Felskletterin

FELSKLETTERN #18

FELSKLETTERN

Meterhoch über dem Abgrund, die Finger in den Fels gekrallt, die Muskeln brennen, der Blick wandert die Senkrechte nach oben auf der Suche nach dem nächsten Griff: Felsklettern ist Sport, Kick, Natur und Meditation in einem. Und Klettern erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Gut, wenn man dann auch noch so ein Klettergebiet wie die Fränkische Schweiz vor der Haustüre hat, das zu den schwierigsten der Welt gehört.

Ein ganz normaler und am Ende doch besonderer Kletternachmittag: Sofie und Bernd, Nachwuchsathletin und Trainer aus Coburg, erreichen nach gerade einmal einer dreiviertel Stunde Autofahrt den kleinen Ort Burggrub bei Heiligenstadt im Landkreis Bamberg. Kurz geht es zu Fuß durch den Wald, dann stehen sie vor zwei Wänden, die steil in den Himmel ragen: Rotenstein und Luisenwand, so heißen die Felsen hier, sind gespickt mit schweren und sehr schweren Routen. Ein Eldorado für „Hardmover“, wie es im Kletterjargon heißt, für Kletterer also auf der Suche nach dem besonderen Kick.

Sofie hat ein großes Ziel heute: Die Fiese Luise – eine 10er Route laut der offiziellen Skala, also sehr sehr schwer und für eine 18jährige schon ein sehr außergewöhnliches Ziel. Und die Luise ist wirklich fies: Senkrecht, am Ende leicht überhängend mit kleinsten Leisten und Mikrotritten. Bernd hat die Route ausgesucht, weil er weiß, dass sie Sofie liegt. Sie hat die Route vor drei Wochen ausgebouldert, wie die Kletterer sagen, also einzelne Bewegungspassagen am Fels ausprobiert. Jetzt will sie die Route an einem Stück klettern, ohne die Sicherungen zur Fortbewegung zu nutzen, ohne Ausruhen im Seil, ohne Sturz – den sogenannten Rotpunktdurchstieg.

Den Natursport Klettern gibt es in vielen unterschiedlichen Spielformen und Ausprägungen. Jeder setzt sich seine Ziele und seinen Stil entsprechend dem persönlichen Anspruch, der verfügbaren Zeit und der Umgebung, in der er sich bewegt. Der Spaß steht im Vordergrund. Beim Bouldern im fränkischen Wald genauso wie beim Klettern in den großen Dolomitenwänden. Im Frankenjura steht für die meisten Aktiven das Rotpunktklettern im Focus. Gelingt so eine Begehung im ersten Versuch, sprechen Kletterer von „geflasht“, wenn vorher bereits zugeschaut wurde oder die Partner Tipps gegeben haben, und von „on sight“, wenn dem Akteur keinerlei Informationen über die Tour vorlagen.

Doch je nach Schwierigkeit der Route und individuellem Können können viele Versuche und mehrere Klettertage nötig sein. Manchmal klappt es auch einfach gar nicht.

Bernds eigenes Ziel ist gleich 10 Meter links von Sofie und heißt Team Motivation, bewertet mit einer 9+. Er weiß schon wie die Route geht, aber er weiß auch, dass sie ihm wieder schwer fallen wird. Nach dem Warmklettern im fränkischen Ur-Klassiker Teufelsriss am Rotenstein kommen Markus und Sofie weitere Kletterer entgegen. Darunter auch gleich die große Prominenz: Markus Bock, seit vielen Jahren der Superstar des Frankenjura schlechthin. Man kennt sich, hält kurzen Smalltalk, tauscht Tagespläne aus, bevor man sich wieder den eigenen Aufgaben widmet. Der Bamberger Markus Bock wird seine neueste Kreation probieren:  „Becoming“: Eine unglaublich überhängende Kante mit kleinsten Leisten und Löchern bewältigen.  Wie schwer soll das sein? Markus schätzt eine 11 oder sogar eine 11+. Eine Herausforderung, der er sich gerne stellt: Schon einige Tage später klettert er die Route Rotpunkt und setzt damit einen weiteren persönlichen Meilenstein – in den letzten 15 Jahren hat Markus das Frankenklettern mit über 40 Routen im 11. Grad bereichert. Eine unglaubliche Leistung. Und auch wenn es mittlerweile viele sehr gute Kletterer gibt, ist dieser Schwierigkeitsgrad immer noch der absoluten Elite vorbehalten.

