Coburgs Zukunft #1

Ein Beitrag aus der ersten Ausgabe, 2012

Jahrelange politische Grabenkämpfe, jetzt der Sparzwang: in Coburg regiert die Kunst des Machbaren. Verwalten statt gestalten. Diesen Pragmatismus werden Visionen geopfert. Die aber braucht die Stadt.

COBURGS ZUKUNFT

Ist die Zukunft unserer Kinder

Coburg im Jahr 2012. Ein Ort zum Wohlfühlen. Man hat es sich eingerichtet. Es lebt sich gut in der Vestestadt. Das Theater, jetzt der Weihnachtsmarkt, Shopping in der Innenstadt. Es ist schön, richtig schön. Doch der schleichende Niedergang hat begonnen. Unmerkbar fast, und er trägt einen Namen: Pragmatismus. Die politischen Grabenkämpfe der letzten Jahre haben Ernüchterung einkehren lassen, Visionen werden dem Sparzwang geopfert. Die Kunst des Machbaren hat das Regiment übernommen. Coburg, so scheint es, hat nur noch ein Ziel: dem demografischen Wandel die Stirn zu bieten. Es soll am besten alles so bleiben wie es ist. Die Einwohnerzahl darf nicht unter 40000 absinken, ist erklärtes Ziel der Stadtführung. Schon in den letzten Jahren war sie zurückgegangen: von 42629 im Jahr 2002 auf 40915 im Jahr 2011. 1714 weniger Coburger in nicht einmal 10 Jahren. Das klingt nicht dramatisch, ist aber ein Trend. Im Jahr 2030 soll jeder dritte in Coburg älter als 60 Jahre alt sein, prognostizieren Demographie-Experten. Coburg wieder auf dem Weg zurück zur Stadt der Privatiers wie Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als viele Gutverdiener nach Coburg kamen und hier prächtige Villen bauten? Vor diesem Hintergrund mag das Festhalten am Status quo als realistisches Ziel durchgehen – motivieren für die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft kann dieses nüchterne Denken sicherlich nicht. Die Angst vor dem demografischen Wandel ist, wenn auch berechtigt und nachvollziehbar, ein schlechter Berater, um die in der Stadt zahlreich vorhandenen Kräfte freizusetzen. Doch das Rückwärtsgewandte hat vielerorts das Sagen. „Coburgs neuer Süden“ bleibt Brachland. Das Konzept ist ad acta gelegt worden. Kein Investor mochte sich finden, der alles bezahlt. Für die von vorneherein zum Scheitern verurteilte Ausschreibung hat die Stadtkämmerei noch einmal tief in die Stadtkasse greifen müssen. Jetzt bleibt erst einmal alles beim Alten. Die von allen Seiten befürwortete und längst erforderliche Tiefgarage unter dem Schlossplatz ist bisher trotz einer zweckgebundenen Spende noch nicht beschlossen, die dem Kaufhof-Chef Lovro Mandac zugesicherte Anbindung des Kaufhofs an den Steinweg nicht realisiert, das Güterbahnhofgelände dämmert vor sich hin. Doch nicht nur im politischen Coburg, auch in anderen Institutionen bestimmt Skepsis das Denken: wie geht es weiter mit der Frühchen-Station am Klinikum Coburg? Die Einwohnerzahl im Einzugsbereich reicht eigentlich nicht aus, um diese Abteilung zu halten. Doch ein Klinikum in Coburg ohne die notwendige Sicherheit für angehende Eltern mag man sich nicht vorstellen. Der private Wohnungsbau findet fast nicht statt, und wenn, dann werden Wohnungen nicht selten gleich mal so konzipiert, dass sie sowohl studenten- als auch altengerecht sind. Das ist auch Investorensicht sicherlich sinnvoll und weitsichtig, psychologisch kommt dieses Vorgehen aber einem Rückzugsgefecht gleich, einer Anerkennung dessen, was unausweichlich scheint. Wenn keine Studenten mehr da sind, können ja immer noch Senioren in die Wohnungen. Und wenn keine Senioren mehr da sind? Nur wenige von vielen Beispielen, wie der Pragmatismus als Leitbild um sich greift. Ein Pragmatismus, der sicher in die Abwärtsspirale führt.

