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Ballet am Landestheater Coburg #32

Ballet am Landestheater Coburg

von Anja Hampel

Sie sind elegant und anmutig, tragen hautenge Kleidung in Rosa, Weiß, Creme. Sie schweben über die Bühne, vollführen tollkühne Sprünge. Männer heben zarte Partnerinnen scheinbar mühelos in die Luft. Setzen sie auf satinbezogenen Fußspitzen ab. Hinter der Leichtigkeit, der Ästhetik, dem Lächeln eines Balletts aber verbirgt sich harte Arbeit.

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Schweiß, angespannte Muskeln und Sehnen, die vor Anstrengung hervortretenden Adern – hinter jedem Sprung steckt ein Kraftakt. Und bei jedem Schritt der Tänzerinnen klopfen die harten Sohlen und Kappen ihrer Spitzenschuhe auf den Boden. Im Trainingssaal des Landestheaters im Coburger Hahnweg proben die zehn Tänzerinnen und Tänzer das aktuelle Stück „Very British“. Egal, ob gerade nur einer sein Solo tanzt oder die ganze Gruppe dran ist – zu jeder Zeit sind alle hochkonzentriert, beobachten die anderen, wenn sie selbst eine kurze Pause haben, trinken vielleicht einen Schluck Wasser, massieren ihre Füße, überprüfen ihre Haltung im Spiegel. Alles unter den strengen Blicken von Ballettdirektor Mark McClain und Ballettmeisterin Tara Yipp. Erst nach dem kompletten Durchlauf korrigieren sie ihre Tänzer und lassen sie einzelne Passagen wiederholen.

Ballett ist Kunst und gleichzeitig Hochleistungssport, das wird bei der Probe schnell deutlich. Schmerzen gehören dazu, bestätigt auch Tara Yipp. Ohne Disziplin und bedingungslose Leidenschaft wird wohl auch der Talentierteste niemals zum Profitänzer. Gestartet als Kleinkind haben sie alle einen langen Weg hinter – aber keinen langen vor sich. Mit Mitte 30 ist Schluss. Wenn es gut läuft. Ausnahmetänzer schaffen es auch, bis sie 40 sind. Ein Dilemma, denn wenn der Körper besonders gut funktioniert, ist der Ausdruck der Tänzer oft noch nicht auf seinem Höhepunkt. Und wenn das der Fall ist, spielen eben die Knochen nicht mehr mit. In Kanada – der Heimat der Ballettmeisterin – hat die naturgemäß kurze Karriere vielen Tänzern das Leben gekostet, erzählt sie, viele Selbstmorde habe es in der Szene gegeben.

Hilfe bietet seitdem das „Dancer Transition Resource Centre“ (DTSC), das Tänzer in allen Phasen ihrer Karriere berät, finanziell unterstützt und ihnen so auch den Übergang in ein neues Berufsleben erleichtern soll. Das DTSC rät allen, sich rechtzeitig auf ein Leben nach dem Tanz vorzubereiten und eine sinnvolle und erfüllende zweite Karriere anzustreben. Immerhin bringen Tänzer ein enormes Potenzial mit: Kreativität, Disziplin, Ehrgeiz, einen starken Willen. Ähnliche Programme oder Institutionen gibt es in den USA, in den Niederlanden, in Großbritannien – und auch in Deutschland. Die „Stiftung Tanz“ zum Beispiel unterstützt Tänzer nicht nur während ihrer Ausbildung und Karriere, sondern auch nach ihrer „aktiven tänzerischen Laufbahn und während des Übergangs in einen neuen Beruf ideell und materiell“ (www.stiftung-tanz.com). Auch McClain und Yipp kennen das Problem: der Umbruch kommt, ganz egal, ob Tänzer anschließend als Choreographen oder Trainer in ihrer gewohnten Welt bleiben oder nicht. „Man muss auf jeden Fall gut überlegen, wie man mit Geld umgeht,“ rät Ballettdirektor Mark McClain.