7.000 ROUTEN FINDET MAN IN DER EINSCHLÄGIGEN LITERATUR FÜR DAS GEBIET ZWISCHEN BAMBERG, BAYREUTH, AMBERG UND NÜRNBERG

Der Frankenjura bietet eine große Anzahl schwieriger und anspruchsvoller Routen, mehr als alle anderen Hotspots auf der Welt, allerdings stark verteilt auf viele unterschiedliche Felsen. Das Gebiet ist unter Extremkletterern aus der ganzen Welt angesagter denn je. Und selbst französische Szenemagazine berichten begeistert vom Klettern im Fränkischen. Annähernd 1.000 unterschiedliche Felsen mit über 7.000 Routen findet man in der einschlägigen Literatur für das Gebiet zwischen
Bamberg, Bayreuth, Amberg und Nürnberg. Man braucht einen gedruckten Helfer oder die unvermeidliche App dazu, um die Felsen zu finden und an den Felsen dann die passenden Routen. Die Schwierigkeitseinstufung wird vom Erstbegeher vorgeschlagen, von den Wiederholern beurteilt und hängt von vielen Faktoren ab: Neigung und Struktur der Wand, Griffart, -größe und -abstand, Komplexität der Bewegungen sowie Länge der schwierigen Passagen. Und natürlich ist sie das
meistdiskutierteste Thema in der Szene. Sofie interessiert das gerade überhaupt nicht. Sie zunächst einmal nämlich keinen so guten Tag. Beim 1. Versuch klappt es gar  nicht so richtig, es ist wohl heute doch etwas zu warm.  Aber sie lässt sich nicht vom Weg abbringen und beim 2. Go läuft es schon viel besser. Jetzt ist erst einmal eine ordentliche Pause angesagt, um die Finger wieder zu erholen. Inzwischen hat Bernd schon zweimal den Maximalsturz in Team Motivation ‚genossen‘, weil er kurz vorm rettenden Griff loslassen musste – Adrenalin pur. Das Stürzen gehört beim Schwerklettern dazu und tut in der Regel auch nicht weh. Eher wurmt Bernd der Misserfolg. Dünne, vom Vortag vorgeschädigte Haut und schmerzende Finger verhindern einen weiteren Versuch heute, ein paar Tage später sollte es aber dann klappen.

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Nach einer guten Stunde Pause startet Sofie den 3. Versuch. Sie kommt deutlich lockerer als zuvor über die ersten 10 Meter. Hier kann man sich nochmal etwas sammeln, bevor es in die wirklich harte Abschlusssequenz geht. Die schwersten Züge sind die letzten beiden. Bis dahin sieht es so aus, als hätte es Sofie wirklich locker im Griff und keiner der aufmerksamen Beobachter zweifelt am Erfolg.

Am Schluss wird es dann doch noch richtig knapp. Die Finger scheinen auf der vorletzten Leiste schon aufzugehen, aber die Anfeuerung der anderen hilft und Sofie gibt nochmal richtig Gas. Am Ende reicht es gerade so, große Erleichterung, ein tolles Erfolgserlebnis. Es ist ihre bisher schwerste Tour, die erste „glatte“ 10er. Die Tour wurde 2008 erstbegangen, übrigens von keinem anderen als Markus selbst.

JEDER SETZT SICH SEINE ZIELE ENTSPRECHEND DEM PERSÖNLICHEN ANSPRUCH.

Autoren: Bernd Leuthäuser & Wolfram Hegen

Bildquelle: Bernd Leuthäuser

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