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Reisender zwischen den Welten #30

Der Coburger Mediziner Martin Lücke: Anästhesist, Oberarzt, Notarzt, Betriebsrat, Parteimitglied – und viel in Afrika unterwegs.

Immer wieder zieht es Martin Lücke auf den afrikanischen Kontinent. Mal als Mediziner, mal privat. Mitunter verbindet er beides. Anfang des Jahres, im Februar und März, war er mit dem „African Explorer“ unterwegs. Dieser Luxuszug fährt von Kapstadt in Südafrika bis ins nördliche Namibia. Als Bordarzt reiste der Coburger Mediziner mit 68 Gästen und 30 Crewmitgliedern rund 3600 Kilometer durch das südliche Afrika.

Als Bordarzt im Fernsehen

Ein Fernsehteam des Hessischen Rundfunks begleitete die Reise. Während der 16 Tage entstand die 14-teilige, jeweils 45 Minuten dauernde Sendereihe „Verrückt nach Zug“. Im August sendete „das Erste“ das Abenteuer auf Schienen. Seitdem wird diese Sendereihe in den dritten Fernsehprogrammen wiederholt. Unter dem Titel „Das rollende Zuhause“ widmete sich eine Folge dem frisch renovierten Sonderzug. Andere Teile der Sendereihe sind überschrieben mit „Die geretteten Löwen“, „Sand, Sand, Sand“, „Eine Panne in der Wüste“ oder „Deutsche Spuren in Namibia“. „Es gibt verschiedene Reiseveranstalter, die auf den demografischen Wandel reagieren und einen Arzt oder Krankenschwestern mitnehmen“, erläutert Martin Lücke seine Rolle als Bordarzt. Die Menschen würden immer älter, damit aber auch kränker. „Wenn ein Arzt dabei ist, der noch dazu die Sprache der Reisenden spricht, dann trauen sie sich so einen Trip eher zu.“ Im Fall der Fälle begleitet Lücke seine Patienten bis ins Krankenhaus, baut Sprachbarrieren ab und informiert Angehörige. „Bei den Reisen, die ich begleitete, sprechen die Mitreisenden oft nicht so gut Englisch“, weshalb der Doktor auch als Dolmetscher fungiert.

Vollnarkose ohne Beatmungsgerät

Die typischen Wehwehchen im African Explorer unterscheiden sich nur wenig von jenen hierzulande. „Wer zu Hause gegen Zugluft empfindlich ist, der ist das auch in Namibia. Wobei die Klimaanlagen für manchen Husten und Halsschmerz verantwortlich sind.“ Einen Defibrillator, einen Schockgeber zum Beenden von Herzrhythmusstörungen, gibt es auch im African Explorer. „So ein Gerät ist aber nur dann richtig von Nutzen, wenn sich ein intensivmäßiger Transport in ein leistungsfähiges Krankenhaus anschließt. Das ist nicht überall auf unserer Reise schnell erreichbar…“ Ansonsten hat Martin Lücke eine Tasche mit Instrumenten und Medikamenten dabei, ähnlich wie er sie auch bei Einsätzen in und um Coburg mit sich führt. Im vergangenen Jahr arbeitete Lücke zudem sieben Wochen im Krankenhaus des kleinen Ortes Kangu im Westen der Demokratischen Republik Kongo. Seit 2009 engagiert sich dort der Verein „Coburger Initiative für Ärzte im Congo“, seit nun acht Jahren praktiziert Martin Lücke immer wieder in dem riesigen afrikanischen Land. „Die Herausforderung ist, Medizin mit bescheidenen Mitteln zu machen.“ Eine mehrstündige Bauchoperation mit einem Beatmungspatienten in Vollnarkose ohne Beatmungsgeräte beschreibt der Coburger „als sportliche Herausforderung“.

