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Sonderthema Familie – Was gibt uns Halt? #53

Die Familie im Sinne der bürgerlichen Kleinfamilie gibt es noch nicht lange, gut 200 Jahre, auch wenn gerade von Seiten konservativer Politik gerne der Eindruck erweckt wird, das gemeinsame Leben von Papa und Mama mit Trauschein und leiblichen Kind(ern) unter einem Dach sei so etwas wie ein Naturgesetz, die ideale Form des Zusammenlebens, die kleinste Zelle der Gemeinschaft, der Hort der Liebe, Geborgenheit und Sicherheit. Das kann funktionieren und wenn es funktioniert, ist es eine wunderschöne Zeit, aber es muss und kann eben nicht immer funktionieren. Mehr noch:

Das Idealbild der bürgerlichen Kleinfamilie ist unter einem monströsen Erwartungsdruck schon lange zerbröselt. Weil nur ein vorhandener Verwandtschaftsgrad eben allein noch keine Garantie dafür ist, nicht erniedrigt, unterdrückt, beleidigt, alleingelassen, ausgenutzt, beraubt, verletzt, vergewaltigt oder sogar ermordet zu werden. Die Statistik spricht eine deutliche Sprache.

Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Geborgenheit, Verlässlichkeit, Sicherheit, Vertrauen aber bleibt. Und so ist Familie heute mehr ein Gefühl als ein Vertrag. Menschen, die zusammenleben, aufeinander aufpassen, gemeinsam kochen, füreinander sorgen, sich kümmern, die sich einlassen auf einen kleinen Kreis anderer. Ein Geben und Nehmen. Das sind heute Familien.

Was bedeutet doch das Wort „familia“ ursprünglich? Es geht zurück auf die vorrömische Zeit im heutige Mittelitalien: Der damalige Begriff „famat“ bedeutete „Wohnen“. Das kann die traditionelle Papa-Mama-Kind-Familie sein, die Wohngemeinschaft, vieles dazwischen und auch darüber hinaus.

Hauptsache, die eigene Familie schützt, sorgt und kümmert sich.

Hauptsache, sie gibt sich Halt.

Interview mit Prof. Dr. Susanne Gröne

Du sorgst für mich, ich für dich…

Fast alle werden wir in eine Familie hineingeboren, eine eigene Familie zu gründen ist Herzenswunsch vieler Menschen. Jeder oder jede hat in irgendeiner Form seine eigene große und oder kleine Familiengeschichte. Familie ist im Leben fast allgegenwärtig. Was macht Familien aus, die kleinste Einheit einer Gesellschaft? Wir haben uns dazu mit Prof. Dr. Susanne Gröne unterhalten, sie ist Dekanin der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit an der Hochschule Coburg.

COBURGER: Frau Gröne, wie hat sich die Vorstellung von Familie im Lauf der Zeit verändert?

Gröne: Man kann grundsätzlich sagen, dass der Begriff sehr stark von Veränderungen geprägt ist. Familie war vor 100 Jahren etwas anderes als vor 1000 oder 10000 Jahren oder eben als heute. Wie Familie gelebt wird, ist immer von der Geschichte abhängig, von den jeweiligen Notwendigkeiten einer Zeit. Grundsätzlich ist Familie aber immer da, wo es verantwortlich gelebte Beziehungen zwischen Menschen gibt. Das ist eben nicht nur die bürgerliche Kleinfamilie, also ein Ehepaar mit seinen Kindern – dieses Bild der heilen Familie stammt aus dem 1950ern – sondern das sind auch Familien ohne Trauschein oder ohne Kinder, Familien, die ihre Eltern pflegen oder andere Formen.

COBURGER: Die Zahl der klassischen verheirateten Kernfamilien mit Kindern sinkt, unverheiratete oder andere Familienmodelle oder Alleinerziehende mit Kindern steigen, wird der Trend sich fortsetzen?

Gröne: Die Zahl der Ehepaare mit und ohne Kinder ist in den letzten zehn Jahren eigentlich ziemlich stabil geblieben. Viele andere Formen der Familie ohne Trauschein sind statistisch zudem schwer zu erfassen. Also das Krisenszenario von der Familie als Auslaufmodell stimmt so nicht: Die Menschen suchen nach Verbindlichkeit und Verlässlichkeit in Beziehungen, das hat sich eingependelt.

COBURGER: Ist der Mensch immer auch Familienmensch, der Mensch ein Rudeltier?