Führungsrolle beanspruchen

Auch die Zusammenarbeit von Stadt und Landkreis ist diesem Denken geschuldet. Sie orientiert sich am gemeinsam Machbaren und vergisst dabei, dass es einen Unterschied gibt zwischen Stadt und Landkreis. Das mag in einer ohnehin kleinteiligen Region kleinkariert wirken, aber momentan sind beide rechtlich eigenständige Einheiten. Und da ist Coburg das Pferd, das den Karren ziehen muss und das ja auch immer gerne und stolz getan hat. Unternehmen, Kultur, Bildung, Handel, gesellschaftliches Leben, dafür steht das Oberzentrum Coburg. Die Mehrzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten aus Stadt und Landkreis arbeitet bei Unternehmen in der Stadt Coburg. Das ist sicher ein Geben und Nehmen, die Führungsrolle aber hat Coburg inne. Diese Position gilt es in der Zusammenarbeit mit dem Landkreis zu leben und die eigenen Interessen auch durchzusetzen. Es bräuchte ein ganz klares, eindeutiges, immer wieder deutlich kommuniziertes und mit dem Landkreis abgestimmtes Ja zu einem neuen Flugplatz. Es hätte rechtzeitige Gespräche mit den Menschen im Lautertal über eine Werrabahn gebraucht, die laut dem neuesten leider durch handwerkliche Fehler in Misskredit geratenen Gutachten eine bezahlbare und höchst effektive Verbindung darstellen kann. Man muss das Sagen haben im gemeinsamen Regionalmanagement Coburger Land und dafür sorgen, dass dort nach Fördergeldern aus Brüssel, Berlin oder München gegraben wird, dass Zukunftsprojekte auf den Weg gebracht werden und nicht passiert, was Ergebnis der ersten Regionalkonferenz war: diese bezeichnet unter anderem Entwicklungen touristischer Produkte wie FahrRAD & Fitness als dringend und wichtig für die Region als Grundlage eines gemeinsamen Tourismusmarketings. Als weniger dringend wurde dagegen die Bestandspflege von Unternehmen eingestuft. Bei diesen aber verdient der überwiegende Teil der Menschen aus der ganzen Region ihr Geld, nicht im Tourismus. Das wird auch niemand in Frage stellen. Erstaunliche Zielsetzungen vor dem Hintergrund der Brose Entscheidung im Jahr 2012, nicht in Coburg, sondern in Bamberg 250 Millionen Euro zu investieren. Die Folgen wird man spüren: mittlerweile fordert der Bamberger Oberbürgermeister Starke auch technische Studiengänge für die dortige Universität. Man sei ja jetzt auch Autostadt mit bis zu 2500 Mitarbeitern bei Brose, sagte er bei der Einweihung eines neuen Universitätsgebäudes. Immobilienmakler gehen schon mit der Brose Ansiedlung hausieren, Investoren zieht es mehr nach Bamberg, weniger nach Coburg. Zuerst geht die Wirtschaft, dann die Menschen. Zweifelhafte Gutachten und fehlende Flächen hin oder her. Die Botschaft „Brose geht nach Bamberg“ war nicht gut für Coburg und hat gezeigt, dass Bestandspflege eben ganz existenziell ist und nicht der Tourismus. Selbst in Sachen Breitbandanbindung verliert die Stadt ihre Führungsrolle: eine städtische Unternehmenstochter erschließt mittlerweile Landkreisgemeinden und breitet sich sogar nach Südthüringen aus. Die Stadt Coburg wartet auf Grund früherer Stadtratsbeschlüsse so lange lieber auf das schnelle Glasfaser für alle. Da kann sie mit Blick auf die Kassenlage lang warten. Dass ein neuer ICE als ICE „Rödental“ durch Deutschland fährt, mag in diesem Zusammenhang wie eine Randnotiz wirken, ist aber symptomatisch für die aktuelle Situation der Schwäche, auch wenn ein ICE „Coburg“ schon seit 2003 unterwegs ist.

