Sonderthema Ästhetik – Ein Haus mit vielen Stockwerken #42

Ein Haus mit vielen Stockwerken

Interview mit Prof. Michael Heinrich

Liegt Schönheit im Auge des Betrachters? Kann man sie messen? Was finden wir schön und warum? Fragen, mit denen sich Prof. Dr. Michael Heinrich von der Hochschule Coburg beschäftigt. Erst im letzten Jahr ist sein Buch zu einer disziplinübergreifenden Ästhetik erschienen. Ob in München, Cambridge oder Washington, oder jetzt ganz neu im Rahmen eines Kooperationsprojektes der Hochschule Coburg mit dem Fraunhofer Institut IVI: Heinrichs Wort hat Gewicht in der Fachwelt. Der COBURGER hat sich mit dem gebürtigen Münchner und Wahl-Coburger unterhalten.

COBURGER: Seit wann beschäftigen Sie sich mit Fragen der Ästhetik?

Prof. Dr. Michael Heinrich: Das ist eigentlich ein Lebensthema von mir. Das ging schon mit 15 Jahren los. Damals habe ich schon mit meinem Vater diskutiert, warum Menschen etwas schön finden oder eben nicht. Ich habe mich dann immer gefragt, wie ein Raum oder ein Kunstwerk beschaffen sein muss, um eine beabsichtigte Wirkung auszulösen. Ich wollte wissen, was genau ich als Gestalter denn eigentlich tue. Im Rahmen der wissenschaftlichen Beschäftigung damit wurde später schnell klar: Es gibt zu dieser Fragestellung viele Einzelaussagen; jede wissenschaftliche Disziplin kocht ihr eigenes Süppchen dazu, hat ihre eigenen Thesen und Theoriegebäude zum ästhetischen Erleben. Aber wo lassen sich am ehesten handfeste Beweise dafür finden, warum wir etwas auf eine gewisse Weise wahrnehmen und dann eben schön finden oder nicht? Ich wollte zunächst von unseren gemeinsamen Rahmenbedingungen als Menschen ausgehen, nämlich von unserem Körper, der Biologie und der Psyche, die ja Muster erzeugen, die auch den Geist prägen. Und wie wirken dann solche Muster mit Erfahrungen, Wissen und kulturellen Prägungen zusammen? Diese Fragen waren innerhalb der praktischen Gestaltungsarbeit immer eine Herausforderung für mich. Deshalb habe ich schließlich 2018 an der LMU zu psychologischer Ästhetik promoviert und im letzten Jahr ein Buch veröffentlicht, das Grundzüge einer übergeordneten Designtheorie entwickelt, über alle wissenschaftlichen Disziplinen hinweg.

COBURGER: Wir verwenden ja oft mal den Begriff Ästhetik und meinen damit etwas Schönes, Harmonisches, Stilvolles, Ausgewogenes. Trifft das den Kern der Ästhetik?

Prof. Dr. Michael Heinrich: Ja und Nein. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet man in der Regel etwas als ästhetisch, was man schön findet. In der Philosophie und später in der Psychologie betrifft Ästhetik seit dem 18. Jh. allerdings viel mehr, nämlich alles, was wir sinnlich wahrnehmen und erfahren können. Wir finden ja durchaus auch oft Dinge attraktiv, die man nicht als klassisch schön oder harmonisch bezeichnen würde. Manchmal mögen wir Computerspiele, die in düsteren kriegerischen Welten spielen, oder lieben den Kick, den uns Thriller oder Gruselfilme verschaffen. Eine ästhetische Theorie muss auch für solche vermeintlichen Widersprüche Erklärungen bieten, ebenso wie für den Umstand, dass wir als Menschen einerseits viele Vorlieben und Abneigungen teilen, aber auch häufig völlig individuelle ästhetische Bewertungen entwickeln.

COBURGER: Warum ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit Ästhetik so wichtig?

Prof. Dr. Michael Heinrich: Das hat ganz praktische Gründe. Vor uns liegen große gesellschaftliche Herausforderungen, und alle müssen auch ästhetisch gestaltet werden. Wie planen wir unsere Räume, Architekturen und Städte, wie designen wir Objekte und Prozesse? Es geht ja eben nicht nur um reine Nutzfunktionalität, sondern es soll ja ein Umfeld entstehen, das unser Wohlbefinden, unsere Gesundheit, unsere Lebensqualität und damit auch unsere Leistungsfähigkeit ganzheitlich unterstützt. In der Realität werden jedoch in vielen Gestaltungsprozessen ästhetische Erkenntnisse komplett vernachlässigt, etwa zu sozialen oder atmosphärisch-emotionalen Aspekten von Gestaltung. Durch die Ergebnisse entsteht dann u.U. bei sehr vielen Menschen ästhetisches Unbehagen, etwa im Städtebau. Fortschritt kann auch darin bestehen, die Gestaltung unseres Umfelds tatsächlich an die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppen anzupassen. Angewandte, wissenschaftlich begründete Ästhetik kann einen riesengroßen Beitrag dazu leisten. Das hat manchmal durchaus mit Ressourcen und Investition zu tun, vor allem aber mit konzeptionellem Know-How. Apple ist deswegen Kult geworden, weil die Firma genau das begriffen hat. Es stecken weder Zufall, Glück oder Magie dahinter, sondern ästhetische Profile – die dann in uns Schönheit oder andere ästhetische Erlebnisse auslösen.

