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Die Ukraine – Europas Krieg #53

Ein Langzeitprojekt zum Krieg in der Ukraine von Till Mayer

Bilder und Statements von Kriegsreporter Till Mayer

Seine Fotos, seine Geschichten aus Kriegsund Krisenregionen der Welt sind in vielen großen Medien erschienen, er hat Vorträge gehalten, internationale Ausstellungen erstellt, Bücher geschrieben: Der Bamberger Till Mayer erzählt Weltgeschichte anhand menschlicher Schicksale. Die Ukraine ist ihm dabei sehr wichtig. 2007 hat er das osteuropäische Land zum ersten Mal besucht. Seit 2017 dokumentiert er den Krieg im Donbas als Langzeitprojekt. Und er warnt: Putin muss endlich gestoppt werden, sonst kommt der Krieg auch zu uns. Ende Oktober erscheint sein neuer Bild- und Reportagenband „Ukraine – Europas Krieg“ im Erich Weiß Verlag. www.erich-weiss-verlag.de

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Bilder von der Front im Sommer 2022

Schon seit 2007 berichte ich aus der Ukraine. Damals führte mich ein Buch- und Ausstellungsprojekt über KZ-Überlebende in das osteuropäische Land. Viele Reportagen folgten in all den Jahren. Ehrenamtlich baute ich ein Rotkreuz-Projekt für alte Menschen in Not in der Stadt Lwiw mit auf. Was mich stets beeindruckte, welche Unterstützung ich bei meinen Projekten vor Ort in der Ukraine fand. So kam es, dass das Land und seine Menschen Teil meines Lebens wurden. Seit 2017 berichte ich regelmäßig von der Front im Donbas. Die Dokumentation des Kriegs in der Ukraine ist ein Langzeitprojekt von mir. Nach der Eskalation am 24. Februar habe ich natürlich auch meine Berichterstattung intensiviert. Alle fünf bis sechs Wochen geht es für zwei bis drei Wochen in die Ukraine.

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In Irpin werden die identifizierten Opfer aus Massengräbern würdig beigesetzt. Über 1000 Zivilisten wurden von russischen Soldaten allein in der Region Kyjiw ermordet.

Die Eskalation des Kriegs hätte vermieden werden können. Wenn der Westen rechtzeitig und entschlossen reagiert hätte. Schon lange vor dem Krieg in der Ukraine. Als Putin in Tschetschenien und Syrien Städte in Schutt und Asche bomben ließ, er sein Land Schritt für Schritt zu einer Diktatur umbaute. Putins brutal geführte Kriege haben schon vor der Ukraine Hunderttausenden das Leben gekostet. Doch nichts passierte. Im Gegenteil, wir finanzierten seine Aggression durch den Kauf seines Gases.

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Von der Annexion der Krim und den Beginn des Kriegs im Donbas, beides geschah 2014, wurde in den deutschen und internationalen Medien noch ausreichend berichtet. Dann geriet der Krieg in Vergessenheit. In der Krim hatten zuvor russische Truppen Grenzen mit Panzern neu gezogen, in die Ostukraine brach Putin mutwillig einen Krieg mit dem Einsatz eigener Soldaten, Söldner und Geheimdienstleute vom Zaum. All das passierte mitten in Europa. Ich glaube, ich war zuletzt der einzige deutsche Journalist, der noch regelmäßig und über Jahre hinweg versuchte, an diesen Krieg zu erinnern. Weiteres Verdrängen ist gefährlich, dachte ich mir, als ich im Donbas zum ersten Mal im Schützengraben stand.

Hätte Putin 2014 nach der Annexion der Krim ein Embargo bekommen, das den Namen verdient, dann wäre jetzt nicht in ganz Europa der Frieden gefährdet. Davon bin ich überzeugt.

Wegschauen können wir uns nicht mehr leisten. Wir können den Machthunger Putins nicht weiter ignorieren. Wenn wir ihn weiter morden und erobern lassen, dann werden wir selbst in einem Krieg aufwachen. Denn Putin will mehr als nur die Ukraine. Seine neue russische Welt hat aus seiner Sicht wesentlich großzügigere Grenzen.

