Sonderthema Freude: Wien – Nizza? Ja! Aber bitte zu Fuß!

Kai Kachel und seine Freude am Wandern

Freude ist ein Gefühl. Es lässt unser Herz höherschlagen, uns schmunzeln und manchmal weinen. Wir springen vor Freude in die Luft, lachen herzhaft. Freude lässt uns den Atem verschlagen. Was uns Freude bereitet, ist individuell. Kai Kachel freut sich über unberührte Natur, spontane Begegnungen mit Gleichgesinnten und das Aben teuer, das er beim Wandern erlebt. Von Mai bis September 2023 legt er 2000 Kilometer zu Fuß zurück und überwindet 90.000 Höhenmeter. Er überquert die Alpen und wandert von Wien nach Nizza.

Als Kai im Deutschen Alpenverein der Sektion Coburg von seinem Vorhaben erzählt, wird es mit einem Schmunzeln und vielen Fragen aufgenommen: Mutet er sich da nicht zu viel zu? Macht er es tatsächlich? Inspiriert von Fritzi und Karl Lukan, die 1984 über die Alpen von Wien nach Nizza gewandert sind, setzt er sein Vorhaben in die Tat um. „Seitdem gilt die Tour als Klassiker“, sagt er. Er entscheidet sich allerdings für eine Alternativ-Route, da selbst nach schneearmen Wintern am Hauptalpenkamm noch zu viel Schnee liegt. „Ich habe mir überlegt, wie komme ich von Wien nach Nizza? Was gibt es für Wege?“, sagt er.

Die Entscheidung fällt: Sein Weg führt über Salzburg, den Maximiliansweg durch Bayern, durch Liechtenstein sowie die Schweiz bis zum Genfer See, weiter über die französische Grande Traversée des Alpes (GTA) am Montblanc vorbei zum Mittelmeer. In knapp 80 Tagen wandert er im Sommer 2023 von den Hügeln des Wienerwaldes, am Eiger und Mönch vorbei und durch die kompletten französischen Westalpen bis an die Côte d’Azur. Als Student die Berge neu entdeckt Kai ist schon als „kleiner Steppke“ gewandert. Zu dieser Zeit ist er mit seinen Großeltern im Zillertal unterwegs. „Als Teenager fand ich es dann uncool, mit Oma und Opa in den Urlaub zu fahren und habe eine Weile pausiert.“

Während seines Studiums entdeckt er die Berge neu und schließt sich einer Wandergruppe an. Seitdem kehrt er an Orte zurück, die ihm gut gefallen haben, wie zu dem kleinen Weiler Stein im Pfitschertal auf der Südseite der Zillertaler Alpen. Mit dem Weitwandern beginnt er im Jahr 2008 mit dem Klassiker München-Venedig, der für viele Gleichgesinnte eine Einstiegsdroge ist.

In der Folgezeit wandert er von Graz nach Monaco und längst über die Alpen, damals „innen“ am Alpenbogen entlang. Bei seiner 2023er-Tour überwindet er 90.000 Höhenmeter und legt bisher den höchsten Schnitt an Tageskilometern und Aufstiegsmetern zurück. Am 23. Mai 2023 geht es los Er startet 193 Meter über dem Meeresspiegel am Wiener Kahlenberg. Die Sonne brennt vom Himmel, die Klamm, die er eigentlich gehen möchte, ist gesperrt. Er muss einen Umweg laufen und wird – wie so oft auf seiner Tour – vom Regen überrascht. Oft weiß er am Tag nicht, wo er die Nacht verbringt; manchmal sind die Hütten geschlossen.

Kai übernachtet häufig in Lagern, nicht selten ist er der einzige Gast. Er begegnet Gämsen und Steinböcken, legt Strecken sowohl allein als auch in Begleitung zurück. Er wandert bergauf, bergab und bei Wind und Wetter. Bei der ersten Etappe, die ab Wien startet, kommt er an seine Grenzen. „Es waren über 35 Grad bei knapp 40 Kilometern.

Die Sonne hat – auf den freien Teilstücken – vom Himmel gebrannt. Es war ein langer Tag und ein Felssturz beziehungsweise Murenabgang hat mich zu einem größeren Umweg über Asphaltstraßen gezwungen. Gewitter und Regen brachten kaum Erfrischung, aber Nässe.“ Kai erklimmt Hunderte Treppen. Als er das geschafft hat, sind noch 700 Höhenmeter zu überwinden. Der fünfte und letzte Teil des „Spaziergangs“ führt entlang der französischen Alpen. Es sind nur noch 21 Tage bis nach Nizza. Am 21. August feiert er seinen 46. Geburtstag bei strahlendem Sonnenschein. Am 07. September 2023 am Ziel angekommen, ist er 17 Kilogramm leichter und erschöpft, aber glücklich.

