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Der Wirtschaftsförderer der Stadt Coburg #35

Der Wirtschaftsförderer der Stadt Coburg im Gespräch

120 000 Einwohner, 8000 Unternehmen, niedrige Arbeitslosigkeit, Wohlstand: Coburg ist eine wirtschaftlich starke Region. Doch weltwirtschaftliche Turbulenzen und die Chancen und die Risiken der Digitalisierung machen auch vor der Region nicht halt. Was aus seiner Sicht in der Region Coburg getan werden muss, um ein starker Standort zu bleiben, darüber hat sich der COBURGER in der letzten Ausgabe mit Martin Schmitz unterhalten, dem Leiter der Wirtschaftsförderung des Landkreises Coburg. Dieses Mal hat der COBURGER Stephan Horn interviewt, den Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt Coburg mbH.

COBURGER: Wo sehen Sie aktuell die größten Risiken für den Standort Coburg?

Horn: Wir stehen möglicherweise vor einer Welle wirtschaftsunfreundlicher Politik. Bei manchen Entscheidungen macht man sich in meinen Augen nicht ausreichend Gedanken über die Folgen für die Wirtschaft. Ein Beispiel ist die Klimapolitik: Hier darf man nicht so brachial gegen die Wirtschaft vorgehen, sondern muss mit ihr Hand in Hand arbeiten. Auch der Handelsstreit der USA mit China beschäftigt uns hier in Coburg, weil viele Unternehmen Geschäfte mit und in diesen Ländern tätigen. Und lokal kämpfen wir mit dem Mangel an Fachkräften. Vor allem das Handwerk hat da Probleme. Vor diesem Hintergrund ist zum Beispiel die Diskussion um die vorgesehene Schließung des Coburger Berufsbildungs- und Technologiezentrums BTZ der Handwerkskammer für Oberfranken schwierig. Es darf nicht geschlossen werden! Wir werden alles dafür tun, dass das BTZ in Coburg bleibt.

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COBURGER: Eine Herausforderung ist auch die Digitalisierung. Sie sind nah an den Unternehmen dran, wie werden dort Risiken und Chancen wahrgenommen?

Horn: Also ich glaube nicht, dass unsere Unternehmerinnen und Unternehmer die Digitalisierung als Risiko sehen, sondern eher als Herausforderung und auch als Chance. Ich will nicht einstimmen in die meines Erachtens falsche Darstellung, die Unternehmen hierzulande seien nicht weit genug. Ich sehe das ganz anders. Wir haben doch wegweisende digitale Innovationen bei großen und kleinen Unternehmen hier in Coburg. Beispiele sind die HUK mit ihrem Telematik-Tarif, Kaeser als Vorreiter für Industrie 4.0., Lasco mit den Möglichkeiten der Fernwartung und Brose natürlich mit seiner digitalen Transformation. Es ist schon viel auf einem sehr guten Weg!

COBURGER: Um die Digitalisierung vorwärts zu bringen und Unternehmen auf diesem Weg zu begleiten, gibt es das Digitale Gründerzentrum. Die Stadt Coburg als Gesellschafter der Zukunft.Coburg.Digital GmbH ist mit ihrer Wirtschaftsförderungsgesellschaft einer der Treiber. Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung des Gründerzentrums mit den zwei Standorten Schlachthof und dem neuen im ehemaligen Goebel-Gelände in Rödental?

Horn: Insgesamt ist das Digitale Gründerzentrum auf einem guten Weg. Es ist von Zukunft.Coburg.Digital bereits viel umgesetzt worden. Allerdings waren wir ehrlicherweise schon etwas überrascht, als vor einem Jahr plötzlich der zweite Standort Rödental mit der geplanten digitalen Manufaktur ins Spiel gebracht wurde. Das hat zunächst zu Verwirrungen auf fachlicher und politischer Ebene geführt. Wir haben uns aber entschieden, dass wir dieses Projekt mittragen, haben mit Oberbürgermeister Norbert Tessmer, mit Landrat Sebastian Straubel und mit dem Rödentaler Bürgermeister Marco Steiner Gespräche geführt und gehen jetzt die Sache gemeinsam an. Das Gelände in Rödental ist ebenfalls historisch, man kann es super weiterentwickeln und es wird sich sicher eine sehr gute Kombination mit dem Schlachthof ergeben.

COBURGER: Das ehemalige Schlachthofareal soll ja von der Stadt ertüchtigt werden, noch hat sich aber ja nicht viel Sichtbares getan. Wie geht’s weiter?