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Ein ukrainischer Soldat sucht während Granatenbeschuss in einem Splittergraben Schutz

Davor will ich auch weiter warnen. Gerade in Zeiten, in denen Querdenker zu Putin- Freunden werden. Mit meinen (Foto-) Reportagen aus der Ukraine will ich dagegen halten. Ich erzähle Geschichten von sehr mutigen Menschen. Ich will meine Leserinnen und Leser, die Betrachter meiner Bilder nicht mit Depressionen zurücklassen. Ich zeigen ihnen, da sind Menschen, die bieten dem russischen Angriffskrieg die Stirn – unterstützt sie, sie können viel erreichen.

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Löscharbeiten in Charkiw nach einem Raketenangriff

Ich zeige tapfere Menschen, aber ich beschönige nichts. Es geht nicht darum, dass ich sage, alles ist in Ordnung. Für die Protagonisten meiner Reportagen ist gerade wenig in Ordnung. Aber sie bestehen. Bei all dem Unrecht, das ihnen widerfährt, kämpfen sie auf ihre Weise: Helferinnen und Helfer, mutige Eltern, Soldatinnen und Soldaten.

Viele der Menschen, die ich jetzt mit meiner Kamera besuche und besuchte, sind mir seit Jahren ans Herz gewachsen. Es sind von Grund auf redliche Menschen. Sie lassen mich sehr nah an sich heran. Weil sie mir vertrauen. Und weil es ihnen wichtig ist, dass ihre Schicksale erzählt werden.

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Sascha verteidigt seine Heimatstadt Charkiw mit der Kalaschnikow. Seine Freundin Yulia backt täglich als Freiwillige Brötchen für 1200 Soldaten.

Ich versuche den Krieg nicht in Stereotypen zu schildern. Ich berichte von einer Freundin, die Tango tanzt, um mit den Folgen des Krieges klar zu kommen. Von Vertriebenen, die selbst zu Helfern werden. Von einem Freund, der seine Heimatstadt Charkiw freiwillig als Soldat verteidigt. Obwohl er 2014 traumatisiert aus dem Krieg zurückkam. Meine Reportagen entstehen im Hinterland genauso wie direkt an der Front. Aber was ist Hinterland, wenn es kaum eine Stadt im Land gibt, die nicht schon einmal Ziel russischer Raketenangriffe war. Auch kulturelle Einrichtungen sind mittlerweile ein ganz bewusstes Ziel der russischen Armee geworden. Es geht Putin nicht nur darum, Gebiete  zu gewinnen, sondern eine Nation auszulöschen, mit ihrer Kultur, mit ihrer Geschichte.

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April 2022: In Charkiw haben Tausende vor dem russischen Beschuss in Metrostationen Zuflucht gesucht

Wir müssen uns bewusst sein: Putin hat sich eine Agenda gesetzt. Er will ein grossrussisches Reich wieder auferstehen lassen. Brutal und mit aller Gewalt. Wenn er jetzt keine schwere militärische Niederlage in der Ukraine einfährt, wird es weitergehen. Mit Moldawien und Georgien, auch dort hat er das gleiche Setup mit Pseudo- Seperatistenrepubliken geschaffen wie in der Ostukraine. Ich befürchte, wenn in zwei Jahren bei den US-Wahlen ein europaskeptischer Republikaner an die Macht kommt, geht er vielleicht davon aus, dass die Amerikaner den Bündnisverpflichtungen in der Nato nicht nachkommen. Dann geht es gegen die baltischen Staaten und Polen.

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Elena tanzt in Odessa mit ihrem Mann Tango, um den Krieg die Stirn zu bieten

Ein einiges und demokratisches Europa bekämpft er von Innen, in dem er mit Fake-News die Gesellschaft spaltet und rechtsextreme und europafeindliche Parteien unterstützt. Er weiß Demokratiefeinde wie Le Pen und Orban an seiner Seite. Oder die Lega Nord in Italien. Auch bei der AfD hat er viele Freunde. Mit Erpressungen versucht er uns einzuschüchtern. Selbst mit Atombomben droht er. Wohlwissend, dass ihr Einsatz Russlands Ende bedeutet. Lassen Sie sich keine Angst von einem Faschisten wie Putin machen. Seien sie nur ein wenig so mutig wie die Ukrainerinnen und Ukrainer. Dann können wir ihm gemeinsam die Grenzen zeigen.

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März 2022: Ein Ehepaar stützt sich vor zerstörten Gebäuden in Schytomyr

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