Auf ein Wort Schriftzug

Auf ein Wort #52

Der COBURGER feiert – wer uns schon länger liest, wird es wissen, aber wir können gar nicht oft genug darauf hinweisen – in diesem Jahr ein stolzes „Doppeljubelläum“: Den 50. COBURGER (im April) und zehn Jahre COBURGER (Ende des Jahres). Angesichts solch eines einmaligen Aufeinandertreffens zweier quasi historischer Ereignisse der Coburger Stadtgeschichte blicken wir natürlich in jeder Ausgabe 2022 ein wenig zurück – in unseren kleinen Reminiszenzen. Geschichten aus zehn Jahren Coburg. Dieses Mal aus dem Jahr 2014. Der Kommentar in „Auf ein Wort“ aus der damaligen 9. Ausgabe hätte auch 2011 oder 2017 erscheinen können, auch 2022, oder – wenn es den COBURGER da schon gegeben hätte – zum ersten Mal 2008. Damals nämlich fand die herzoglich-weltgeschichtlich geprägte, durch Nazikollaboration schuldige, durch jahrzehntelanges Zonenranddasein erniedrigte Coburger Seele endlich wieder Trost: Das Integrierte Innenstadtkonzept sprach von Coburg als von einer „gefühlten Großstadt.“ Das tat gut. Und so beruft man sich bis heute darauf, doch eigentlich mehr zu sein als man ist. Warum eigentlich? Das fragten wir uns schon 2014 …

Provinz ist sich selbst genug

Österreich diskutiert über eine „Theaterreise in die Provinz“, ein Festival, das den Begriff „Provinz“ positiv besetzen möchte. Doch manch Künstler hat mit diesem Motto ein Problem, möchte damit nicht in Verbindung gebracht werden. Auch Regensburg streitet … um einen protzigen Neubau in der Innenstadt, der sich dem ewigen Minderwertigkeitskomplex von Städten außerhalb der Metropolen trotzig entgegenrecken soll: „Wir sind auch wer!!!“

Und Coburg? Nennt sich seit nun schon sechs Jahre „Gefühlte Großstadt“. Aber: Wer will das eigentlich? Großstädte sind teuer, stinken, kosten Zeit. Will das jemand, der hier lebt, wirklich fühlen? Tag für Tag? Oder sind solche Begrifflichkeiten nicht einfach nur Therapie, um den ewig provinziellen Minderwertigkeitskomplex zu behandeln?

Wer minderwertig ist, fühlt sich zu dick, zu dumm, zu hässlich, zu klein, zu unbeliebt, zu arm. Aber das alles ist Coburg nicht. Coburg braucht sich nicht minderwertig zu fühlen, pflegt seine Komplexe aber trotzdem, indem es sich immerzu mit anderen vergleicht, die größer sind, indem zugereiste Neucoburger gerne betonen, dass sie „nicht ewig hierbleiben“, „eigentlich auch einen Job in München oder Berlin hätten haben können“, indem sie gerne von ihrem letzten Städtetrip nach London, New York oder Rom schwärmen … aber erstens ist es im Urlaub immer schön, und natürlich auch in den Metropolen in der Welt. Aber mit Lebensqualität hat Größe nun wirklich nichts zu tun:

Provinz heißt gleich im Grünen sein, ohne stundenlang fahren zu müssen, sich auf der Straße noch zu kennen, zu Fuß zur Arbeit gehen zu können, sich auszukennen, jede Straße, jede Gasse, die Luft atmen zu können, mehr Zeit für sich zu haben. Provinz muss sich nicht vergleichen. Provinz ist sich selbst genug, vielleicht ist es das, was manche als „provinziell“ bezeichnen. Provinz, richtig gelebt, muss nicht geliebt werden.

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