Grenzerfahrungen – Hinfallen! Aufstehen! Weitermachen! #46

Von Gabi Arnold

Dieses Mal waren wir zu Besuch bei Anne Gottfried, der Geschäftsführerin der „Anne baut Gärten e. K.“ Im Jahr 1987, Anne ist 23 Jahre alt und voller Pläne, erkrankt sie an akuter myeloischer Leukämie (AML).

Anne Gottfried ist eine starke und selbstbewusste Frau. Das spürt man bei der ersten Begegnung. In ihrer Arbeitskleidung, kurze Hose, T-Shirt, sportliche Schuhen, empfängt sie uns in ihrer Geschäftsstelle in Untersiemau. Wir sitzen in ihrem Büro, trinken Kaffee, als Anne Gottfried uns ihre Geschichte erzählt. Anne Gottfried, geborene Staubitzer, ist im Untersiemauer Ortsteil Weißenbrunn aufgewachsen und in der Baumschule ihrer Eltern groß geworden. Für die Staubitzers-Kinder ist es damals selbstverständlich, dass sie von klein auf im Unternehmen anpacken. Nach der Schule, am Wochenende oder immer dann, wenn es Arbeit gibt, hilft Anne mit. Davon profitiert sie in ihrem heutigen Beruf. „Alles rund die Pflanzen, die Pflanzenkunde, die Namen und die Pflege habe ich von klein auf mitbekommen“, erzählt sie.

Dennoch will sie sich nach dem Fachabitur zunächst als pharmazeutisch-technische Assistentin ausbilden lassen und wird auf eine Warteliste gesetzt. Sie entscheidet sich deshalb für ein Betriebswirtschaftsstudium, vier Semester studiert sie an der Fachhochschule, dann verändert sich ihr Leben grundlegend.

Die sportliche Anne ist 23 Jahre alt, als sie sich immer müder und schlapper fühlt. Es sei ihr schwergefallen durch den Tag zu kommen, erinnert sie sich und schaut nachdenklich. „An einem Samstag gab es bei uns Kartoffelsuppe und ich bin beim Mittagessen am Tisch eingeschlafen.“ Die Symptome nehmen zu, der Zeiger der Waage klettert immer weiter nach unten und bei dem geringsten Anlass färbt sich ihre Haut mit dunkelblauen bis schwarzen Hämatomen. Als sie sich bei ihrem damaligen Hausarzt Dr. Stubner in Rossach vorstellt, klingeln bei dem Mediziner die Alarmglocken. Er untersucht die junge Frau, nimmt Blut ab und überweist sie mit Verdacht auf Leukämie in das Krankenhaus. Anne erinnert sich an eine schmerzhafte Knochenmarkpunktion.

Danach steht fest, dass sie an akuter, myeloischer Leukämie (AML) erkrankt ist, einer bösartigen Erkrankung des blutbildenden Systems, die unbehandelt zum Tod führt. Für die junge Frau, die voller Pläne und
Lebensdrang ist, ist das ein Schock, aber es steht für sie auch fest, dass sie gesund werden möchte. „Du denkst an die Zukunft und an Deine Pläne, an Reisen nach Neuseeland und Australien, daran, dass Du das Studium fertig machen, vielleicht mal heiraten und Kinder bekommen möchtest.“ Von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr wie es vorher war. Anne muss sich mit
der Diagnose abfinden und sie tut es. Eine Chemotherapie, mit all ihren Nebenwirkungen, wird sofort eingeleitet. Sie verliert die Haare und bekommt Entzündungen an den Zähnen. Nur noch eine Knochenmarktransplantation kann ihr Leben retten. Die gute Nachricht: Beide Brüder kommen als Spender in Frage. Die weniger gute Nachricht: Es gibt zu diesem Zeitpunkt keinen freien Transplantationsplatz.

Nahtoderfahrungen

Annes Zustand verschlechtert sich, sie bekommt einen Abszess im Hals, eine Lungenentzündung und leidet an Luftnot. Zweimal ist sie klinisch tot, fällt für acht Wochen ins Koma. „Du träumst seltsame Dinge und
hast Nahtoderfahrungen“, erinnert sie sich. Als sie wieder aufwacht, ist ihr ausgemergelter Körper voller Schläuche und Infusionen. Sie wiegt noch 37 Kilogramm, kann weder laufen noch stehen und hat auf der Netzhaut Narben, ihre Sehkraft beträgt noch zehn Prozent. Und dennoch: „Meine Zuversicht, gesund zu werden, war immer da.“ Familie, Freunde stehen an ihrer Seite. Eine befreundete Ärztin hilft ihr, wieder
auf die Beine zu kommen.

Im Klinikum Großhadern in München wird in der Zwischenzeit ein Transplantationsplatz frei. „Dort habe ich mich gut aufgehoben gefühlt, wie in einem Wattebett“, sagt sie. Viereineinhalb Wochen lebt sie einem sogenannten Überdruckzimmer in völliger Sterilität. Bevor sie das Knochenmark ihres jüngeren Bruders transplantiert bekommt, muss ihr eigenes Immunsystem komplett zerstört werden. Die Transplantation gelingt. Die gespendeten Zellen fangen sofort an in ihrem Körper zu arbeiten und sie tun es bis heute, 33 Jahre nach der Transplantation.

Nach zwei Jahren zurück im Leben

Allerdings bleibt die Therapie nicht ohne Folgen. Anne erfährt, dass sie unfruchtbar ist. „Da bist Du 23 Jahre alt und sie sagen Dir, dass Du nie Kinder bekommen kannst und klar heulst Du. “ Anne steckt den Kopf nicht in Sand, sondern sie rappelt sich auf. Langsam regeneriert sich ihr Körper, ihre Sehkraft bessert sich und sie nimmt wieder zu. Nach zwei Jahren ist sie zurück im Leben und beginnt ein Bauingenieurstudium.

Als ihr Vater im Jahr 1997 an Parkinson erkrankt, übernimmt sie einen von zwei Betriebszweigen des elterlichen Unternehmens. Mit der Sparte Garten- und Landschaftsbau ist sie eine erfolgreiche Unternehmerin. Große Gärten und Anlagen in Stadt und Landkreis Coburg und auch weiter entfernt tragen Annes Handschrift. Heute gehört ihre Firma „Anne baut Gärten“ der Genossenschaft „Gärtner von Eden“ an. Die „Gärtner von Eden“ sind ein Zusammenschluss von rund 50 Gartengestaltern in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit dem Anspruch kreativer Planung und Umsetzung im Bereich
der Neu- und Umgestaltung von Privatgärten, sowie kompetenter und nachhaltiger Betreuung und Pflege. Anne entwirft heute Konzepte und Ideen für private Gartenanlagen, dazu gehören die Gestaltung,
Pflaster- und Plattenbeläge, aber auch Dachbegrünungen und Bepflanzungen. Sie ist Chefin von acht Mitarbeitern, bis auf die Büro-Mitarbeiterin sind alle Männer.

Es gehe ihr sehr gut, sagt sie und man spürt bei diesen Worten, dass die Krankheit Narben hinterlassen hat und immer präsent ist. „Klar, wenn man sich mal nicht so wohlfühlt, dann kommt wieder diese Angst.“ Anne blickt nachdenklich. Ihr Wille, vor allem auch ihre Freunde und ihre Familie hätten ihr geholfen, die Krankheit zu überstehen, sagt sie. „Es ist wichtig, dass Du die richtigen Freunde hast“, betont sie. Vor allem aber hat Anne nie aufgegeben. Anne Gottfried ist eine starke und selbstbewusste Frau.

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