COBURGER: Wien/Nizza in knapp 80 Tagen. Wie viel Planung steckt in dieser Tour?

Kai: Heute ist solch eine Tour kein Hexenwerk mehr. Die Wege sind in der Regel gut ausgeschildert, außer in Bayern. Außerdem gibt es heute elektronische Online-Portale zur digitalen Planung am Computer. Wie muss das damals in den 1980er-Jahren den Lukans gegangen sein: maximale Papierkartenberge, keine Internetverbindung, keine mobilen Organisations-Telefonate. Das ist heute wesentlich leichter.

COBURGER: Was war die größte Herausforderung?

Kai: Die größten Herausforderungen in der Planungsphase sind: Urlaub zu bekommen, Zeit für diese lange Tour freizuschaufeln und dann rechtzeitig zu beginnen. Zudem das Planbare zu planen, das Wahrscheinliche vorherzusehen, das Mögliche zu erahnen und für den Rest gewappnet zu sein. Mittlerweile kann ich auf ein paar Erfahrungen zurückgreifen.

COBURGER: Was rätst du potenziellen Nachahmern?

Kai: Ganz einfach: Machen statt Zaudern. Das Wichtigste ist für solche Touren nicht der Körper, sondern der Kopf. Das Wichtigste für das Gehen sind nicht die Beine und Füße, sondern die Augen. Das Wichtigste unterwegs ist nicht das schnelle Ankommen heute, sondern, dass man sich die Reserven für die nächsten Tage, Wochen und Monate einteilt.

COBURGER: Du hast 17 Kilogramm abgenommen, bist patschnass geworden und wusstest oft nicht, wo du nachts schläfst. Das klingt anstrengend. Was bringt dich dennoch dazu, zu wandern?

Kai: Die wunderschöne Natur, die Begegnungen mit Mensch und Tier sowie die vielen unvorhersehbaren Erlebnisse sind unbeschreiblich. Nach einer Tour ist der Kopf vollkommen frei. Außerdem besinnt man sich auf das Wesentliche: Bewegung, Essen und Schlafen. Eine warme Dusche ist bereits Luxus. Eigentlich müsste die Krankenkasse das als Kuraufenthalt übernehmen: Anti-Burnout- und Akku-Regenerierungsprogramm.

COBURGER: Wie ist es, allein unterwegs zu sein?

Kai: Es ist ambivalent, nämlich perfekt und schlimm. Einerseits muss man sich nach niemandem richten, mit niemandem abstimmen, keine Kompromisse machen und hat kein vergrößertes Verletzungs- und Ausfallrisiko bei Mensch und Material. Andererseits trägt man physisch und psychisch natürlich alles allein, kann die schönen Momente nicht unmittelbar teilen und in schwierigen Situationen nicht beratschlagen. Teilweise bilden sich unterwegs aber auch temporäre – manchmal sehr spontan – Wegabschnittsbegleitgrüppchen: Man achtet aufeinander oder geht zusammen, auch wenn man sich eigentlich nicht weiter kennt.

COBURGER: Mit wie viel Gepäck gehst Du los?

Kai: Mit zu viel. Ich gehöre nicht zur Ultra-Leicht-Fraktion, die eindimensional alles der Gewichtsreduzierung unterordnet. In manchen Bereichen pflege ich meine altmodischen Marotten. Zur Risikominimierung rüste ich mich für Ausnahmesituationen. Dazu gehören ein Biwaksack, Drei-Jahreszeiten-Schlafsack, Mütze, Handschuhe für mich ebenso dazu, wie ein wenig Komfort, etwa trockene Klamotten für abends und Wechsel- Wäsche und Socken. Natürlich ist weniger Gewicht besser. Das beansprucht den Körper weniger, erhöht damit Geschwindigkeit, Reichweite und Agilität und Flexibilität und senkt direkt und indirekt Erschöpfungs-, Verletzungs- und Abbruch-Risiko.

COBURGER: Was planst Du als Nächstes?

Kai: Das ist noch geheim. Früher oder später wird das nächste Projekt kommen: Einmal Weitwanderer, immer Weitwanderer, sagen viele … Die Fragen stellte Gabi Arnold

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