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Der Wunsch nach Kreativität #40

„Der Wunsch nach Kreativität war schon von Kindheit an wie eine innere Notwendigkeit für mich.“

Die Stars dieser Kunstform heißen nicht Van Gogh oder Michelangelo, sondern Nauman oder Aitken. Die Stars dieser Kunstform produzieren keine Gemälde oder Plastiken, sondern Videos, Filme, Performances: Zeitbasierte Medienkunst beschreibt Kunstformen entlang einer Zeitschiene, vor allem Video- und Filmkunst und Videoinstallationen bis hin zu Kunst auf Basis virtueller Realität. Die Coburgerin Julia Stoschek hat vor über 15 Jahren ihre Leidenschaft für diese Kunstform entdeckt und sich seitdem als Sammlerin und Kuratorin auf der ganzen Welt einen Namen gemacht. Wer ihren Erfolg auf das für eine solche Sammlung notwendige Geld verkürzen will, verkennt, dass es vor allem zweier Dinge bedarf, um erfolgreich zu sein: Großer Leidenschaft, Hingabe und Begeisterung für ein Thema, und im Vorfeld das Erkennen des richtigen individuellen Lebensweges. Der COBURGER hat sich mit der Coburgerin unterhalten.

COBURGER: Sie haben mal gesagt: „Ich sehe mich als eine philanthropische Produzentin. Und ich hoffe, langfristige kulturelle Werte zu schaffen.“ Sind Sie so eine Art Peggy Guggenheim der zeitbasierten Kunst?

Julia Stoschek: Mit Vergleichen tue ich mich grundsätzlich schwer, vor allem mit Peggy Guggenheim, weil sie eine zutiefst unglückliche Persönlichkeit war. Mit ihrer mutigen Sammlung und ihrem wunderbaren Palazzo in Venedig hat sie allerdings einen einzigartigen Kunstort geschaffen. Meine Vision ist es, die Mediensammlung in der aktuellen Kulturlandschaft zu verankern und an die nächste Generation weiterzugeben.

COBURGER: Blöde Frage: Was besitzt man denn, wenn man zeitbasierte Kunst sammelt? Dateien? Oder ist auch Videokunst letztlich gegenständlich?

Julia Stoschek: Der von mir sehr geschätzte Ausstellungsmacher Daniel Birnbaum hat einmal gesagt: „Medienkunst zu sammeln, ist wie Schneebälle zu sammeln“. Ich glaube, das trifft es ganz gut. Die Auseinandersetzung mit dem Ephemeren ist doch eine Signatur unserer Zeit. Und um konkret auf Ihre Frage zu antworten: Bei den historischen Arbeiten aus den 1960er-Jahren gibt es noch haptische Hardware wie 16-mm oder 35-mm-Filme, VHS oder Digibeta- Formate. Die jüngeren Arbeiten sind digitalisiert und kommen als digitale Files zu uns.

COBURGER: Ist Videokunst für die Kunstszene von morgen das, was die expressionistischen Maler für die Kunstszene von heute sind? Sowohl inhaltlich als auch in Sachen der Popularität?

Julia Stoschek: Videokunst ist unkonventionell, non-konform, nicht identitätsstiftend und vor allem politisch. Der Aspekt der Zeitgenossenschaft treibt mich um. Ich kenne keine aktuellere und spannendere Kunstform als die zeitbasierte Medienkunst. Schaut man zurück in die Kunstgeschichte, so haben Künstlerinnen und Künstler immer als Seismographen politische und gesellschaftliche Entwicklungen vorweggenommen, dokumentiert und kritisiert. Die Medienkunst ist die Kunst unserer Gegenwart und diese bedarf wahrlich eines eindringlichen Kommentars.

COBURGER: Sie haben sich einen Status in der Kunstwelt erarbeitet, sind international angesehen, sind in vielen Kunstgremien auf der ganzen Welt vertreten, macht sie das stolz, das alles alleine auf die Beine gestellt zu haben? Julia Stoschek: Den Familiennamen Stoschek hat man viele Jahre mit erfolgreichem Unternehmertum und der Automobilindustrie in Verbindung gebracht. Ich freue mich, dass ich in eine spezielle Szene eintauchen durfte, in der mein Familienname bis dato völlig unbekannt war. In der Kunstwelt weiß man mittlerweile, wie man meinen komplizierten Nachnamen ausspricht und schreibt, für die Taxi- oder Restaurantreservierung benutze ich immer noch gerne geläufigere Namen.

COBURGER: Sie sind selbst künstlerisch total unbegabt, haben Sie in einem Interview einmal gesagt, wären Sie gerne begabt und wenn ja für was?

Julia Stoschek: Ich trage keine künstlerische Begabung in mir, bewundere aber umso mehr die der Anderen. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung, aber vor allen Dingen auch die Diskussion mit kreativen und intellektuellen Köpfen, empfinde ich daher als großes Glück. Meine Aufgabe ist das Beschützen und Bewahren, ja auch das Ermöglichen von Kreativpotenzial.

