Sommernachtsträume - Titelbild

Sommernachtsträume #22

Prima Klima

von Wolfgang Weiß, Klimaschutzbeauftragter der Stadt Coburg.

Ein Glosse mit sehr ernsthaftem Hintergrund – und vielen Chancen für die Zukunft Coburgs. Textlich verpackt und ausgeschmückt von Wolfram Hegen.

Es gibt Tage, die gibt es nicht. Es ist so einer dieser Tage, und ich weiß ja, dass es ihn nicht wirklich gibt, aber manchmal träume ich in dem Wissen, dass ich träume und lasse es geschehen. Also schließe ich wieder die Augen und trete fleißig weiter in die Pedale meines Fahrrades, sanft vor mich hinatmend, nur kleine wässrige Moleküle, zu wenig, um sich zu einem Schweisstropfen zusammenrotten zu können, benetzen meine Haut, und das, obwohl ich als Route vom Stadtrand zu meinem innerstädtischen Arbeitsplatz nicht die durchaus mögliche ebene Strecke wähle, sondern einen kleinen Schlenker über den Festungsberg mache (wobei es sich im Traum nicht erschließt, ob dort noch Flugzeuge stehen, schade, das hätte mir der Traum auch noch verraten können), mein Pedelec macht es möglich, das dritte mittlerweile, seit 15 Jahren besitze ich schon eines, wir müssen also etwa das Jahr 2030 schreiben, ich bin an die 70, arbeite noch, aber tue das wohl auch gerne, fühle mich zumindest im Traum auch fit, wahrscheinlich dank der vielen Bewegung, der sauberen Luft und des guten fränkischen Essens, das trotz einer gerade hereinbrechenden Tiefschlafphase ein leichtes Ziehen meiner Geschmacksnerven verursacht.

Die neue Flocken-Stiftung

Die Sonne blitzt durch die Bäume im Hofgarten, dessen frühmorgendlichen Duft ich tief einsauge und an dessen Rand ich auf der vor zwei Jahren fertiggestellten Hofgarten-Güterbahnhof-Elektro-Tangente ins Tal brause wie es auch viele andere tun, auch kleine sanft vor sich hinmurmelnde im 5-Minuten-Takt verkehrende Stadtbusse, endlich hat man auch in Kleinstädten verstanden, dass der öffentliche Personennahverkehr attraktiv sein muss, um zu funktionieren. Ich treffe Kinder auf eigenen besonders markierten Fahrspuren auf dem Weg zu Schule, Sport, Theater oder Ballett. Auch einige Fahrzeuge der elektrobasierten Carsharingflotten mischen sich unter uns. Viele dieser Unternehmen haben sich in Coburg niedergelassen, seit die Stadt europäische E-City ist in Gedenken an den Erfinder der Elektromobilität, den Coburger Andreas Flocken. Die nach ihm benannte Flocken-Stiftung, an der ich gerade vorbeisumme, stellt viel Geld für die Weiterentwicklung erneuerbarer Energien zur Verfügung. Das erklärt auch die vielen neuen Solaranlagen entlang des Wegs, auf vielen Dächern und Häusern, die in den letzten Jahren entstanden sind und die Coburg quasi unabhängig machen. Es erfüllt mich schon ein wenig mit Stolz, auch weil – so modern aufgestellt – die neue Coburger Stadtführung die aktuell laufende Bayerische Landesausstellung zum Thema „Fitter, schlauer, Elektrofahrer – “ nach Coburg holen konnte. Viele Tausend Besucher haben den jetzt im Stundentakt verkehrenden ICE zur Anreise genutzt, andere die Ausstellung virtuell besucht, eine mittlerweile gängige Alternative.

Bio ist billiger

Störend ist nur der noch nicht beseitigte SUV-Schrottplatz neben dem Ausstellungsgelände, obwohl er eigentlich als Symbol einer abgewrackten Altindustrie gut in das Ausstellungskonzept passen würde, schmunzle ich noch vor mich hin, als es röhrt und stinkt. Mein Gedankenstrom ist unterbrochen. Vor mir schiebt sich ein alter Benziner auf die Tangente. Wenn das mal gutgeht, denke ich bei mir, ohne allerdings mit dem Fahrer so etwas wie Mitgefühl zu entwickeln, schon seit vier Jahren nämlich bekommen Verbrennungsmotoren keine Zulassung mehr für die Innenstädte in Deutschland. Lange genug waren sie privilegiert, steigt der langsam verblassende Zorn früherer Jahre wieder auf, wurden sie am Tropf innerstädtischer Parkplätze künstlich am Leben gehalten ähnlich wie die steuerfinanzierte Sterbebegleitung für Kohle- oder Atomstrom. Wozu Innenstädte im Namen des Einzelhandels durch Parksuchverkehr, Gestank und Lärm noch unwerter machen, wenn doch gerade ihre Attraktivität, Ästhetik, Ruhe und Schönheit, also ihre Qualität es ist, die Menschen an kleineren Städten so schätzen, beginne ich in altem Frust zu versinken, als die Durchquerung des Stadtkerns mein Gemüt wieder beruhigt: Der Marktplatz ist nicht nur Knotenpunkt der Hofgarten-Güterbahnhof- mit der Lauterer-Höhe-Brose-City-Tangente, sondern der pulsierende Mittelpunkt der Stadt. Seit einigen Jahren hat sich der Trend zu regionalen Lebensmitteln derartig verstärkt, dass kaum ein Hersteller aus der Region um das nahezu tägliche Gastspiel in der Innenstadt herumkommt.

