Lukas Kestel, der Retter der Meere #54

Bei Voll- oder Neumond, wenn die Gezeiten stärker ausgeprägt sind, ziehen Lukas Kestel und sein Team los. Während der sogenannten Springtide sind Abschnitte der Insel für ein paar Stunden komplett trocken. Nur dann ist es möglich, das Gebiet zu umrunden. Lukas ist in besonderer Mission unterwegs. Er engagiert sich im Meeresschutz im Chumbe Island Coral Park auf Sansibar. Es ist das weltweit erste private Meeresschutzgebiet mit einem der artenreichsten Korallenriffe Ostafrikas.

Während der Ebbe sieht man Seesternchen, kleine Fische und Minikorallen, aber auch das Ausmaß der weltweiten Meeresverschmutzung, erzählt uns Lukas über einen Messenger-Dienst. Glasscherben, Fischernetze, Plastikflaschen, Glühbirnen, Flipflops bis zu vollen Babywindeln liegen demnach am Strand. Lukas Kestel ist im Coburger Stadtteil Creidlitz aufgewachsen, er hat am Gymnasium Ernestinum sein Abitur abgelegt und danach eine Ausbildung zum Rettungssanitäter absolviert. Seit jeher begeistert er sich für Menschen, die Natur und Umwelt. „Seit meiner Kindheit bin ich angezogen vom Element Wasser. Es ist einfach mein Element, egal ob die heimischen oberfränkischen Baggerseen, die Nord- und Ostsee oder das Mittelmeer.“ Die Vielfalt und Komplexität der Unterwasserwelt fesseln ihn.

„Unglaublich, was der Mensch alles im Meer entsorgt“

Die Schönheit der Meere, die faszinierende Flora und Fauna sind eine Seite der Medaille, in Opposition dazu steht die Verschmutzung: Unmengen Plastikmüll landen im Meer, Ozeane versauern, Tiere sterben. Die steigenden Wassertemperaturen führen zu einem dramatischen Rückgang der Korallenpopulation. Lukas, der das Meer so liebt, lassen diese Tatsachen nicht mehr los. „Ich konnte nicht mehr länger zusehen, wie sich der Zustand unserer lebenswichtigen Ozeane immer weiter verschlechtert“, erzählt der 20-Jährige. So entsteht ein Herzenswunsch: Lukas möchte eine gewisse Zeit am und im Meer arbeiten und dabei gleichzeitig andere Kulturen kennenlernen.

Er beschließt, aktiv vor Ort gegen die Umwelt- und Naturzerstörung vorzugehen und den Meeresschutz zu unterstützen. So bewirbt sich der gelernte Rettungssanitäter im Programm „weltwärts“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, durchläuft ein langwieriges Auswahlverfahren und anschließend eine intensive Vorbereitung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Sein Einsatzgebiet ist der Chumbe Island Coral Park, der im westlichen Indischen Ozean vor der Ostküste Tansanias liegt. Es handelt sich um eine kleine Insel mit einem der artenreichsten Korallenriffe Ostafrikas. Hier leben unter anderem über 500 Fischarten und über 59 Korallengattungen (90 Prozent aller in Ostafrika bekannten Korallen).

Am 14. Januar 2022 ist es so weit: In Deutschland ist es klirrend kalt, als Lukas in den Flieger steigt und in der flirrenden ostafrikanischen Hitze landet. Auf Sansibar lebt der junge Coburger nun in sehr einfachen Verhältnissen bei einer muslimischen Gastfamilie. Nichts ist vergleichbar mit dem gewohnten Umfeld in Deutschland. Und dennoch: „Ich habe superschnell Anschluss gefunden und fühle mich mehr als absolut wohl“, sagt er.

