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HIER WOHNTE… #29

… der Schinkenbaron

Wie ein kleines Schlösschen liegt das Gebäude an einer der meist befahrensten Straßen Coburgs und ist von weither sichtbar. Tausende Autofahrer rasen täglich daran vorbei. Hunderte Fahrgäste sitzen an den beiden Haltestellen am Ernstplatz und wenige von ihnen ahnen wahrscheinlich, welches Kleinod sich hinter dem Schallschutzzaun befindet.

Auf dem ehemals 2000 Quadratmeter großen Grundstück ließ sich der Fleischwarenfabrikant und Kommerzienrat Tobias Großmann um 1900 ein herrschaftliches Wohngebäude errichten. Der Betrachter ahnt bei dessen Anblick, dass der Metzgermeister ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann gewesen sein muss. Und tatsächlich: Unter Tobias Großmann entwickelte sich die Familienmetzgerei mit Filialen in der Ketschengasse und der Bahnhofsstraße zu einem der größten deutschen Exporteure von Schinken. Genauer gesagt Coburger Delikatessschinken, eine bis heute überregional bekannte Schinkenspezialität. Die familiäre Erfolgsgeschichte der bereits im 17.Jahrhundert aus Lobenstein zugewanderten Großmanns endete im Jahre 1937, als Tobias kinderlos verstarb. Die Geschäfte wurden weiter geführt, eine Aktiengesellschaft gegründet. (1996 jedoch kam die Pleite des Familienbetriebs, der das rasante Expansionstempo in den neunziger Jahren mit der Gründung einer tschechischen Niederlassung nicht vertrug.)

Das Ende der Villa am Ernstplatz war dies freilich nicht. Der nächste Eigentümer brauchte jedoch mehr Platz. Kurzerhand ließ Dr.Paul Eichmüller den Wintergarten an der Rückseite abbrechen, um einen Operationssaal mit Liegeterrasse für seine orthopädische Klinik zu schaffen. Zusätzlich ließ er eine Mansarde aufstocken, um Wohnräume für das Personal zu einzurichten. Keineswegs eine bauliche Verschönerung des Gebäudes, zugegeben. Doch welch herrlicher Anblick mag es für die Patienten gewesen sein, auf den barocken Garten mit dem hölzernen Pavillon und der künstlichen Steingrotte zu schauen. Ein Brunnen auf Höhe des Zauns und verschiedene Steinfiguren ergänzten die Gartenanlage, die bis heute über eine breite Freitreppe vom Erdgeschoss aus jederzeit erreichbar ist.

Einen weiteren großen baulichen Einschnitt brachte, für alle Coburger ersichtlich, das Jahr 1973 im Zuge der Verbreiterung der Goethestraße. Fast 300 Quadratmeter des Gartens musste der Eigentümer an die Stadt abtreten. Die Brunnenanlage wurde dabei zerstört und der Zuschnitt des Gartens verändert. Der nächste Eigentümer veränderte die Villa unbemerkt in ihrem Inneren. Kaufmann Heinz Matthäi erwarb das Ensemble, um seine Christbaumkugelausstellung darin zu präsentieren. Ab diesem Zeitpunkt waren viele Fenster im Erdgeschoss ganzjährig abgedunkelt, um die passende schummerige Weihnachtsstimmung für dir Einkäufer erzeugen zu können. Bemerkenswert.

Aber auch dieser Coburger Geschäftsmann verkaufte das Gebäude wieder – aufgrund des erhöhten Verkehrsaufkommens an der nunmehr verbreiterten Goethestraße. In diesen Jahren führt der Arbeitsweg einen jungen Ingenieurs täglich an dem herrschaftlichen Gebäude vorbei. Nach eigener Aussage träumte dieser davon, irgendwann selbst einzuziehen, so sehr faszinierte Michael Knörnschild dieses Gesamtkunstwerk, welches zunehmend verfiel. Anfang des Jahres 1994 war es dann soweit und ein befreundeter Immobilienmakler bot ihm tatsächlich dieses Haus zum Kauf an.

Der Traum wurde wahr und das Ingenieurbüro Knörnschild bezog nach umfassenden Sanierungsarbeiten die beiden Obergeschosse, während im Souterrain ein Kopie-Shop als Mieter einzog. Seit 2003 wohnt Michael Knörnschild auch selbst in seiner Traumvilla. Eine Herzensangelegenheit war ihm dabei die Rekonstruktion des mittlerweile arg verwilderten Gartens. Nun bildet eine konkav zulaufende Rasenfläche wieder den Mittelpunkt des Ziergartens. Hecken wurden angelegt, die Grotte saniert und der reiche Bestand an ausgefallenen Bäumen pflegerisch eingebunden. Die urzeitlichen Riesenmammutbäume, die Hängebirken und die Linden entlang der Straße machen aus dem Ensemble ein grünes Kleinod mitten in der Stadt. Und so spricht heute auch keiner mehr über den als Schallschutzwand gegen den Verkehrslärm angelegten Bretterzaun entlang der Goethestraße, der dereinst die Gemüter in der Stadt erhitzte, weil er als nicht ästhetisch empfunden wurde. Denn auch diese hölzerne Konstruktion ist mittlerweile begrünt und fügt sich gut in das Bild der Straße ein.

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