Horn: Die Bauleitung ist aus steuerlichen und organisatorischen Gründen an das Hochbauamt der Stadt übergegangen und die Planungen für die ehemalige Kühlhalle sind nun vor dem Abschluss. Allerdings wird das Projekt wohl teurer als erwartet, unter anderem weil es Unwägbarkeiten wegen der Decke gibt. Letztlich muss der Stadtrat noch in diesem Jahr entscheiden, ob wir mehr als die gut fünf Millionen Euro ausgeben wollen, die eigentlich geplant waren. Das Ergebnis ist noch nicht vorauszusehen.

COBURGER: Wie sieht es aus mit Gewerbeansiedlungen in der Stadt? Die Firma Buttonorder ist, um sich zu erweitern, nach Lautertal, markatus als größte Werbeagentur ins Goebel-Gelände nach Rödental. Warum hat man diese Unternehmen nicht halten können?

Horn: Es gibt unter uns Wirtschaftsförderern ein „Gentleman agreement“, dass Stadt und Landkreis sich nicht gegenseitig Unternehmen abwerben. Das gilt sogar oberfrankenweit. Wenn aber Unternehmen das aus eigenem Antrieb tun wollen und sich verändern möchten, dann kann man da nichts dagegen sagen, auch wenn es manchmal natürlich wehtut. Aber oft entscheiden sich Unternehmen ja auch für den Standort Coburg. Die Firma ROS ist da ein positives Beispiel aus unserer Sicht. Die Firma hat hier einen eindrucksvollen Neubau hingestellt und damit auch ein klares Bekenntnis zur Stadt Coburg. Und wenn wir uns als gemeinsamen Wirtschaftsraum sehen, ist es mir auf jeden Fall lieber, ein Unternehmen bleibt hier in der Region – auch wenn das vielleicht mal in Ahorn oder Rödental ist – als dass es nach Tschechien oder China abwandert.

COBURGER: Sie haben die Konkurrenzsituation von Stadt und Landkreis schon angesprochen. Da gibt es eben die Wirtschaftsförderung des Landkreises und die Wirtschaftsförderungsgesellschaft von der Stadt Coburg. Braucht es für eine Region mit gut 120 000 Einwohnern zwei Wirtschaftsförderungseinrichtungen?

Horn: Es gibt in Bayern keine kreisfreie Stadt, die mit dem Landkreis eine gemeinsame Wirtschaftsförderungsgesellschaft betreibt. Wir haben das Thema aber natürlich sehr wohl diskutiert. Langfristig kann das sicher ein Ziel sein. Aber aktuell gibt es einfach unterschiedliche Arbeitsweisen in einer kreisfreien Stadt und einem Landkreis. Und dann sind da die unterschiedlichen Interessen der zugehörigen Städte und Gemeinden. Das würde eine gemeinsame Gesellschaft sicher in schwierige Situationen bringen. Ich denke, es ist vorerst besser, projektbezogen zusammenzuarbeiten. Das kann erfolgreich ablaufen, wie zum Beispiel bei Zukunft.Coburg.Digital. Und auch so etwas wie eine gemeinsame Gewerbegebietsentwicklungsgesellschaft wäre bei entsprechender Ausstattung sinnvoll.

COBURGER: Coburg wollte ja 5-G-Modellregion werden. Unterdessen überholen andere Kommunen die Stadt, obwohl Coburg die erste war, die das Thema bei der Bayerischen Staatsregierung ins Gespräch gebracht hat. Warum hat man diese Chance verpasst?

Horn: Es gibt ja immer noch tolle Möglichkeiten, das Thema 5-G hier vor allem auch für die Unternehmen nutzbar zu machen. Wir sollten einfach als Region Coburg die Dinge selbst angehen und nicht nur auf mögliche Förderungen schielen. Wir hätten das auch alleine machen können und werden da sicherlich auch wieder aktiv werden.

COBURGER: Und was liegt Ihnen persönlich noch am Herzen?

Horn: Das Thema Bürokratie treibt mich sehr um. Wir erleben gerade eine Phase, in der immer wieder neue Regelungen aufgestellt werden. Alleine die Themen Beihilfe- und Subventionsrecht fressen uns regelrecht auf. Es gibt Wochen, da bin ich tageweise nur damit beschäftigt. Und das betrifft viele klein- und mittelständische Firmen auch, die vielleicht nicht die hausinternen Möglichkeiten zur juristischen Bearbeitung wie wir haben. Wenn wir nicht aufpassen, blockieren wir uns in unserem Land noch selbst. Darin sehe ich eine echte Beeinträchtigung für Wirtschaft und Gesellschaft.

Die Fragen stellte Wolfram Hegen.
Fotos von Val Thoermer.

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