COBURGER: Wenn Sie das Jahr 2020 videokünstlerisch umsetzen müssten, was käme raus: Ein Horrorfilm? Ein science fiction? Eine Folge der Simpsons? Oder wie sähe Ihr Drehbuch aus?

Julia Stoschek: Als Schlagworte fallen mir hierzu Folgende ein: Innehalten, Anhalten, Nachdenken, Infragestellen, Kontemplation … Eine erzwungene Rückbesinnung auf sich selbst. Übrigens ein Zustand, der den meisten Künstlerinnen und Künstlern überhaupt nicht fremd ist.

COBURGER: Auslöser ihrer Sammlungstätigkeit war eine großformatige Videoinstallation, in der ein Elefant trainiert wird, seinen eigenen Tod zu spielen. Das habe Sie sehr berührt, sagen Sie. Sie kommen ja aus einem konservativen weltweit sehr erfolgreichen Unternehmerhaushalt und wenden sich dann so einem progressiven und gefühlsintensiven Thema wie zeitbasierter Kunst zu, lassen sich von einem Video im tiefsten Inneren berühren und begeistern, war das eine innere Seite von Ihnen, die Ihnen da bewusst geworden ist?

Julia Stoschek: Ich bin in einem äußerst strukturierten Unternehmerhaushalt aufgewachsen – extrem geprägt von unserem Familienunternehmen. Der Wunsch nach Kreativität war schon von Kindheit an wie eine innere Notwendigkeit für mich. Meine Großmutter war Schauspielerin und mein Großvater Generalmusikdirektor und Intendant. Manchmal überspringt die Auseinandersetzung mit Kunst eine Generation.

COBURGER: Sie haben BWL studiert mit Schwerpunkt auf der Automobilbranche, das lief ja klassisch auf eine operative Führungsrolle im Familienunternehmen hinaus, wann keimte die Entscheidung, einen anderen eigenen Weg zu gehen?

Julia Stoschek: Die Entscheidung sich endgültig und ernsthaft der Kunst zu widmen, erfolgte direkt nach meinem BWL-Studium. Ich eröffnete zunächst und auch nur für wenige Monate – ganz unerfolgreich – eine Galerie (Ich bin eine sehr schlechte Verkäuferin – vor allem, wenn ich mich in ein Kunstwerk verliebt habe und von ihm überzeugt bin), um schnell festzustellen, dass für mich eine andere Herausforderung wartet. Die Beschäftigung mit Kunst, aber vor allem das Ausstellen, Zusammentragen und Zugänglichmachen von Kunst, sollte zu meiner Leidenschaft werden.

COBURGER: Dennoch sind Sie ja im Familienunternehmen als Gesellschafterin aktiv, bringen sich ein. Sie haben einmal in einem Interview gesagt, wenn die Not groß wäre und Sie in der Geschäftsführung in Coburg gebraucht würden, würden Sie schweren Herzens die Kunst aufgeben. Das war allerdings 2010, gilt das heute noch in einer Phase großer Umbrüche in der Automobilbranche, die auch Brose vor große Herausforderungen stellt?

Julia Stoschek: Ich gebe Ihnen recht, die Automobilbranche steht vor dem größten Umbruch ihrer Geschichte und ich bin sehr froh und dankbar, dass durch das jahrelange, vorausschauende wirtschaftliche und solide Handeln meines Vaters und des Managements unser Unternehmen heute so gefestigt aufgestellt ist. Das operative Geschäft ist extrem komplex und global geworden. Ich verstehe meine Aufgabe als aktive Gesellschafterin, um unser Unternehmen auch langfristig als Familienunternehmen zu erhalten.

COBURGER: Sie pflegen zu vielen Künstlern, deren Werke Sie sammeln, freundschaftliche Kontakte, ist die Kunstszene ihre Zweitfamilie geworden?

Julia Stoschek: Auf jeden Fall. Der Umgang mit Künstlerinnen und Künstlern ist eine große Bereicherung für mich. Die unterschiedlichsten Blickwinkel, die mannigfaltigen Ideen und Assoziationen … Durch den regelmäßigen Austausch kann im besten Fall das Denken geschult werden. Jeder Künstler, jede Künstlerin hat seine oder ihre eigene, begründete Sicht auf etwas, was wir alle vielleicht anders wahrnehmen und noch nicht mal ansatzweise teilen. Aber damit konfrontiert zu werden ist ein Gewinn.

COBURGER: Sie schreiben auf Ihrer Seite, es sei Ihnen wichtig, unabhängige Sichtweisen auf die Welt zu fördern, Vielfalt und Dynamik des kulturellen und sozialen Wandels zu dokumentieren, sie haben auch angefangen, die um die 900 Werke Ihrer Sammlung online zu stellen, alles kostenlos, das sind sehr demokratische Ansätze, wie politisch sind Sie?