COBURGER: Menschen, Musik, Kunst, Literatur, Autos, Dinge, alles, was wir wahrnehmen können, können wir als schön empfinden – oder eben nicht. Für nicht wahrnehmbare Dinge gibt es also keine Ästhetik?

Prof. Dr. Michael Heinrich: Es gibt auch nichtsinnliche mentale Strukturen, etwa gedankliche Schemata, und die folgen offensichtlich ebenfalls ästhetischen Prinzipien. Mathematiker können Formeln als schön empfinden, und eine Studie von letztem Jahr zeigt, dass die Schönheitskriterien etwa für mathematische Beweise und Gemälde sehr ähnlich sind, und zwar sowohl bei Laien als auch bei Fachleuten. Die Kriterien Eleganz, Tiefgang und Klarheit haben sich als besonders stabil herausgestellt.

COBURGER: Wie bewerten wir als Menschen denn nun, was wir als schön oder eben nicht schön wahrnehmen?

Prof. Dr. Michael Heinrich: Also das ist sehr komplex, ich erkläre das gerne mit meinem 3-Ebenen-Modell. Biologisch teilen wir Menschen ein gemeinsames Instrumentarium, mit dem wir Formen, Farben, Geräusche oder Gerüche wahrnehmen – unsere Körper und Nervensysteme sind ja bei uns allen erst einmal gleich angelegt, und das gilt auch für manche unmittelbare Wahrnehmungsreaktionen. Viele Reflexe, das Kindchenschema oder einige Muster des Sexualverhaltens etwa sind nicht nur bei Menschen gattungsübergreifend festzustellen, sondern auch bei anderen Säugetieren und Vögeln. Auch auf andere Schlüsselreize reagieren wir tendenziell gleich: Spitze Gegenstände oder laute Geräusche werden meist als bedrohlich wahrgenommen, fruchtbare Landschaften als harmonisch und schön. Auf der zweiten, der biografischen Ebene, machen wir im Laufe unseres Lebens ganz eigene Erfahrungen, verbinden gewisse Wahrnehmungen mit schönen oder eben nicht-schönen Gefühlen. Und dann werden diese Deutungsmuster auch noch durch eine sozio-kulturelle Ebene überformt: Welche ästhetischen Unterscheidungsmerkmale beschreiben in einer sozialen Gruppe oder in einem Milieu die Rollen einzelner Mitglieder innerhalb der Hierarchie, welche sind ein Zugehörigkeits- oder Erfolgszeichen? Was muss man schön finden, besitzen, zur Schau stellen, um dazuzugehören?

COBURGER: Wo im Kopf entsteht denn innerhalb kürzester Zeit die Bewertung: „Das ist aber schön.“

Prof. Dr. Michael Heinrich: Vereinfacht gesagt finden wir ja etwas schön, was uns angenehme Gefühle bereitet. Und Gefühle sind funktional mit dem limbischen System verknüpft, das auch für die Ausschüttung von entsprechenden Botenstoffen sorgt, etwa Dopamin und Endorphin. Dort erfolgt zunächst eine erste spontane emotionale Reaktion auf einen Umweltreiz, einen Gegenstand oder einen Menschen. Dann werden Rückkopplungsschleifen zu biografischen und kulturellen Deutungsmustern in anderen Hirnbereichen hergestellt, die immer wieder zur Gefühlsebene zur Neubewertung zurückgeschickt werden. So rastet sehr schnell eine Bedeutungsmischung ein, die dann Verhaltensmöglichkeiten nahelegt.

COBURGER: Also die Ästhetik, also was wir wie wahrnehmen und bewerten, ist kein statischer Prozess?

