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Die Welt der Peggy Hoffmann #38

Die Welt der Peggy Hoffmann

WENN PEGGY HOFFMANN AUF DER BÜHNE STEHT, REIST SIE ALS WASCHFRAU SUSE IN MITTELALTERLICHE ZEITEN. IN DER REALITÄT MUSS SICH DIE KÜNSTLERIN AKTUELL MIT DER CORONA-KRISE AUSEINANDERSETZEN. AN IDEEN FEHLT ES IHR NICHT.

von Gabi Arnold
Fotos: Val Thoermer

Es ist Anfang März, als wir uns mit Peggy Hoffmann im Theater am Hexenturm treffen. Covid-19 hat Deutschland erreicht. Aber: Wie drastisch die Auswirkung sein werden, ahnt zu diesem Zeitpunkt keiner. Wenige Tage nach dem Treffen ruft Bayern den Katastrophenfall aus. Das öffentliche und kulturelle Leben steht seitdem still, besonders Kleinunternehmer und darstellende Künstler trifft die Situation hart. Hoffmann, künstlerische Leiterin des Theaters am Hexenturm, hat darauf reagiert. „Für die Kulturtreibenden rund um das Theater am Hexenturm ist das kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken“, sagt die Wahl-Coburgerin. Hoffmann hat dem Theater am Hexenturm neues Leben eingehaucht. „Es ist die einzige private Kleinkunstbühne in Coburg“, sagt sie. Dort in den alten Mauern reist sie zum Beispiel als Waschfrau Suse in das 16. Jahrhundert und tratscht und klatscht über das Leben von Coburgs Berühmtheiten der damaligen Zeit. Aber das ist nur ein Teil des Programms, das Coburgs Kulturlandschaft bereichert. Hier geben sich regelmäßig um die zehn Künstler -Liedermacher, Pianisten, Geschichtenerzähler – ein Stell-Dich-ein. „Es macht ja keinen Sinn, wenn ich hier alleine auftrete“, sagt Hoffmann.

Ab und zu wird die Künstlerin gefragt, warum sie außergerechnet an diesem Ort spiele, an dem im Mittelalter Frauen grausam misshandelt wurden. „Gerade in einem meiner Theaterstücke setze ich mich mit diesem Thema auseinander und bringe gerne die Wahrheit ans Licht aus Achtung vor dem, was hier in alten Zeiten geschah“, antwortet sie dann. Und genau dadurch werde der Ort gewürdigt und respektiert. Ältere kulturinteressierte Coburger würden sich noch daran erinnern, dass sich hier in den Jahren von 1976 bis 1986 schon einmal die Studiobühne des Coburger Landestheaters befand, berichtet Hoffmann. Überhaupt sei Coburg bedingt durch das Landestheater reich an Kultur und habe schon historisch begründet einen hohen Anspruch an Kultur, schwärmt die Künstlerin. Aber das ist nicht das Einzige, was der Hanseatin an der Vestestadt gefällt. „Coburg ist die beste Entscheidung, die ich in den vergangenen Jahrzehnten getroffen habe“, sagt sie. Die Stadt sei ein fantastisches Kleinod, das Groß- und Kleinstadtstruktur vereint und Künstlern einen Raum biete.

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Dabei begann Hoffmanns Laufbahn ganz anders: In Hamburg aufgewachsen, folgt sie dem Rat ihres Vaters und lernt „was Ordentliches“. Als Financial Analyst behauptet sie sich in einer von Männern dominierten Branche. Irgendwann – sie ist um die 30 Jahre alt – fasst sie einen Entschluss und orientiert sich komplett neu. „Ich habe das gemacht, was ich bin und was meine Berufung ist,“ sagt sie. Sie lernt bei einem Bamberger Puppenspieler die Feinheiten des Schattentheaters, reist nach Marseille, wo sie sich im Objekttheater bei Christian Carrignon weiterbildet. Sie lässt sich von der Figurenspielerin Margit Gysin inspirieren, besucht mehrmals im Jahr Altmeister Keith Johnson, den Erfinder des Improvisationstheaters, und findet schließlich in Coburg ihre Heimat. Hoffmann setzt sich bundesweit für die Wiederbelebung des freien Erzählens ein, sie ist Schauspielerin und Erzählkünstlerin zugleich, erschafft mit Coburgs Kronjuwelen die Waschfrau Suse und findet im Theater am Hexenturm ihr künstlerisches Domizil. Und das mit großem Erfolg, weit über die Grenzen Coburgs hinaus ist die Kleinkunstbühne bekannt. „Wir werden bundesweit auf Online-Portalen angefragt und gebucht“, freut sie sich. Gut 70 Leute finden in dem kleinen Theater Platz, auch spontan darf man zu den Vorstellungen kommen, dann werden Stühle dazu gestellt.

Jetzt, da das Corona-Virus tobt, bleiben die Stühle im Theater am Hexenturm leer. Hoffmann hat auf die veränderte Situation regiert, denn Hände in den Schoss legen und abwarten, das gibt es bei ihr nicht. So wird seit dem internationalen Theatertag, der Ende März stattfand, auf der Website des Theaters am Hexenturm täglich im Veranstaltungskalender ein Download mit einem Kulturschmankerl aus dem Bereich Musik, Theater, Erzählkunst oder Theater-Coaching veröffentlicht. Diese haben immer das Setting eines professionellen Auftritts als Ersatz für die nicht stattgefundenen Termine. Täglich wird von 17 Uhr bis 17.30 Uhr live aus dem leeren Theater am Hexenturm über Facebook gestreamt. Weitere Minuten-Beiträge werden auch über Instagram gestreut. Bei Gefallen könne der Zuschauer zuhause dem Theater online per paypal einen kleinen Geldbetrag zukommen lassen. Und damit hat sie bereits die ersten Erfolge: „Völlig fremde zufriedene Menschen überweisen auf einmal 2, 5 oder 10 Euro für das Erlebte – das ist einfach toll“, freut sich Peggy Hoff mann. Und, sollte sich der eine oder andere trauen, bereits für Herbst/Winter eine Gruppenveranstaltung zu planen, freue das natürlich die Theatermacher vom Hexenturm außerordentlich, betont die Künstlerin. Wer über kein Internet verfügt, könne sich eine CD von den Künstlern Andreas Wolff , Philipp Hermann oder Peggy Hoff mann portofrei nach Hause schicken lassen. „Das Besondere ist, dass das Team alles daransetzt, solange den Kalender zu füllen, bis die Türen des Theaters am Hexenturm wieder geöffnet werden dürfen“, so Hoff mann.

Die Veranstaltungen sind vorerst bis 23. April abgesagt. Alle bislang gekauften Tickets gelten als Gutscheine für zukünftige Auftritte im Theater am Hexenturm.

Die Kulturschaffenden rund um das Theater am Hexenturm bitten alle Coburger, ihnen gewogen zu bleiben und die angenehmen Stunden dort nicht zu vergessen. Denn davon lebt die Kultur und die Kunst. Das Theater-Telefon ist täglich unter 09561 3517911 zu erreichen.

www.theater-am-hexenturm.de

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