule im November eingeweiht. Bemerkenswert. Gleich zogen auch die ersten Kinder in ihr Klassenzimmer ein. 26 Schülerinnen und Schüler scharten sich da um ihren Lehrer Ernst Wilhelm. Alle in einem Klassenzimmer. So war das früher üblich. Genauso wie die Tatsache, dass der Lehrer selbst in der Wohnung darüber wohnte und sein Wohnzimmer gegenüber des Klassenraumes hatte. Verständlich, denn hier bollerte einer der beiden Kasernenöfen. Unüblicher war da schon eher der rückwärtige Anbau an die Schule, auf den der Schulrat seinerzeit großen Wert legte: Eine Stallung für Nutztiere. Damit den Neershofer Kinder gezeigt werden konnte, wie man eine Kuh melkt. Angeleitet von einem Lehrer, der einem nicht nur das Lesen und Rechnen beibrachte, sondern auch etwas von der Landwirtschaft verstand. Schöner Nebeneffekt: Der Lehrer konnte seine Kartoffeln und seinen Salat gleich selbst anbauen und von seinen Schülern ernten lassen. Im übrigen hat der heutige Besitzer auch nach über 100 Jahren noch ein Andenken an diese bäuerliche Zeit. An dem renovierten Gebäude blättert nämlich immer wieder der Putz ab, weil die Kühe ihre Notdurft in dieser Ecke verrichteten, was der Boden im Jahre 2019 immer noch in Form von Salmiak abgibt.

Heute ist die Alte Schule im Besitz der Familie Denk. Franz Denk verliebte sich auf der Suche nach einer neuen Keramikwerkstatt in das alte Gebäude auf der Anhöhe und war sich schnell mit der Gemeinde einig. Bis heute wird hier getöpfert, gewerkt und glasiert. Wer kennt es nicht, das töpferne Schmelzfeuer, in das alle alte Kerzenstummel wandern, um formschön verfeuert zu werden? Schön ist auch der renovierte Glockenturm, der seit letztem Jahr in neuem Glanz erstrahlt. Auch schön anzuhören ist er nun wieder. Das alte Uhrwerk wurde komplett erneuert. Die drei Ziffernblätter mit einem eigenen Uhrwerk hinterlegt und modernster Elektronik versehen. Da gab Uhrmachermeister Stefan Stahl leichter Hand eine 100-jährige Garantie auf seine Präzisionsarbeit. Und auch wenn die Bronzeglocke nicht mehr die erste aus dem Jahr 1902 ist – diese musste 1917 als Kriegsmaterial eingeliefert werden. Die stählerne aus dem Februar 1920 klingt auch herrlich in den Ohren der Neu- und Neershofer. Immer zur vollen und zur halben Stunde. In Erinnerung an die Zeiten, in denen hier, mitten im Dorf, die Kinder das Lesen und Schreiben und Melken lernten.

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