Julia Stoschek: Die Medienkunst ist von Ihrem Ursprung her die vielleicht demokratischste Kunstform überhaupt. Zu Beginn der 1960er- Jahre sollte sie für alle zugänglich sein – ohne Limitierung. Die Regulierung erfolgte dann künstlich durch den Kunstmarkt, sodass die Videoarbeiten als Editionen (limitierte Werke) veräußert wurden. Mit der Idee, alle Werke meiner Sammlung online zugänglich zu machen, erfüllt sich für mich ein lang ersehnter Wunsch. Diese Aktion ist meiner Meinung nach einzigartig in der Kunstgeschichte. Übliche Onlineformate im Ausstellungskontext beinhalten Dokumentationen oder gefilmte Rundgänge durch Ausstellungen. Im Falle der Julia Stoschek Collection werden die Kunstwerke per se online gestellt, das heißt jeder Nutzer, jede Nutzerin kann das „Hauptwerk“ erleben – und das ohne zeitliche Beschränkung oder anfallende Gebühren, dafür aber mit Einwilligung der Künstlerinnen und Künstler. Die Sammlung wird also für immer und jedermann zugänglich sein, so wie es das anfängliche utopische Streben der Medienkünstler war.

COBURGER: Neben Ihrem Standort in Düsseldorf gibt es auch den in Berlin. Ende 2022 ist dort aber Schluss. Sie sind damit nicht die erste renommierte Sammlung, die Berlin den Rücken zuwendet. Wo liegen die Gründe? Mangelnde Wertschätzung?

Julia Stoschek: Berlin ist eben etwas anders. Das zu verstehen ist nicht leicht. Die Akzeptanz beim Publikum ist derart erfreulich, dass mich dies mit manchem, kulturpolitisch Unverständlichem versöhnt. Die Sammlung wird auch in Zukunft immer ihr Publikum finden. Wir haben Angebote aus dem In- und Ausland.

COBURGER: Sie waren im letzten Jahr in Coburg, haben einen Vortrag gehalten, haben über ihre Sammeltätigkeit gesprochen, die Familie getroffen, Freunde, wie sehr fühlen Sie sich Ihrer Heimatstadt verbunden?

Julia Stoschek: Ich fühle mich meiner Heimatstadt sehr verbunden und versuche so oft es geht, meine Familie zu besuchen. Mit Coburg verbinde ich so viele Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend. Besonders spüre ich dies, wenn ich mit meinem Sohn durch die Stadt spaziere. Gelegentlich werde ich dann angesprochen – die Herzlichkeit ist in Coburg etwas sehr Besonderes. Natürlich darf beim Marktplatzbesuch auch nicht die obligatorische Bratwurst fehlen. Und der „Klos mit Soß“ im Goldenen Kreuz ist der beste der Stadt.

COBURGER: Nehmen wir mal an, Coburg würde an Sie herantreten und fragen, ob Sie einen Teil Ihrer Sammlung aus Berlin in einer Ausstellung in Ihrer Heimatstadt präsentieren, würde Ihnen Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, käme so ein Gedanke für Sie in Frage?

Julia Stoschek: Die Betrachtung eines Kunstwerks, gleich welcher Art, braucht keine vorgegebene Einwohnerzahl, hohe Podeste, auf die hinaufgeschaut wird oder ein großstädtisches Umfeld. Jede Privatsammlung hat nur dann einen museumspädagogischen Erfolg, wenn es sich „gut anfühlt“. Ich kenne so viele erfolgreiche, private Sammlungen, die abseits und fern von Metropolen liegen und die relevant und höchst beachtlich sind. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt.


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JULIA STOSCHEK wurde 1975 in Coburg geboren. Nach dem Abitur am Casimirianum in Coburg studierte sie Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Automobilwirtschaft an der Universität Bamberg und beendete das Studium als Diplom-Kauffrau. 2003 begann sie, zeitbasierte Kunst zu sammeln. Seitdem hat sie eine der umfangreichsten Sammlungen auf diesem Gebiet zusammengetragen, die Kunstwerke aus den 1960er-Jahren bis zum heutigen Tag umfasst.

2007 eröffnete sie die JULIA STOSCHEK COLLECTION in Düsseldorf. 2016 folgte ein zweites Ausstellungshaus in Berlin. Neben ihrer eigenen Sammlertätigkeit und ihrer Verantwortung als Unternehmerin, engagiert sich Stoschek in einer Vielzahl von Institutionen: Sie ist Vorstandsmitglied des KW Institute for Contemporary Art, Berlin, und Mitglied des Board of Trustees am MOCA, Los Angeles. Darüber hinaus gehört sie einer Reihe von Komitees und Beiräten an, darunter das Performance Committee am Whitney Museum of American Art, New York, sowie das Ankaufkomitee der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. Zudem hat sie in der Vergangenheit auch eine Reihe kleinerer Initiativen und Projekte gefördert und den deutschen Pavillon auf der 54., der 56. und der 57. Biennale di Venezia. Daneben ist Julia Stoschek Gesellschafterin des Unternehmens ihrer Familie, der Brose Fahrzeugteile GmbH & Co. KG.

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