Prof. Dr. Michael Heinrich: Nein, eigentlich kämpfen immer zwei oder drei Ebenen miteinander. Oder anders gesagt, das Haus der Ästhetik hat viele Stockwerke. Nehmen wir als Beispiel mal einen erfolgreichen Banker. In seinem Umfeld fahren viele Kollegen einen Porsche oder ein ähnliches Fahrzeug. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch er einen Porsche schön findet, auch, weil er in seiner sozialen Gruppe dazugehören möchte. Das ist die kulturelle Prägung. Es kann aber sein, dass ihm dann seine Oma einfällt, die immer gesagt hat, Junge, immer bescheiden bleiben, nicht protzen. So ist er biografisch geprägt worden, und schon hat er einen inneren Widerspruch, nämlich dass er den Porsche einerseits attraktiv findet, sich aber nicht so richtig daran freuen kann. Nebenbei gesagt hat ein Porsche auch ein gutes biologisches Ästhetikpotential durch seine geschwungenen Formen und kohärenten Linienflüsse.

COBURGER: Ist Ästhetik zeitlos, objektivierbar, messbar?

Prof. Dr. Michael Heinrich: Also ich halte mit vielen anderen die biologische Ebene für relativ zeitlos, weil leiblichkeitsgebunden: Es gibt über Zeiten und Kulturen hinweg einen Sockel aus Konstanten dafür, was wir als schön empfinden. Durchschnittliche, symmetrische Gesichter gehören zum Beispiel dazu: Sie vermitteln Verlässlichkeit, Harmonie, vielleicht auch Gesundheit, wichtige Faktoren bei der Partnersuche. Und man kann diese Wahrnehmung auch messen. Mit der funktionellen Magnetresonanztomographie und anderen Verfahren können wir quasi in Gehirne schauen und beobachten, welche Prozess-Muster darin etwa beim Anblick eines Gesichts entstehen, aber auch, wie jemand affektiv reagiert. Interessant dabei ist eben, dass wir manchmal etwas Anderes sagen und bewusst wahrnehmen, als wir eigentlich empfinden. Häufig kommen sich alle Deutungsebenen – die biologische, die biografische und die kulturelle – ein wenig in die Quere, wenn etwa die kulturelle Ebene die beiden anderen Ebenen zensiert, und viele unserer verschiedenen, widersprüchlichen Bewertungen werden uns noch nicht einmal bewusst. Das wäre wohl auch ziemlich anstrengend! Unser Gehirn präsentiert uns sozusagen meistens nur die Schlussrechnung.

COBURGER: Ist dieser kulturelle Druck größer geworden?

Prof. Dr. Michael Heinrich: Gerade in der heutigen Zeit entsteht durch die vielen Bilderwelten, die auf uns einprasseln, ein wahnsinniger Druck auf der kulturellen Ebene, gerade auf junge Menschen. Das hat eine Dynamik erreicht, die uns Menschen sehr weit von unserer Selbstwahrnehmung und Selbstakzeptanz forttreiben kann, im Streben nach dem, was gesellschaft lich als schön und begehrenswert gilt. Und wer dann zu wenig direkte Bezugspersonen im persönlichen Umfeld hat, die einen als Gesamtwesen annehmen und stärken, benötigt umso mehr Follower, Likes, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Bestätigung im Netz, in der oft vergeblichen Hoffnung, sich aufgehoben zu fühlen.

COBURGER: Und schöne Menschen mit schönen Dingen in schönen Umgebungen haben doch auch einen persönlichen, finanziellen, sozialen Vorteil?

Prof. Dr. Michael Heinrich: Ja, es gibt Studien, die nahelegen, dass schöne Menschen zunächst mehr Karrierevorteile haben und mehr verdienen können. Allerdings heißt das überhaupt nicht, dass nicht so perfekte Menschen nicht auch sehr erfolgreich sein können, manchmal sogar das Gegenteil. Denn Menschen, die sich nicht auf ihre äußere Schönheit verlassen können, entwickeln dafür häufig andere, viel nachhaltigere Fähigkeiten, um privat und beruflich erfolgreich zu sein. Freundlichkeit, Lebendigkeit oder Empathie zum Beispiel sind wunderbare Eigenschaft en, die einen Menschen in der Wahrnehmung „schön“ und sehr erfolgreich und glücklich machen können, die aber mit körperlicher Schönheit wenig zu tun haben. Man muss lernen, sich zunächst so zu akzeptieren, wie man ist, auch wenn der soziale Druck zum Bessersein, zum „Ideal“-Sein oft ungeheuer groß ist. Dann wird man auch sehr viele schöne Eigenschaft en bei sich entdecken, die einen selbst und andere froh machen können. Der innere Einklang ist es nämlich auch, der besonders schön machen kann. Wenn man wirklich begriff en hat, dass das eigene Glück nicht am eigenen Aussehen liegt, dann wird man auch sagen können: Jetzt bin ich frei, mich der Welt zuzuwenden und nicht mehr vor dem inneren und äußeren Spiegel kleben zu müssen.

Die Fragen stellte Wolfram Hegen.

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