Blick nach vorne

Die Lähmung in der Stadt ist allgegenwärtig. Das hat seinen Grund: Coburg ist nach jahrelangen politischen Grabenkämpfen in der Krise, und jetzt muss sie dazu auch noch sparen. Das ist richtig so, aber das ist man eben nicht gewohnt. Geld war immer genug da. Viele Jahrzehnte gefördertes Zonenrandgebiet und bis heute gute Gewerbesteuereinnahmen. Die Zonenrandförderung aber ist Geschichte und die Gewerbesteuern sind eingebrochen: von gut 60 Millionen netto 2007 auf zwischenzeitlich 33 Millionen 2010. Das ist immer noch viel Geld. Ähnlich große Städte wie Ansbach mit 8 Millionen Euro, Weiden mit 15 Millionen oder Memmingen mit 20 Millionen hatten wesentlich weniger. Doch Coburg gibt zu viel aus: noch im Februar 2009 hatte der Stadtrat ein eigenes Konjunkturpaket aufgelegt. Mitten in der Finanzkrise. Schon damals gab es viele Mahner gerade auch aus der Verwaltung, die vor zu hohen Ausgaben warnten. Stadtratsentscheidungen waren in den fetten Jahren davor zu Wunschkonzerten für Wünsche jeglicher politischer Couleur verkommen. Jetzt zahlt man dafür den Preis. Das ist der normale Gang der Dinge. Doch sollte man darüber nicht den Blick nach vorne vergessen. Sparen ja, aber dennoch oder gerade deswegen investieren in die Zukunft. Jetzt muss man sich überlegen, wofür man das Geld wirklich ausgeben will. Stellen wir uns vor, Coburg wäre ein Unternehmen, das in die Krise geraten ist. Sparen ist angesagt, viele Zukunftspläne sind im Keim erstickt. Dann müsste man sich zusammensetzen und Fragen stellen: Wofür steht das Unternehmen? Worin liegen die Stärken? Wird aus einer oder mehrerer unserer Stärken in den nächsten Jahrzehnten eine Chance? Wie wollen wir diese Stärken entwickeln? Welche Schwächen müssen wir dazu beseitigen? Wo liegen Risiken? Wo gehen wir strategische Partnerschaften ein? Kurz gesagt: Welches Ziel hat das Unternehmen und wie kommt es dahin? Und zwar alle im Unternehmen gemeinsam. (siehe dazu auch das Interview mit Oberbürgermeister Norbert Kastner und IHK-Präsident Friedrich Herdan auf den Seiten……)
Wie wichtig solche Fragestellungen sind, daran lässt auch das Gutachten zur nachhaltigen Konsolidierung des Haushaltes der Stadt Coburg aus dem Jahr 2011 keinen Zweifel. Es fordert an Stelle einer „Maximierung mit überbreiten Schwerpunkten“ eine „Fokussierung, Priorisierung und Aufgabenbeschränkung“.

Gefühlte Großstadt?