Gröne: Wir sind auf jeden Fall soziale Wesen, wir brauchen andere Menschen um uns. Es gibt natürlich auch Phasen des Alleinseins. Das ist aber kein Widerspruch. Grundsätzlich sind wir auf andere Menschen angewiesen, auf verbindliche verlässliche Beziehungen. Deswegen machen wir Verträge auf Gegenseitigkeit: Du sorgst für mich, ich für Dich. Diese Sicherheit, dass man sich auf den anderen verlassen kann, die brauchen wir. Die Formen, innerhalb welcher Beziehungen das passiert, verschieben sich aber je nach Möglichkeit, je nach Notwendigkeit: Das sind eben mal große Familienverbünde, mal kleine wie die Kernfamilie.

COBURGER: Was können Familien am besten für ihre Familienmitglieder tun, was die Gesellschaft sonst nicht leistet?

Gröne: Familie gewährleistet in aller erster Linie Sicherheit und Stabilität. Darüber hinaus gehören aber auch Intimität und Sexualität zur Familie dazu, Familien sind zudem stark identitätsbildend, pflegen zum Beispiel ihre ganz eigenen Traditionen. Eine weitere wichtige Funktion ist die Erziehung von Kindern und deren Sozialisation. Ohne Kinder gäbe es keine Gesellschaft, keine Zukunft. Auch die Pflege der Alten und Schwachen in einer Familie gehört dazu. Familien übernehmen also viele Funktionen, die ein Staat nicht übernehmen kann und ohne die ein Staat nicht funktionieren würde. Er hält sich aus Familien in der Regel auch raus.

COBURGER: Familien können aber auch Gefängnis sein, es gibt viele Fälle psychischer und physischer Gewalt in Familien, warum funktionieren manche Familien nicht und drehen sich sogar ins Gegenteil um?

Gröne: Da gibt es schon Muster: Wenn Menschen mit ihrem eigenen Leben nicht zurechtkommen, krank sind, eine psychische Störung haben, und dann mit anderen solchen Menschen zusammenfinden, dann kann sich das gegenseitig aufschaukeln. Wenn zum Beispiel ein Narzisst jemanden sucht, der ihn anhimmelt: So ein Paar kann nicht normal miteinander umgehen, das kann sich zu einer toxischen Beziehung entwickeln, in der Nähe nicht mehr Sicherheit bedeutet, sondern Gefahr, Manipulation, psychischer oder physischer Missbrauch, offene Gewalt. Alkohol spielt auch oft eine Rolle. Die Menschen lieben sich häufig trotzdem. Erwachsene halten die Situation aus, auch den Kindern zuliebe. Und Kinder lieben ihre Eltern ohnehin, merken oft gar nicht, wie schlecht es ihnen eigentlich geht. So entstehen Konstellationen, die nur ganz schwer auflösbar sind.

COBURGER: Spezialfall Corona. Das waren viele Familien plötzlich auf engstem Raum zusammen, waren mehr als sonst aufeinander angewiesen. Da konnten Familien zusammenwachsen und zeigen, was sie ausmacht, oder auseinanderbrechen, wie fällt da ihr Zwischenfazit aus?

Gröne: Also die aktuellen Zahlen sagen, dass sich bei 50% der Familien die Situation nicht verändert hat, 20% sind sogar näher zusammengerückt, aber es hat eben auch jede fünfte Familie unter Corona gelitten, ist als Verbund nicht mit der Situation klargekommen. Das sind schon viele. Und gerade für Kinder und Jugendliche war die Isolation schwierig. Keine Schule, keine Freunde, die man treffen darf, das alles sind ja aber auch Regulative für Heranwachsende. Ich befürchte, man wird erst in ein paar Jahren sehen, welche Schäden diese Isolation bei jungen Menschen hervorgerufen hat.

COBURGER: Unser Sonderthema heißt „Familie – was hält uns zusammen?“ Hält Familie uns zusammen?

Gröne: Ich würde sagen, ja. Gute verlässliche Beziehungen halten uns zusammen. Sie sind für jeden Menschen lebenswichtig und für die Gesellschaft auch. Dazu gehören Offenheit, Vertrauen und eine gute Kommunikation, die eigene Bedürfnisse nennt und dafür einsteht, aber eben auch darauf achtet, dass es dem anderen gutgeht. Familien sind wahnsinnig wichtig. Eine gute Familie zu haben, diese Sehnsucht steckt wohl in jedem Menschen.

„Eine gute Familie zu haben, diese Sehnsucht steckt in jedem Menschen.“

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Vita

Prof. Dr. Susanne Gröne

Studium der Sozialen Arbeit, Soziologie und Pädagogik. Promotion über das Lernen von Menschen in Krisensituationen am Beispiel von Scheidung. Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin. Berufliche Stationen in der Jugendarbeit, Arbeit mit Alleinerziehenden und der Erwachsenenbildung.

Seit 2010 Professorin an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Coburg.

Dekanin der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit.

Verheiratet, in Coburg lebend.

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