Auf ein Wort Schriftzug

Auf ein Wort #16

Mörder an der Tastatur

Gastbeitrag von Hans G. Tanner

Es ist schockierend, wenn man in nur wenigen Wochen gleich mehrfach damit konfrontiert wird, welche Blutspur ein einzelner Amokläufer oder Attentäter in kurzer Zeit ziehen kann. Inmitten unserer ansonsten so friedlichen zivilen Gesellschaft. Nicht gerade in Coburg oder Bamberg. Aber in Städten, die von uns nur in wenigen Stunden erreichbar sind und die gefühlt so aussehen, wie die unsere. Unsere Hilflosigkeit in solchen Augenblicken setzt ein, nachdem die schrecklichen Bilder, die wir über Fernsehnachrichten oder Internet erfahren haben, nicht mehr direkt vor unseren Augen stehen. Und nach der Hilflosigkeit folgt bei vielen dann die Wut.

Die Wut auf den arbeitslosen rechten Dummkopf, der die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Reker versuchte, mit einem Stich in den Hals zu töten und nur durch Zufall erfolglos blieb. Wut auf die Islamisten, die in Brüssel 32 unschuldige Menschen weggebombt haben. Wut auf den sinnlos blöden BREXIT-Fanatiker, der eine junge Politikerin regelrecht abgeschlachtet hat.

Einige bringen ihre Wut dann in hasserfüllten Beschimpfungen und Rachewünschen zum Ausdruck, die ihren Weg in die Öffentlichkeit über Leserbriefe, Online-Kommentare unter Presseartikeln und letztlich am häufigsten auch durch die Sozialen Medien finden. Direkt aus dem Gefühl ohne Umweg über das Gehirn in die Tastatur. Oft mit abstrusen Rechtschreib- und Grammatikfehlern am Rande der Legasthenie. Aber eben nicht nur. Schlimmer sind die, die subtil mit wohlgesetzten Worten die Gefühle der Wutschreiber aufnehmen und in mundgerechte Sprachbausteine übersetzen.

Sprüche-Produzenten meist aus rechtem aber nicht so selten auch linkem Lager auf der Suche nach Anhängerschaft, die sich entweder dumpf-brütend oder naiv-engagiert schnell hinter den neuen Wahrheiten sammeln. Denn das Weitertragen banaler Scheinwahrheiten ist oft das eigentliche Ziel der Verführer. Wer sich fragt, wo all die Straßenmörder dieser Zeit herkommen, muss meistens nicht lange suchen. Hirnwäsche war schon immer dort am leichtesten, wo ein Hirn noch nie richtig aufgeladen war. Wo die richtigen Sätze auf das passende Gefühl treffen.

Rattenfänger leben von der echten oder freiwilligen Naivität ihrer Jünger. Sie haben es heute leichter als je zuvor. Über die verfügbaren Medien können sie eine große Schar an Nachplapperern erzeugen, die ihren Sätzen folgt, wie früher die Kinder in Hameln den Flötentönen. Irgendwann, wenn wieder jemand aus ihrem geistigen Umfeld über die Stränge und andere Menschen totschlägt, ersticht oder zerbombt, waren sie es auch gewesen. Nicht nur der einzelne Täter vor Ort, sondern auch die Person am Mikrofon oder der Tastatur, die erst das Feld bereitet. Auch die, die zusehen und schweigen, auch in mancher Moschee und der ein oder anderen PEGIDA-Versammlung. Denn sie wissen, was sie tun oder unterlassen.

Es war Alexander Gauland, der den NPD-Spruch, „heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land“, mit größtmöglichem Geschick weiterverbreitet hat, indem er den Dummkopf spielte. Das ist höchst professionelles Rattenfängertum. Bedauerlich, wie viele darauf reinfallen.

Wenn wir Fremden jedoch zeigen, dass zur Freiheit der Rede auch die Verpflichtung zum Lernen und Denken gehören, muss sich niemand Sorgen machen.

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An dieser Stelle laden wir Coburger und Nicht-Coburger, Zu- oder Abgereiste herzlich ein, ihre Meinung kundzutun. Hier in unserem Magazin. Wenn Sie etwas zu sagen haben, sprechen Sie uns an.

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