„Zu erfahren, wie Menschen auf unserer Welt ganz anders leben, als wir es in Deutschland gewohnt sind, bereichert so unglaublich.“

Heimweh habe er nur ganz selten, denn er ist viel zu beschäftigt. Als Teamleiter „marine pollution“ organisiert der 20-Jährige alle 14 Tage Strandsäuberungsaktionen, sogenannte Beach Clean ups. Das Ergebnis ist schockierend, selbst in einem Gebiet, das geschützt ist. „Ich sehe jeden Tag, wie schmutzig sogar ein Meeresschutzgebiet sein kann, denn die Strömungen und Gezeiten spucken den Müll, der im Meer treibt, an die Strände der Inseln.“

Die eingesammelten Funde werden analysiert, kategorisiert und wissenschaftlich dokumentiert. Da Chumbe Island plastikfrei ist, Küchenabfälle kompostiert und der Restmüll von der Insel gebracht werden, sehe man hier optimal, wie weit die Meeresverschmutzung fortgeschritten ist, erklärt Lukas. Schätzungen des WWF (World Wide Fund of Nature) zufolge landen jedes Jahr 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen. Das entspricht einer Lastwagenladung pro Minute.

Nur ein kleiner Teil Abfall treibt auf der Meeresoberfläche. Der größte Teil des Mülls sinkt auf den Meeresboden und ist nicht mehr zurückzuholen. Für die Tiere des Meeres wird der Unrat zur tödlichen Falle. Gefährdete Arten von Meeresschildkröten verwechseln Plastiktüten mit natürlicher Nahrung, den Quallen, und ersticken qualvoll. Sonneneinstrahlung und Wellendynamik lassen Plastik in kleinste Mikropartikel zerbrechen, Meerestiere fressen das Mikroplastik und sterben. Weltweit seien 800 Tierarten bedroht, die in Meeren oder im Küstenbereich leben, die Hälfte davon seien Meeressäuger und Seevogelarten, weiß Lukas.

Das Treibgut tötet nicht nur die Tiere, die am und im Wasser leben, es zerstört auch die marinen Lebensräume. „Bei meinen regelmäßigen Schnorchelgängen durch das Riff beobachte ich, wie herumdriftende Plastiktüten oder Altkleider sich in den Korallenstöcken verfangen und Teile der Korallen abreißen.“ Lukas liegt es am Herzen aufzuklären, deshalb bindet er auch Inselbesucher und Einheimische in den Meeresschutz und die Umweltbildung ein. Besucher dürfen mithelfen und erhalten Informationen über den Meeresschutz sowie das Vorkommen und die Lebensweise von Delfinen, Meeresschildkröten, Rochen oder Haien im Chumbe Marinepark.

Wie gelangt der Müll ins Meer?

In vielen Regionen der Welt mangelt es an der notwendigen Infrastruktur, um Müll zu sammeln oder gar zu recyceln – Abfälle werden weggeworfen oder in die Natur gekippt. In der Regenzeit spült das Wasser die Müllmassen ins Meer. Aber nicht nur die Einheimischen verschmutzen die Meere, auch Müll aus Industrieländern wie Deutschland landet in den Ozeanen. Laut NABU exportiert Deutschland jedes Jahr etwa eine Million Tonnen Plastikabfälle in andere Länder. Dort wird aber nur ein geringer Teil recycelt. Der Hauptanteil wird in die Natur gekippt.

„Außerdem möchte ich – neben meiner eigenen Arbeit im Meeresschutz – alle Menschen dazu einladen, den afrikanischen Kontinent, das Land Tansania, die Insel Sansibar und die Kultur und das Leben der Menschen näher kennenzulernen und die Notwendigkeit von Umweltschutz und Weltoffenheit zu spüren und Aufmerksamkeit auf die EINE WELT zu lenken.“

„Ein großer Teil unseres Plastikmülls landet ausgerechnet dort, wo das fehlende Abfallmanagement gravierende Umweltprobleme hervorruft “, sagt Lukas. In diesen Ländern muss man sich bewusst sein, dass Plastikmüll eben nicht wie in Deutschland recycelt oder sachgerecht entsorgt wird, sondern in der Natur und im Meer landet.“ Grundsätzlich solle man das eigene Einkaufsverhalten überdenken und Plastikverpackungen vermeiden.

Auf seinem Instagramaccount gibt Lukas Kestel tiefere Einblicke in die Arbeit sowie in das Leben und die Kultur vor Ort. Die spannende, vielseitige und multidisziplinäre Arbeit am, im und für den Ozean fasziniert und begeistert ihn jeden Tag aufs Neue, sodass er ab Januar 2023 in Mexiko in der Karibik zum Rettungstaucher, Divemaster und Tauchlehrer ausgebildet wird.

 

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