Grenzerfahrungen: Thomas Engel #58

Der Gipfelstürmer

Thomas Engel, 1. Vorsitzender des Deutschen Alpenvereins (DAV) Sektion Coburg und Geschäftsführer der Leise GmbH & CO KG, ist leidenschaftlicher Kletterer. Dabei erlebt er auch extreme Situationen.

Am Morgen um sechs Uhr geht es los. Der Tag ist noch jung. Die Luft ist kühl und frisch. Die Sonne blinzelt vorsichtig hinter den Gipfeln. Es wird nicht lange dauern, bis die Strahlen die Berge in ein goldenes Licht tauchen. Acht bis zehn Stunden hält sich die Seilschaft in der mächtigen Felswand auf. Sie klettert mehrere hundert Meter empor, bis zum Gipfel. Die Tour ist erst beendet, wenn auch der Abstieg geschafft ist.

Thomas Engel hat Hunderte solcher Touren bewältigt. Immer wieder treibt es ihn auf den Berg. Bevor er einsteigt, informiert er sich genau über das Wetter. Wenn ein Unwetter droht, bleibt er auf dem Boden. Das hat einen Grund. Thomas Engel ist von klein auf mit seinen Eltern in den Bergen unterwegs. Als er 16 Jahre alt ist, reicht ihm das Wandern nicht mehr. Der Jugendliche sucht nach einer Herausforderung und findet sie in der Jugendgruppe des Alpenvereins. Die Gruppe übt erste Schritte und Griffe in der Fränkischen Schweiz. Heute beginnen Anfänger ihre Kletterkurse im DAV-Kletterzentrum, das 2001 als eines der ersten in Nordbayern errichtet wurde. Erst, wenn die Sicherungstechnik und das Handling mit dem Seil, die Griff- und Tritttechniken sitzen, werden die 20 bis 30 Meter hohen Wände der Fränkischen Schweiz erklommen. „Dem Klettern im Gebirge muss man sich in Stufen nähern“, erklärt Engel. Klettern ist mehr als nur ein sportlicher Aufstieg. Kletterer in hohen Felswänden benötigen ein Gefühl für die Wegfindung und für die Beschaffenheit des Felsen. „Ich kann heute schon beim Hinsehen erkennen, welchen Schwierigkeitsgrad eine Felspassage in etwa hat und ob sie brüchig ist oder nicht“, sagt Engel.

Engel sammelt Erfahrungen für den Einstieg ins alpine Klettern in der Fränkischen Schweiz. Dazu gehört auch das Thema „Stürze“. „Der Sturz ist Teil des Kletterns, wenn man das verinnerlicht und auch trainiert, kann man richtig loslegen. Wenn man Angst vor Stürzen hat, ist es unmöglich, gut zu klettern.“ Und: Man muss gut vorbereitet sein, nur dann sollte man den Sprung ins Hochgebirge wagen.

Auf zur ersten Gebirgstour

Mit Anfang 20 macht er sich mit drei Freunden zu seiner ersten alpinen Klettertour auf, um die Drei Zinnen in den Dolomiten zu besteigen. Für Engel ist das bis heute das schönste Klettergebiet. Die vier Kletterer besteigen in zwei Zweier-Seilschaften die Dibonakante an der Großen Zinne und am nächsten Tag den Preußriss an der Kleinen Zinne. Seinen Traum, die mächtige, abweisende Nordwand der Großen Zinne zu bestehen, erfüllt sich Engel in den kommenden Jahren noch mehrmals. Eine Zeit des intensiven Kletterns und damit auch der intensiven Erfahrungen hat begonnen.

Die Gewitterwolke und heftige Blitze

Engel ist Anfang 40, als er sich wie jedes Jahr in den Sommermonaten erneut zu einer Bergtour mit einem Kletterfreund begibt. Das Ziel ist der Gipfel des zweiten Südwandpfeilers der Tofana über die „Constantini-Ghedina-Führe“ – eine 600 Meter lange Kletterlinie mit 18 Seillängen im teilweise 6. Schwierigkeitsgrad. Ein echter Klassiker in den Dolomiten. Wie gewohnt, machen sich die Männer früh auf den Weg. Das Wetter ist nicht ideal, es ist nicht auszuschließen, dass es am Nachmittag Gewitter geben wird.

