Jeanshosen

Diät macht dick #15

Dick durch Diät

Es ist Frühjahr. Es ist wie jedes Frühjahr. Es ist Alarm an der Fettfront. Diäten haben Konjunktur. Als ob man sich gesundhungern könnte! Oder schlank! Eher wird man fetter. Und schlapper. Und trauriger.

Schlank heißt erfolgreich und sexy, dick heißt faul und träge?

Abnehmen nimmt zu!

Abnehmen? Warum eigentlich? Hat das die Natur für uns so vorgesehen? Wohl kaum. Eher das Gegenteil. Reserven anlegen für schlechte Zeiten. Besser als jede Speisekammer sind ein paar Speckringe um die Hüfte. Die hat man immer bei sich, wenn es mal nichts zum Essen gibt. Doch wir leben nicht im Mangel, eher im Überfluss. Volle Supermarktregale, Herumhocken im Büro und schon schwillt die Schwarte. Also nimmt das Abnehmen zu. Mit steigendem Wohlstand. 1957 hätten nur 27% der Deutschen gerne mal abgenommen, heute sind es schon 41%. Dagegen wollten vor sechzig Jahren 14% ein bisschen zulegen, heute nur drei Prozent.

Klar, Armut und Hunger der Nachkriegsjahre hatten sich damals ins kollektive Gedächtnis gefressen. Abnehmen – eine Frage des zunehmenden Wohlstandes, beschleunigt durch den zunehmenden Einfluss der Medien. Das Schlankheitsideal verändert sich rasant. Schon 1968 präsentiert ein magersüchtiges Model den Minirock. Seither gilt: Schlank heißt erfolgreich, sexy, gesund. Dick heißt faul, träge und krank. Klar: Starkes Übergewicht ist ungesund, für Herz, Kreislauf, Gelenke … Magersucht aber auch und außerdem: „Wenn wir abnehmen, wird das Leben dadurch nicht automatisch leichter“ sagt Margot S. Baumann, Schweizer Lyrikerin.

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Weniger is(s)t mehr?

Mit dieser Meinung aber steht sie ziemlich alleine da. 37 Millionen Menschen in Deutschland jagen dem schlanken Schönheitsideal nach, obwohl die wenigsten von ihnen wirklich verfettet sind, eher ein paar Pölsterchen „zuviel“ mit sich herumtragen. Sie alle wären froh, wenn sie abnehmen könnten. Je mehr, desto besser. Wie aber nimmt man am schnellsten ab? Klar! Mit einer Diät! Das versteht ja jeder: Ich habe mehr gegessen (und getrunken …) als mein Körper verarbeiten kann, also geht der Gürtel jetzt nicht mehr zu. Umkehrschluss: Ich esse einfach weniger, dann nehme ich ab. Logisch, oder? Muss so sein, denn 20 Millionen Deutsche waren 2015 an Diäten interessiert, die auf Verzicht setzen, und weil das nicht so sexy klingt, gibt man den Produkten tolle Namen, begleitet von Werbekampagnen mit leichten Farben und schlanken fröhlichen erfolgreichen Menschen, ergänzt durch Fachliteratur und „Ratgeber“ in einschlägigen Zeitschriften mit denselben Menschen. So will ich auch aussehen! Achtung, hier folgt die Rangliste der beliebtesten (nicht der erfolgreichsten) Diäten: 1. FDH (Friss die Hälfte), 2. Weightwatchers und andere Kontrolldiäten, 3. Kohlsuppe-, Ananas- oder andere einseitige Diäten, 4. Verzicht auf Süßigkeiten, 5. Trennkost „Schlank im Schlaf“, Slimflast, Formula, uswuswusw… , 6. Kalorienzähler, 7. Fasten, 8. Low-Carb, 9. Brigitte-Diät. Es sind weit überwiegend Frauen, die zu solchen Diäten greifen, nur beim Fasten sind die Männer gleichauf (das hat ja auch was archaisch-männliches, sich auf diese Weise zu kasteien…), und es sind vor allem eher Besserverdienende als Menschen am Existenzminium … weniger zu essen, kostet eben mehr …

Das Imperium schlägt zurück!

Blöd nur: danach ist man oft fetter als vorher. Wenn die Diät erst einmal glücklich überstanden ist, die Kollegen anerkennend nach dem Geheimnis der plötzlichen Wespentaille fragen, die alte Jeans wieder passt und sich der nette Nachbar auf der Straße nach einem umdreht, schlägt das Imperium zurück: Der eigene Körper! Schlacht gewonnen, Krieg verloren – der Jo-Jo-Effekt ist ja hinlänglich beschrieben und nichts Neues mehr. Dieses Auf und Ab des Gewichts zwischen Diäten (man könnte auch sagen krankhaften) und normalen (das ist auch so gemeint) Essgewohnheiten kennen fast alle Freunde der gepflegten regelmäßigen Diät und – diese Reaktion des Körpers ist ja auch logisch. Beim Geld verhält es sich ebenso: Wenn man eine Zeitlang mal mit zu wenig auskommen muss, lernt man das Sparen, hebt alles auf, dreht jeden Cent dreimal um. Und trotzdem wird es jeden Tag weniger. Panik setzt ein. Wie gut, wenn dann plötzlich wieder mehr reinkommt. Zum Glück! Jetzt erst mal alle Schulden bezahlen und den Rest für Notfälle zurücklegen, nicht daß das wieder mal passiert … beim Geld nicht das Schlechteste, wenn man einen Notgroschen hat (auch in Zeiten ohne Zinsen…), beim „körperlichen Notgroschen“, der kleinen Wampe über dem Gürtel, eigentlich ja auch. Der Körper hat sich auf eine Hungersnot eingestellt, seinen Grundumsatz längerfristig heruntergefahren, speichert noch mehr als vor der Mangelernährung, um gerüstet zu sein, um überleben zu können, eigentlich ein Wunder der Natur, oder? Aber wir leben eben nicht in Mangelzeiten, und es gibt eben dieses Schlankheitsideal. Und so stürzen wir uns, rational begabt aber emotional gesteuert wie wir Menschen nun einmal sind, auf die nächste Diät … obwohl wir es doch besser wissen müssten.

