HIER WOHNTE… #23

… ein amerikanischer Botschafter

Als Platz zum Begegnen und Lustwandeln war die Stelle dereinst angelegt worden. Doch als solche wird sie kaum mehr wahr genommen, diese herrlich begrünte Verlängerung des Albertsplatzes entlang der ehemaligen Stadtmauer: der Ernstplatz. Dabei erlangte das Haus mit der Nummer 2 sechs Jahre lang höhere Ehren, nachdem zu Anfang des 20. Jahrhunderts das Generalkonsulat der Vereinigten Staaten von Amerika hier seine diplomatischen Zelte aufschlug.

Erst durch den Rückbau der inneren Wehranlage und die Verfüllung des Wallgrabens Ende des 18.Jahrhunderts entstand hier die heute noch erhaltene Stützmauer aus Sandsteinquadern mit der Treppenverbindung in die Kleine Rosengasse, die jetzt viele Einheimische benutzen, um von den Parkhäusern in die Innenstadt zu gelangen. Durch diese Auffüllung entstand auch eine kleine Grünanlage mit Spazierwegen als Lustgarten für friedliche Wanderer, wie der damals regierende Herzog Ernst Friedrich von Sachsen-Coburg-Saalfeld sich ausdrückte. Wie schön, dass die Bewehrungen der Residenzstadt in den anbrechenden friedlicheren Zeiten nun nicht mehr als nötig erachtet wurden.

Übrig geblieben davon ist nur der kleine Schnipsel Rasenfläche im Anschluss an den Pausenhof der Lutherschule. Und diesen haben innerstädtisch wohnende Bürger mit den zahlreich vorhandenen Vierbeinern mittlerweile zum Hundeklo umfunktioniert. Seit 1874 ziert außerdem ein adlerbekröntes Kriegerdenkmal die ehemalige Parkanlage und gedenkt damit der gefallenen Coburger Soldaten des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71. Einträchtig stehen hier die Namen von Offizieren und einfachen Soldaten nebeneinander. Bemerkenswert modern.

Von der ehemaligen Pracht geblieben sind dennoch einige Gebäude rund um den Ernstplatz, wie er erst seit 1875 heißt. Das eindrucksvollste Ensemble besteht aus den drei nahtlos aneinander gereihten Einzelhäusern mit den Hausnummern 1,2 und 3, die unter Einbeziehung mittelalterlicher Stadtmauerreste und sogar eines Turmes an der Nordwestseite errichtet wurden. Im Volksmund der Einfachheit halber kurz „Alte Botschaft“ genannt. Das vom belgischen Architekten Adolphe Schuster 1865/66 als Spekulationsobjekt konzipierte Ensemble beherbergte seither bürgerliche Mieter, Gesandte ferner Länder, städtische Hirten und Wirtsleute. Ein paar Jahre später baute der Belgier rückwärtig an das Mittelhaus sogar noch ein palaisartiges Gebäude Richtung Metzgergasse an und vereinigte es so mit dem Gebäude am Ernstplatz.

Auf diese Weise fand der wohl bekannteste Mieter des Hauses Ernstplatz 2 an seinem Arbeitsplatz auch gleich eine Wohnung: von 1908 bis 1914 residierte hier der Generalkonsul der Vereinigten Staaten von Amerika. Wirtschaftliche Interessen führten die Amerikaner nach Coburg. Der Bedarf an Kinderspielzeug wuchs gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den bürgerlichen Familien stark an. Besonders, seit Weihnachten zu einem Fest der Bescherung von Kindern avancierte. Zwei Drittel der in Europa gefertigten Puppen stammten aus deutscher Produktion, der größte Teil davon wurde in Sonneberg hergestellt. Zur Erleichterung des Handels errichteten die Amerikaner 1851 ein Konsulat in Sonneberg.

Warum dieses im Jahre 1897 nach Coburg verlegt wurde, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich wollten die Amerikaner neue Märkte erschließen und erhofften sich vom aufstrebenden Herzogtum Coburg neue Formen der Zusammenarbeit. Schließlich gab es in Coburg damals eine ganze Reihe von Spezialbetrieben, wie beispielsweise eine Wagenfabrik für hochwertige Kutschen und etliche exklusive Hoflieferanten. Auch die zentrale Lage der Vestestadt an der Fernhandelsstraße von Nürnberg nach Leipzig und der Bau der Werrabahn mit dem späteren Anschluss nach Lichtenfels war sicher kein Standortnachteil. Die Amerikaner setzten auf eine gedeihliche Zusammenarbeit mit dem alten Europa.
Zuerst residierte der Botschafter noch im Gebäude Theaterplatz 10 – heute die VR-Bank – bis er dann im Jahre 1908 in das herrschaftliche Gebäude am Ernstplatz umzog. Die über vier Meter hohen Räume strahlen auch heute noch Eleganz und Großzügigkeit aus. Behutsam sanierte der neue Besitzer alte Türen, Holzdecken und Beschläge und gab den in die Jahre gekommenen Räumlichkeiten im 1.Stock ihre Würde zurück. Sicher war das einer der Gründe, weswegen eine italienische Möbelmanufaktur hier vor kurzem einen Showroom eröffnete. Seither zieren feinste Ledersofas, Glastische und futuristische Lampen die großzügigen Räume in der ehemaligen Botschaft. Bis heute werden die exklusiven italienischen Möbel in Handarbeit gefertigt und passen in ihrer Individualität wunderbar in dieses repräsentative Gebäude am Ernstplatz.

Autorin: Heidi Schulz-Scheidt

Bildquelle: Sebastian Buff

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