„Dann musst Du schnell sein, damit Du vor den Gewittern oben beziehungsweise wieder unten bist. Wir waren aber nicht schnell. Wir hatten einfach kein gutes Tempo. Durch die schwierige Wegfindung und die anspruchsvolle Kletterei waren wir langsamer und da hat uns tatsächlich in der Wand ein massives Gewitter erwischt.“ Sie sind mitten in der Wand, als sich der Himmel verdunkelt und ein Kumulonimbus, eine Gewitterwolke, direkt auf die Männer zusteuert. „Wir haben gesehen, dass sie auf uns zukommt. Die Blitze sind bereits in die Felsen der nahen „Cinque Torre“ eingeschlagen.“ Die beiden überlegen, ob sie sich abseilen, ausharren oder schnell weiter aufsteigen. Sie wählen die Flucht nach oben. Heute weiß Engel, dass das ein Fehler war. „Mit unserem weiteren Aufstieg haben wir die lebensbedrohliche Situation noch verschärft. Außerdem bist du voller Eisen, Haken, Hammer, Karabiner. Alles Dinge, die den Blitz anziehen.“ Heute würde er sich mit einem möglichst guten Standplatz am Felsen befestigen, hinkauern und versuchen, alles an Eisen von sich zu entfernen, weit weg vom Körper auf einen Extra-Haken hängen. „Wir haben uns damals falsch entschieden. Wir haben uns gesagt, wenn wir schnell klettern, könnten wir vielleicht noch entkommen.“

Die Männer flüchten im „Expresstempo“, ohne Sicherungen zu legen, zwischen den 50 Meter auseinanderliegenden schlechten Standplätzen am Felsen empor. Sie befinden sich bald mitten im Zentrum der Wolke. Blitz und Donner rasseln gleichzeitig herunter. Sie erleben eine Urgewalt, unfassbar laut und intensiv. Es ist kalt, die Kleidung hängt nass und schwer am Körper. Das Seil lässt sich schwer ziehen. Das Zweierteam ist nur noch im Funktionsmodus und konzentriert sich auf die Klettersituation, denn ein falscher Griff oder Tritt und beide stürzen bei einem Standausbruch 600 Meter in die Tiefe.

„Du denkst, jetzt ist es vorbei. Aber wir haben wie durch ein Wunder überlebt.“

Komplett durchnässt und frierend kommen sie in 3.000 Metern Höhe an. Zwei Stunden lang waren sie im Donner und Blitz gefangen. Abends in der Pizzeria im Ort Cortina lassen sie den Tag Revue passieren und realisieren, dass sie großes Glück gehabt haben. Am nächsten Tag geht es dennoch wieder in die Wand. „Es ist wichtig, dass Du gleich weitermachst und aus der Erfahrung lernst“, sagt Engel. Seitdem hat Engel nie wieder ein Gewitter im Gebirge erwischt. Er achtet sehr genau auf die Wetterlage. Dennoch gerät er immer wieder in brenzlige Situationen, bedrohliche Steinschläge erlebt er dreimal.

„Du siehst den Stein auf dich zukommen und musst entscheiden, in welche Richtung du wegspringst.“

Einmal löste sich ein größerer Stein aus der Felswand der Grünsteinspitzen an der Coburger Hütte, direkt über dem Einstiegsplatz der Route „Carpe Diem“. Engel bemerkt das Geschoss, lässt es im Flug nicht aus den Augen und realisiert, dass er direkt im Aufschlagbereich steht. Instinktiv springt er mit kurzem Anlauf ins Schotterkar hinter ihm. Der Stein verfehlt ihn, schlägt auf und zerbricht in tausende kleine Teile. Ein kleinerer Querschläger trifft Engel noch im Flug am Rücken, glücklicherweise, an der Stelle, an der sich der gepolsterte Gurt befindet. Dennoch ist der Coburger verletzt. Obwohl er Schmerzen hat, verbringt er weitere drei Tage auf der Hütte. Später wird ihm im Krankenhaus mitgeteilt, dass er einen kleinen Milzriss erlitten hatte. „In den 40 Jahren Klettern in alpinen Wänden ist mir nie etwas wirklich Schlimmes passiert. Ich hatte Glück“, resümiert er.

Vor allem genießt er das Klettern, das alpine Ambiente, die Herausforderung, die Höhe, die Sonne, die hinter den Bergen am Morgen wärmend aufsteigt und im spektakulären Abendrot wieder verschwindet. In luftiger Höhe weitet sich der Blick und die Sicht auf die Dinge relativiert sich. Am Ende des Tages ist er erschöpft, aber sehr glücklich. Im Laufe der Jahre ist der 60-Jährige ruhiger geworden. „Früher mussten es die kalten, düsteren Nordwände sein, heute darf es gerne eine sonnige Südwand sein“, sagt er. Die nächste Tour steht vor der Tür. Engel wird Ende August mit seinen beiden Kindern und dem Extremkletterer Christoph Hainz in die Dolomiten fahren und – wie könnte es anders sein – die Drei Zinnen besteigen.

„Die Bedeutung und Wahrnehmung der Alltags-Probleme, die man so hat, erscheinen zu Hause nach der Rückkehr vom Berg in einem ganz anderen Licht.“

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