Nix mehr auf den Müll

Mit dem Pedelec, elektrischen Carsharinganbietern oder den elektrischen Pendelbussen ist man schnell dort und wieder weg. Seit Plastikverpackungen so hoch besteuert werden, dass jedes liebevoll gepflegte Biorind billiger ist als ein eingeschweisstes Schweinenackensteak, hat sich der Lebensmittelmarkt gedreht. Jetzt wird noch regionaler gegessen, genussvoller, gesünder, und am Ende sogar noch billiger. Weil nämlich nicht mehr die Hälfte aller Lebensmittel am Ende auf dem Müll landet wie noch 2017. Weil das Essen gehaltvoller und nahrhafter ist. Und es braucht kaum mehr ein Haushalt einen zweiten oder dritten Kühl- oder sogar noch Tiefkühlschrank. Und es benötigt weniger Transporte quer durch Europa, auch wenn die durch autonom fahrende Elektrolastwagen jetzt für mich erträglicher geworden sind. Und außerdem ist in der Stadt jetzt mehr Platz für Außengastronomie, kleine Veranstaltungen, Straßenmusik. Und überhaupt … Ich wälze mich nach rechts, dann wieder nach links, das Wissen darum, dass es sich um einen Traum handelt, dessen Verwirklichung unmöglich erscheint, aber mit heutigen Wissen und heutigen Technologien möglich ist, lässt mich unruhig werden, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, den Traum weiter geschehen und Glücksgefühle sprießen zu lassen, und dem Impetus, aufzustehen und anzupacken, damit er vielleicht in Teilen einmal Wirklichkeit wird. Es ist ja auch nicht so, dussle ich so langsam wieder ein, mich mittlerweile auf dem Weg in Richtung Frankenbrücke befindend, dass nichts erreicht worden ist.

Seit 2009 gibt es in Coburg ein integriertes Klimaschutzkonzept.

Europäisches Modell

Ich träume mich zurück ins Jahr des Traumes, als in Coburg die Dreifachsporthalle an der Karchestraße eingeweiht worden ist, mit Passivhausstandard, gebaut fast nach den Kriterien der kompletten Wiederverwertbarkeit aller genutzten Materialien. Das war innovativ. Die Liegenschaften der Stadt selbst waren auf einem guten Weg, Energieverbräuche sind reduziert worden. „Es geht doch“ höre ich mich im Traum laut in mein Kissen raunen, als ich auf das frühere Güterbahnhofgelände fahre, eines der ersten Cradle-to-Cradle-zertifizierten Entwicklungsgebiete Europas, Modellprojekt, autofrei, über Kontaktschleifen steuern kleine futuristische Kabinen wie von Geisterhand ihre Ziele an, architektonisch aufregende nachhaltige Gebäude für Institute, Forschungseinrichtungen, Existenzgründer, die sich seit zehn Jahren vom Innovationsgeist und Mut dieser kleinen Stadt haben anlocken lassen. Glücklicherweise, mischt sich der fantastische Traum mit dem Wissen um die aktuelle Realität, hat man sich damals nicht vom Theaterumbau von diesem noch wichtigeren Zukunftsthema ablenken lassen. Und glücklicherweise sind nach und nach alteingesessene Unternehmen auf den Zug aufgesprungen, sind dem 2016 noch gescheiterten Energieeffizienznetzwerk beigetreten und haben sich auf neue Pfade begeben, die sie heute, fast fünfzehn Jahre später, nie mehr verlassen würden, die sie wettbewerbsfähiger, moderner, attraktiver für Fachkräfte gemacht haben.

Endlich aufwachen

Ich schließe mein Pedelec an einer Stromtankstelle an und gehe ins Büro, dessen verglaste Solarmodulaußenfassade in der Morgensonne leuchtet. Das musste jetzt noch sein, jetzt erlaube ich mir das Aufwachen.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Die Stadt Coburg

… ist seit 1993 Mitglied im Klimabündnis europäischer Städte. Der Antrag damals ging einstimmig durch den Stadtrat. Ziel des Klimabündnisses ist es unter anderem, die Treibhausgasemissionen kontinuierlich zu vermindern und den Kohlendioxidausstoß alle fünf Jahre um zehn Prozent zu reduzieren. Die Halbierung der Pro-Kopf-Emissionen, bezogen auf das Basisjahr 1990, soll bis spätestens 2030 erreicht werden.

Wolfgang Weiß, Klimaschutzbeauftragter der Stadt Coburg

1990 emittierte jede Person in Coburg knapp 11 Tonnen Treibhausgase. Aus 11 Tonnen sollen also 5,5 Tonnen werden. Aktuell sind es 10 Tonnen. Aktuell findet 98% der Mobilität in Coburg mit Verbrennungsmotoren statt, nur 2% mit Elektromotoren.

Weltweit verbrauchen 20% der Menschheit 80% aller Ressourcen.

 

 

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