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Aller Leben Anfang #31

Was wir von Baby lernen können

Wir alle haben sie geschafft: Die Reise auf die Welt – voller Erwartung und Anstrengung. Die Geburt war unser aller Anfang und unsere erste Lebensprüfung. Dabei beherrschten wir als Neuankömmlinge viele Dinge, mit denen uns die Evolution ausgestattet hat. Das Bizarre ist: Genau diese Dinge verlernen wir Menschen im Laufe unseres Lebens wieder. Dann können wir uns durch Babys wieder in Erinnerung holen, was artgerecht ist – für die kleinen wie für die großen Erdenbürger.

Im Interview mit Lisa Braunersreuther erzählt Hannelore Wachsmann, was wir von Babys lernen können. Sie arbeitete circa ein halbes Jahrhundert als Hebamme in Coburg Stadt und Land. Dabei begleitete sie rund 5000 Mütter vor und bei der Geburt als auch in den ersten Lebensmonaten ihrer Kinder. Mittlerweile ist die 69-Jährige in Rente und blickt voller Erfüllung zurück auf ihre Zeit als Hebamme.

COBURGER: Was ist es, wovon wir Erwachsene uns von Babys eine dicke Scheibe abschneiden können?

Babys zeigen uns, wie wichtig es ist, Bedürfnisse zu äußern und Gefühle zu zeigen. Das beherrschen sie von Anfang an. Dabei geht es um die Grundbedürfnisse des Lebens: Nähe, Wärme, Liebe, Nahrung, Schlaf und Ruhe. Sie holen sich, was sie brauchen und erkämpfen es sich notfalls auch lautstark. Dabei zeigen sie ihre Bedürfnisse, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Sie lachen, wenn sie sich freuen. Sie weinen, wenn sie Schutz brauchen, der kleine Bauch schmerzt oder die vielen Reize sie überfordern. Das alles machen sie voller Hingabe und Intensität. Wir Erwachsenen hingegen bewegen uns mit unseren Emotionen meist in einem Mittelmaß. Wir versuchen immer nach außen hin adäquat gestimmt zu sein, damit wir wieder etwas erreichen. Es scheint uncool geworden zu sein, Gefühle zu zeigen. Babys gehen mit ihren Gefühlen authentisch um und vermögen uns manchmal damit anzustecken. Gut wenn es gelingt, denn ein leidenschaftliches Leben voller Emotionen ist etwas Schönes.

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Ein halbes Leben lang hat sie Anfänge begleitet: Hebamme Hannelore Wachsmann

COBURGER: Machen wir Erwachsenen uns im Gegensatz zu den Babys also einfach zu viele Gedanken?

Oh ja. Babys zeigen uns, wie man ganz im Hier und Jetzt lebt. Wir Erwachsenen schaffen das immer weniger. Stattdessen sagen wir, dass wir gleich dieses oder jenes tun. Das gibt es bei Babys nicht. Sie können Zeit noch gar nicht begreifen. Es gibt nur das Jetzt. Sie kennen keine Vergangenheit und keine Zukunft. Davon können wir uns viel abgucken: Uns nicht zu viele Gedanken um morgen zu machen, sondern uns im hier und jetzt zu fragen: Welches Bedürfnis habe ich gerade? Will ich etwas essen? Habe ich das Bedürfnis nach Nähe und Interaktion oder brauche ich Ruhe und will mich zurückziehen, weil ich von Reizen überflutet bin und mir alles zu viel ist? Wir Erwachsenen machen uns oft unsere momentanen Bedürfnisse gar nicht mehr bewusst und werden auch von außen so erzogen, dass wir unsere Bedürfnisse nicht mehr ausleben dürfen. Wir entfernen uns Stück für Stück von unseren Urbedürfnissen und geben uns ganz unserer Weiterentwicklung hin.

COBURGER: Weiterentwicklung ist ja per se etwas Positives. Können wir uns im Hinblick auf die Weiterentwicklung auch etwas von Babys abschauen?

Ganz sicher. Babys zeigen uns, neugierig die Welt zu erkunden. Sie wollen neue Geräusche wahrnehmen, Neues tasten, neue Gerüche und Geschmäcker entdecken. Wir als Erwachsene haben auch das Bedürfnis Neues zu lernen, nur ist die kindliche Neugierde meist verschwunden. Das kommt daher, dass wir das meiste schon kennen. Es kommt aber auch daher, dass wir überladen sind von neuen Reizen und uns oft nicht mehr die Zeit nehmen, diese zu verarbeiten. Dann geht das natürliche Bedürfnis, Neues und zu erfahren, ein Stück weit verloren. Wir Erwachsenen haben gelernt, unsere Urbedürfnisse nach Schlaf, Nahrung, Spiel, Bewegung, Ruhe, Bindung und Kommunikation mit dem Verstand zu lenken, manchmal auch zu unterdrücken. Babys können das nicht. Ihre Bedürfnisse sind da und die Umstände erlauben deren Befriedigung oder sie erlauben es eben nicht.

COBURGER: Beherrschen es Babys also besser, voll auf ihre Intuition zu hören als wir Erwachsenen das können?

Ja, definitiv. Der Kopf beziehungsweise der Intellekt wird im Laufe des Lebens immer mächtiger und die Einflüsse von außen auch, während wir es verlernen auf unsere Intuition zu vertrauen. Das Spannende ist: Es gibt Situationen, in denen deutlich wird, dass wir eine gute Intuition haben. Das zeigt sich auch während einer Geburt. Mutter und Kind sind mit einer guten Intuition ausgestattet, denn die Evolution hat Wissen und Erfahrungen von Jahrmillionen tief in unserem Gehirn gespeichert. Wenn sich Mutter und Kind einlassen und dem dominanten Intellekt eine Pause verordnen, passieren die Dinge. Doch das setzt ein gutes Körpergefühl und die Fähigkeit zu vertrauen voraus.

COBURGER: Wie unterscheidet sich die Fähigkeit zu vertrauen zwischen Babys und Erwachsenen?

Babys kommen mit dem Glauben an das Gute auf die Welt. Sie lehren uns, Vertrauen zu schenken. Wenn Kinder an der Brust sind und Hautkontakt spüren, das Sicherheitsgefühl haben, ist tiefes Vertrauen da. Dieses Urvertrauen bringen alle Kinder mit. Sie bauen es in den ersten neun Monaten im Mutterleib auf. Sie gehen stets vom Guten aus. Das Schlechte bringen wir Erwachsenen ihnen erst bei.

COBURGER: Wenn Babys schlechte Erfahrungen machen, flüchten sie sich intuitiv an die Brust der Mutter. Wenn sie älter werden, krabbeln sie zwischen die mütterlichen Beine. Warum?

Sie wollen zurück zum Ursprung, zurück zum Herzschlag, zurück zum Halt. Und auch das kann man von den Kindern lernen: Der Mensch braucht einen Halt. Und dieser Halt wird in der Kindheit geprägt. Es gibt dieses schöne Sprichwort, das es perfekt beschreibt: Gib Kindern Wurzeln und später Flügel. Und so ist es: Wenn sie gute Wurzeln haben, dürfen Flügel wachsen. Ich wünsche jedem Baby starke, tiefe Wurzeln. Denn starke Wurzeln halten auch Stürme und Durststrecken aus. Die Wurzeln beerben unser Urvertrauen, das der Mensch mitbringt und braucht. Hat man es verloren, kann man höchstens wieder zu seinen Wurzeln zurückfinden. Aber es ist viel Arbeit, bis es einem mit dem Kopf gelingt, wieder das Gefühl für das Urvertrauen zu entwickeln.

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