Grenzerfahrungen – Long Covid #48

Von Gabi Arnold | Fotos: Val Thoermer

Das Leben nach der Infektion

Einfach unbeschwert die Treppenstufen hochlaufen. In die Pedale treten, ohne den Motor des E-Bikes anzuschalten. Mühelos wandern und einen Berg erklimmen. So wie er es vor dem 9. April 2020 getan hat. An diesem Tag nämlich hat sich Matthias Neuf mit dem SARS-CoV-2 infiziert.

Es ist Ende Januar 2020, als die erste Covid-19 Infektion in Deutschland offiziell bekannt wird. Welches Ausmaß die Pandemie tatsächlich erreichen wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt keiner. Fest steht aber, auch in Coburg und Land wird das SARS-CoV-2 Virus ankommen. Plötzlich stehen wir vor einer völlig neuen, fast surrealen Situation.

Die Region beginnt sich auf die Pandemie vorzubereiten. Im März 2020 wird die erste zentrale Corona-Abstrichstelle am Gustav-Hirschfeld-Ring eröffnet, wenig später ist das Virus auch bei uns aktiv. Am 22. März 2020 verhängt die Bundesregierung den ersten Lockdown, zunächst für zwei Wochen. Was zu diesem Zeitpunkt keiner weiß, es werden noch weitere folgen. Unterdessen stehen Ärzte, medizinisches Personal und Notfallsanitäter vor einer immensen Aufgabe. Einer davon ist der ASB-Verbandsreferent Matthias Neuf, der als Notfallsanitäter im Einsatz ist.

Es ist der Gründonnerstag 2020. Impfstoff ist zu diesem Zeitpunkt noch in weiter Ferne. Neuf hat Nachtdienst, als zu einem Einsatz ausrücken muss. Es habe sich um einen dramatischen Einsatz bei einer 72-jährigen Frau gehandelt, erinnert er sich. „Es ging ihr sehr schlecht, sie war kurz vor der Erschöpfung.“ Die Patientin muss vom Notarzt intubiert werden. Während sie versorgt wird, beginnt sie zu husten. Später werden die Einsatzkräfte erfahren, dass sich die Frau mit dem hochansteckenden SARS-CoV-2 Virus infiziert ist.

Drei Tage nach dem Einsatz, am Ostersonntag, bemerkt Neuf erste Symptome. Er fühlt sich unwohl, seine Glieder schmerzen. Neuf lässt sich an der Abstrichstelle testen, nach 24 Stunden liegt das Ergebnis des PCR-Testes vor. Es ist negativ. „Na gut, da habe ich gedacht, es sei ein Infekt.“ Am Ostermontag verschlechtert sich sein Zustand zusehends. Das Treppensteigen wird zu einem Gewaltakt, er atmet schwer, seine Lunge rasselt. Als hohes Fieber dazu kommt – die Temperatur steigt auf 39,5 Grad, ruft seine Frau den Notarzt. Der Arzt diagnostiziert einen grippalen Infekt und verschreibt Antibiotika. Zur Sicherheit ordnet er einen erneuten PCR-Test an, auch dieser reagiert noch nicht auf die Erreger und zeigt ein negatives Ergebnis an.

Neuf geht es immer schlechter, die Atemnot nimmt zu. Als Notfallsanitäter kann er seine Sauerstoffsättigung im Blut selbst messen. Der Normalwert liegt zwischen 94 und 98 Prozent, bei Neuf zeigt die Messung nur noch 91 Prozent an. Sein Hausarzt überweist ihn in das Krankenhaus, wo er sofort auf die Isolierstation gelegt und mit Sauerstoff versorgt wird.

Der dritte PCR-Test ist positiv

Der dritte PCR-Test bringt Gewissheit: Neuf ist an Covid-19 erkrankt. Die weiteren Untersuchungen bestätigen die Diagnose. Eine Computertomografie der Lunge weist die für die Krankheit typischen Infiltrationen auf. Drei Tage lang geht es Neuf miserabel, er leidet unter starker Atemnot und kann nicht sprechen. Zwei Wochen lang liegt er insgesamt im Krankenhaus, wo er unter anderem Sauerstoff inhaliert.