„Die Herausforderung ist, Medizin mit bescheidenen Mitteln zu machen.“ Lücke über die Arbeit in Afrika

Eine Frage des Gewissens

Herausforderungen und Verantwortung übernehmen, das bestimmt das Leben und die Arbeit von Martin Lücke dort wie hier: Der Anästhesist im Klinikum Coburg ist als Notarzt immer wieder bei Unfällen vor Ort. „Als Notarzt muss man Entscheidungen treffen und auch verantworten“, weiß Martin Lücke aus diesen Einsätzen. Darüber hinaus engagiert sich er sich in der Arbeitnehmervertretung des Klinikums Coburg und des thüringisch-bayerischen Regiomed-Konzerns mit nahezu 5000 Mitarbeitern zwischen Rennsteig und dem Main. Schließlich bringt Lücke seine praktischen Erfahrungen aus der Betriebsrats-Tätigkeit bei Entscheidungen als Richter am Bundesarbeitsgericht in Erfurt ein. „Es gibt Situationen im Leben, wo man für sich Entscheidungen trifft“, sagt Martin Lücke. Er meint damit die Veränderungen im Klinikbetrieb etwa zum Jahrtausendwechsel. Seinerzeit seien die Patienten zu „Kunden“ gemacht geworden. „Das Wirtschaftliche hat immer mehr um sich gegriffen, das Menschliche ging zurück.“ Es war eine Gewissensentscheidung für den Arzt, dem Klinikalltag etwas den Rücken zu kehren und dafür Wissen und Können auf anderen Gebieten einzusetzen: „Mir wurde es wichtig, die Veränderungen im Arztberuf politisch zu beeinflussen.“

Der eigentliche Skandal

Im vergangenen Jahr wurde der Betriebsrat des Klinikums Coburg auf dem Deutschen Betriebsrätetag mit dem deutschen Betriebsrätepreis in Gold ausgezeichnet: „Bestes Betriebsratsprojekt der Republik im Jahr 2017!“ Dies war die Würdigung für mehr als zehn Jahre Arbeit, damit die damals am Klinikum Coburg tätigen Krankenschwestern der Marienschwesternschaft Coburg ebenfalls den Tariflohn erhalten konnten. „Dieser Preis, als große Wertschätzung für das Erreichte, beflügelt unsere tägliche Arbeit immer noch.“ Schließlich gibt es da noch den SPD-Stadtrat Martin Lücke. „Der Kardinalfehler vieler Menschen ist, dass sie sich in keiner Partei engagieren.“ Dass nur zwei bis drei Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung eine Mitgliedschaft in einer politischen Partei haben, „das ist der eigentliche Skandal in der Gesellschaft.“ Denn schließlich kämen Kandidaten in der Regel aus den Parteien, so dass die große Mehrheit sich gar nicht daran beteiligt, geeignete Kandidaten zu finden. „Da ist es dann vielleicht zu einfach, sich über die Qualität von Politik zu beschweren.“ Politikverdrossenheit vermag Martin Lücke nicht nachzuvollziehen, denn „ein punktuelles Murren allein hilft ja nicht wirklich weiter, um Lösungen zu finden“. In der Kommunalpolitik lohne es sich, um eine Sache zu streiten und am Ende mit qualitätsvollen Entscheidungen gute Kompromisse zu finden. Aufgabe aller Politik müsse es sein, „das punktuelle Murren in ein zufriedenes Brummen zu verwandeln“.

Lernen aus Afrika

Ansprüche zu relativieren, mit weniger auszukommen, das erfährt der Mensch aus der sogenannten Ersten Welt in den Ländern Afrikas. Einen verschwenderischen Lebensstil könne man sich dort nicht leisten. Patienten der Klinik im kongolesischen Kangu müssen jedes Medikament vor der Verabreichung bezahlen. „Bei uns werden ein Drittel aller Medikamente und ebenso viel an Lebensmitteln weggeworfen“, stellt Lücke mit etwas Verbitterung in der Stimme fest: „Nichts ist unsozialer als Verschwendung – hier wie dort.“ Die Erfahrungen aus den verschiedenen Kontinenten und Gesellschaften lassen Lücke mahnen: „Manch einer, der so stolz darauf ist, ein Deutscher zu sein, lebt in dieser Gesellschaft, ohne einen eigenen Beitrag dazu beizusteuern.“

„Das Wirtschaftliche hat immer mehr um sich gegriffen, das Menschliche ging zurück.“ Lücke über den Wandel im
deutschen Gesundheitswesen

Nichts ist unsozialer als Verschwendung – hier wie dort.“ Lücke über die Wegwerfgesellschaft

von Chris Winter

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