Schon das in die Jahre gekommene städtische Motto „Werte und Wandel“ ist heute nämlich kein Wegweiser, kein Differenzierungsmerkmal mehr, denn wer möchte nicht von sich behaupten, Traditionelles zu pflegen und dennoch fortschrittlich zu sein. Es ist mehr eine Zustandsbeschreibung, nicht „Fisch nicht Fleisch“ und damit irgendwie bezeichnend für die aktuelle Ratlosigkeit. Der Slogan ist aber eben auch typisch für die Vielschichtigkeit der Stadt, für das, was das Integrierte Stadtentwicklungskonzept im Jahr 2008 mit dem Begriff „gefühlte Großstadt“ meinte und worauf die Coburger ja zu Recht stolz sind. Ja, Coburg ist schön, hat viele Sehenswürdigkeiten, jetzt sollen auch Radwege gebaut werden, andere basteln an Coburg als Lutherstadt und als Stadt von Prinz Albert, die Royal Albert Hall kennt doch jeder weltweit, aber ist Coburg deswegen Tourismusstadt? Oder ist die Schönheit der Stadt und der Region doch nicht eher ein Argument zum Hierbleiben als nur zum Urlauben? Ja, Coburg ist Designstadt, weil hier anerkannte Designtage stattfinden und die Fakultät Design einen guten Ruf weit über die Region hinaus hat. Das nächtliche Lichtdesign ist beeindruckend. Aber reicht das, um sich im Wettbewerb mit anderen Designregionen zu behaupten? Coburg ist Familienstadt, weil die Stadt auf Grund ihrer guten Versorgung mit Krippen- und Kindergartenplätzen, mit ihren Schulen und Angeboten für Familien deutschlandweit hervorragend dasteht. Ja, aber reicht das in der öffentlichen Wahrnehmung – Familienstadt zu sein? Googelt man „Familienstadt“, stößt man auf 161000 Ergebnisse. Ein Alleinstellungsmerkmal ist das sicherlich nicht. Coburg ist Hochschulstadt, weil die Studentenzahlen stark steigen und der „Coburger Weg“ der ganzheitlichen und individuellen Ausbildung ein bundesweit in seiner Form einmaliges und auch mit vielen Millionen gefördertes Projekt ist. Mittlerweile sind über 50% der Studenten nicht aus der Region, sondern aus anderen Bundesländern. Aber dringt diese erfolgreiche Botschaft genug nach außen? Coburg ist mit seinen Weltfirmen in der Automobilindustrie und im Maschinenbau, vielen hidden champions und seinem großen Versicherungsunternehmen Wirtschaftsstandort, und – damit kein falscher Eindruck entsteht – viele Unternehmen fühlen sich wohl in Coburg und investieren auch in Coburg, so wie aktuell wie das Unternehmen Kaeser. Die Entscheidung von Brose für Bamberg war vor diesem Hintergrund ein Einzelfall. Der soll sich aber eben möglichst nicht wiederholen. Coburg ist Kreativstandort, ist Sambacity, Einkaufsstadt, Theaterstadt, Nordzipfel der Metropolregion Nürnberg, Zentrum für Nordwestoberfranken und Südthüringen für ein Einzugsgebiet von je nach Definition bis zu 500 000 Menschen. Diese Vielseitigkeit macht den Reiz der kleinen Stadt aus, aber darin liegt zur Zeit auch ein Fluch. Für einen gemeinsamen Weg in Zukunft nämlich muss man sich gerade in Zeiten knapperer Kassen auf Leitthemen konzentrieren. Eine Speerspitze formulieren. Doch wie will Coburg wieder angreifen?

Coburg hat Qualität

Wenn man verschiedene Analysen, die ja schon erarbeitet wurden, auf ihre wesentlichen Aussagen reduziert, zeigen sie den Weg auf: Forschung und Entwicklung, Innovationen, Bildung. Coburg hat in diesen Bereichen Qualität, hat Stärken: viele öffentliche und private Bildungseinrichtungen, viele erfolgreiche auch weltweit tätige Unternehmen. Das ist anerkannt, das belegen Studien. Ja, Coburg ist schon traditionell ein starker Wirtschaftsstandort, ja, Coburg ist ein Bildungs- und immer mehr auch Innovationsstandort. Jetzt gilt es, die Stärken in diesen Bereichen zu bündeln, ein klares Ziel daraus abzuleiten, und das Geld, das man hat, gezielt zu investieren: in ein Band für Wissenschaft, Technik und Design, in ein Kongresshotel als Infrastruktureinrichtung und Treffpunkt für Unternehmen und Unternehmer. Platz schaffen und Geld ausgeben für schlaue Köpfe. Das wird sich lohnen und Coburgs soziale, kulturelle und gesellschaftliche Vielfältigkeit wird davon profitieren. Denn: das Geld ist zwar knapper als bisher, das aber ist gut so, dann überlegt man sich besser, wofür man es ausgibt.

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