Neuf hat noch Glück, bei ihm verläuft die Krankheit weniger dramatisch als bei Patienten, die um ihr Leben ringen. „Zum Glück musste ich nicht beatmet werden“, sagt er. Nach seiner Entlassung gilt er noch als infektiös und bleibt vorerst in Quarantäne. Das Treppensteigen zum Schlafzimmer seiner Ferienwohnung im ersten Stock fällt ihm schwer, er gerät schnell außer Atem.

Als Neuf wieder arbeitet, spürt er Einschränkungen im Vergleich zu der Zeit vor der Erkrankung deutlich. Als er zu einem Notfall gerufen wird, eilt er mit dem EKG-Notfall-Koffer die Treppen hoch und stellt fest, dass er nicht mehr so belastbar ist. „Oben im dritten Stock angekommen, musste ich mich erst mal ans Fenster stellen, damit ich wieder Luft bekomme“, sagt er. Bis heute halten seine Beschwerden an, auch eineinhalb Jahre nach der Infektion spürt er die Folgen.

Es sind seit Pandemiebeginn fast 24 Monate verstrichen. Wir befinden uns mitten in der vierten Welle. Die große Hoffnung mit dem Impfstoff Corona zu bekämpfen, hat sich nur teilweise erfüllt. Es gibt immer noch zu viele ungeimpfte Menschen, aus welchem Gründen auch immer „Jeder ist für sich selbst verantwortlich, aber das Impfverweigern ist einfach unfair auch gegenüber dem medizinischen Personal.“

„Ich habe gespürt, dass das was Anderes ist, als eine Grippe.“

Viele Mitarbeiter im medizinischen Bereich sind am Ende ihrer Kräfte und haben ihren Beruf an den Nagel gehängt. Die Betten seien da, aber das Personal eben nicht, sagt Neuf. Hinzu kommt: Nach Schätzungen der WHO sind weltweit circa 115.000 Pflegekräfte an Covid-19 gestorben. „Ich verstehe, wenn man sich dieser Gefahr nicht aussetzen will“, sagt Neuf.

Neuf erlebt in diesen Tagen hautnah, wie sich die Situation in den Krankenhäusern dramatisch zuspitzt. „Wir hatten am Wochenende einen geimpften 39-jährigen Patienten mit einem Aortenaneurysma und haben ihn zunächst nirgends untergebracht.“ Mitte November 2021 ist im Großraum Nürnberg nur noch ein Intensivbett frei. So kann im Ernstfall wertvolle Zeit verstreichen, die Menschenleben kostet.

Neuf hat die Krankheit, wenn auch mit Folgen, überlebt, nicht aber sein Onkel, der im April dieses Jahres im Alter von 72 Jahren an Covid-19 im Krankenhaus verstorben ist. „Es war ein einsamer Tod“, sagt Neuf nachdenklich. Auch eineinhalb Jahre nach der Infektion bekommt seine Lunge nicht genug Sauerstoff. Die Berufsgenossenschaft hat bei dem 51-Jährigen Long Covid als Berufskrankheit anerkannt. „Bei der letzten vertrauensärztlichen Untersuchung wurde eine nochmalige Reha-Kur von vier Wochen vorgeschlagen“, sagt er und blickt nachdenklich.

Was er sich wünscht? Dass die Gesellschaft wieder zusammenrücken möge, und dass man sich mehr für die Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, einsetze. Und: Treppensteigen ohne Atemnot, in die Pedale treten ohne Motor und irgendwann wieder einen Berg erklimmen. So wie er es vor dem 9. April 2020 getan hat.

„Wer Angst vor der Nadel oder dem Impfstoff hat, der soll sich mal auf der Intensivstation umsehen. Da ist das Impfen nichts dagegen.“

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