Schlank und schlapp?

Und selbst wenn das mit der Hauruck-Diät klappt, wenn die Kilos purzeln, wie es in der Werbung so schön heißt, wohin auch immer sie purzeln, stellt sich die Frage: Muss das sein? Sich selbst quälen, seinem Körper eine Hungersnot vorspielen? Frustriert am Salatblatt knabbern, während sich die Kollegen die Schweinshaxe gönnen? Das Wasser aus den Tiefen der Rhön gurgeln, während sich der Mann ein zünftiges Lagerbier schmecken lässt? Ist das lebenswert? Das Leben einem Body-Mass-Index zu opfern, der völlig willkürlich festgelegt wurde und nahezu keine Aussagekraft hat über den Fitness- und Gesundheitszustand? Und vor allem: Wie sieht das überhaupt aus, wenn die durch jahrelange Fehlernährung und Bewegungsmangel ausgedehnte Haut jetzt schlaff herunterhängt, weil sie gar nicht so schnell schrumpfen konnte wie der Hungersprint es erfordert hätte?

Wenn kaum mehr Muskeln noch für Straffung sorgen, die ja in der Hungersnot in Energie umgebaut worden sind? Dabei sind sie doch gerade sie das „kleine Wunder gegen Fett“ schlechthin. Muskeln nämlich brauchen Energie. Jetzt aber sitzt man da, abgemagert, eingefallen, schwach, lustlos, spaßbefreit.

Fett und fit!

Dann doch lieber keine Diät. Weniger essen und trinken, das klingt nicht lebenswert. Wie aber wäre es mit mehr bewegen? Dann verbraucht man mehr Energie und die Wampe wird nicht weiter wachsen, das ist ja schon einmal ein Fortschritt, man baut sogar Muskeln auf statt ab. Vielleicht nimmt man daher sogar zu, Muskeln sind ja relativ schwer. Dann ist man zwar noch fett, aber eben auch fit! Besser auf jeden Fall als schlank und schlapp. Und vor allem: die Zeit spielt für einen. Muskeln nämlich gehen irgendwann auch an den Speckring. Sie brauchen ja Energie, und die holen sie sich aus dem Körper. Und weil der Abnehmerfolg zum überwiegenden Teil von der Bewegung abhängt und nur zum kleineren Teil von der Ernährung, werden auch die Pfunde langsam „purzeln“. Das kann, muss aber nicht das Fitnessstudio sein, das kann, muss aber nicht regelmäßiges Lauftraining sein. Bewegung, das heißt ja auch Treppensteigen, Zur-Arbeit-Laufen, Staubsaugen, Rasenmähen, Mit-dem-Hund-Gassigehen. Dann kommt sicher die Lust auf Freizeitsport, Wandern, Radfahren, Laufen wie von selbst. Langsam, „Schritt-für-Schritt“, nachhaltig, ohne Jo-Jo-Effekt, ohne krankhafte Diät. Dann bleibt auch die Haut straff. Wie schön. Essen, Trinken, Bewegen (und dabei oft auch etwas erleben). Das klingt doch viel besser als Verzichten, Sparen, Langweilen.

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Noch eine Portion?

Wenn man möchte, kann man jetzt auch noch eine Diät draufsetzen. Allerdings eine im eigentlichen Sinn. Der Begriff Diät nämlich geht auf das alte Wort „Diaita“ aus der Antike zurück, und das steht nicht für Selbstkasteiung und Mangel, für Verzicht oder Not, sondern für eine ausgewogene Lebensweise, für Gleichgewicht und damit eben auch für eine dementsprechende Ernährung. Und die besagt vor allem: nicht zu wenig essen, keinen Hunger leiden, gesund und vielseitig kochen. Also einfach wieder richtig Essen lernen. Gemüse, Obst, Salate, Kartoffeln, Getreide, Hülsenfrüchte, Reis, Nudeln, Fleisch, Fisch, Milchprodukte. Die Natur bietet so viel. Es kommt nur auf die richtige Mischung an. Mittlerweile 8000 angestellte Ernährungs- und Diätberater und zahlreiche Selbständige und Ehrenamtler geben in Deutschland über das richtige gesunde Essen Auskunft. Schlimm genug, dass wir das verlernt oder vergessen haben und stattdessen meinen, uns mit Diäten gesund- oder schlankhungern zu müssen.

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