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Vom „Rentenalter“ sind die jungen Tänzer des Landestheaters noch weit entfernt. Viele von ihnen haben eine internationale Ausbildung hinter sich, sie stammen aus Italien, Japan, Taiwan, Spanien, Australien, Deutschland, Frankreich, Neuseeland. Die Umgangssprache ist Englisch. Obwohl sie sich immer wieder bemühen, auch Deutsch mit den Tänzern zu sprechen, wie McClain versichert. Er selbst stammt aus New York, Tara Yipp aus dem kanadischen Calgary. Diese Internationalität ist Standard in der Ballettwelt. Während ein üppiges Gehalt, geregelte Arbeitszeiten oder eine sichere Zukunft für andere Menschen gute Gründe sind, einen bestimmten Beruf zu ergreifen, treibt die Tänzer aus aller Welt etwas anderes an. „Man tut es, weil man es liebt,“ so Mark McClain. Tara Yipp bestätigt das. „Wir können uns nicht vorstellen, ohne zu leben.“ Sie selbst hat schon einmal aufgehört, um etwas anderes auszuprobieren – vergeblich. „Ich komme immer wieder zurück. Tanz gehört für mich dazu, zum Leben, zum Körper, zur Seele.“

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Um es kurz zu machen: Es ist ihre Sprache. Egal ob es um den Ausdruck von Gefühlen geht, um die Interpretation von politischen oder gesellschaftlichen Themen – oder ganz einfach um reine Unterhaltung auf der Bühne. Für Tara Yipp und Mark McClain hat der Tanz keine Grenzen. Manchmal könne sie ernste Themen körperlich sogar besser körperlich ausdrücken als mit der Sprache, so Yipp. „Für uns ist das kein Thema.“ In den letzten Jahren habe es am Landestheater immer wieder Ballett mit ernstem Inhalt gegeben, „A Clockwork Orange“ nach der Vorlage von Anthony Burgess, „Gefährliche Liebschaften“ (Choderlos de Laclos), „Peer Gynt“ (Henrik Ibsen) oder Haruki Marukamis „After Dark“.

Gerade in der zeitgenössischen Literatur gibt es aus Sicht der beiden viel Stoff , den man gut als Ballett umsetzen kann. Was diese ganz eigene Sprache des Körpers kann, hat auch die jüngste Inszenierung eines Klassikers gezeigt. Die drei Hexen in Shakespeares „Macbeth“ wurden von drei Tänzern verkörpert. Ihr Text wurde in einigen Szenen ganz gestrichen und tänzerisch umgesetzt. „So hat Macbeth eine ganz andere Ebene bekommen,“ freut sich Tara Yipp noch immer.

 

Aber genau diese Ebene – das Körperliche, die fehlende Erklärung durch Worte – hält vielleicht den einen oder anderen davon ab, sich ein Ballett anzuschauen. Zu elitär, zu kompliziert, zu altmodisch – so die gängigen Vorurteile. Ballettdirektor McClain rät: „Nicht lange überlegen, einfach reingehen!“ Es sei wie Bilder anschauen: einfach Geschmackssache. Und Tara Yipp fügt hinzu, dass sich sogar ihre eigene Mutter manchmal noch Sorgen mache, dass sie ein Stück nicht verstehen könnte. „Egal,“ meint die Ballettmeisterin. Niemand muss eine Kritik über das Stück schreiben. Wichtig ist nur, ob das Ballett einen berührt oder nicht. Und sowieso geht es nicht immer darum, eine Geschichte zu erzählen. Manchmal steht ganz einfach die Ästhetik im Vordergrund. Das Zusammenspiel von Tanz, Musik, Kulissen und Kostümen.

Im Zweifelsfall war der Ballettabend dann einfach nur schön. Schöne Menschen, die sich schön bewegen, sagt Mark McClain. „Es ist nichts Schwieriges dabei.“

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AKTUELL
… läuft im Landestheater das Ballett „Very British“
AB DEM 20. APRIL
… wird das Tanztheater „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ gezeigt.
AB DEM 15. JUNI
… läuft Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ als Open-Air-Ballett im Hofgarten.

Alle weiteren Informationen finden Sie online:
www.landestheater-coburg.de

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