HIER WOHNTE… #43

… DIE MUSE

Allein die Verkaufssumme von 20 000 Goldmark – umgerechnet rund 200 000 Euro – lässt erahnen, welchen Wert das Grundstück bereits im Jahre 1889 hatte. Ein Paradies ist es gewesen, ein dreifacher Garten Eden, wie ein Zeitzeuge berichtet. Mit unverbaubarem Vesteblick noch dazu. Der Schnürsgarten mit dem weithin sichtbaren Pavillon am Adamiberg.

von Heidi Schulz-Scheidt
Fotos: Val Thoermer

Der Coburger Theatermaler Professor Lütkemeyer erwarb das Gartengrundstück von der Erben­gemeinschaft Schnür und verbrachte hier in der Abgeschiedenheit die Wochenenden in seinem Tusculum, wie er seinen Landsitz nannte. Zahlreiche Feste, über die sogar im Coburger Tageblatt berichtet wurde, fanden hier statt. So ist das Anwesen den Coburgern Jahrzehnte lang in guter Erinnerung geblieben. Denn es war öffentlich zugänglich. Ganz im Gegensatz zum Hofgarten, welcher der herzöglichen Familie vorbehalten war. Von prächtigen Illuminationen und einer magischen Beleuchtung des Gartens durch Grün- und Rotfeuer ist da die Rede. Von romantischen Sitznischen, Aussichtsplattformen und Treppchen zwischen alten Kastanien und in Form geschnittenen Hecken. Und manches Mal war in den Sommermonaten auch eine Kapelle bis in die Stadt hinunter zu hören. Ein Garten zum Verlieben. Lütkemeyer erwarb Anfang des 20. Jahrhunderts noch weitere Grundstücke, baute das Wegenetz weiter aus und errichtete zusätzlich ein Gewächshaus. Auch Engelsfiguren, Steinstatuen und lebensgroße Holzskultpuren bereicherten das Anwesen. Bis heute zieren uralte Eichen das Gelände. An manchen Stellen lassen sich die einst geschaffenen Grotten noch erahnen. Das Prunkstück aber war, damals wie heute, der Pavillon.

1862 ließ sich Albert Schnür vom Baumeister Paul Gehrlicher sein Sommerschlösschen bauen. Großzügig ist die Raumaufteilung. Denn es gibt, wie in den gehobenen Bürgerhäusern dieser Zeit, eine Bel Etage mit großem Salon und einem wunderbaren Blick über die Stadt bis hinauf zur Veste. Und zwei Eingänge. Bemerkenswert, gingen in diesem kleinen Gartenhäuschen die Dienstboten zur jetzigen Eingangstür hinein. Die „hohe Gesellschaft“ jedoch nahm den repräsentativen Zugang von der Südseite aus. Dieser ist im übrigen erst bei der letzten Sanierung wieder zum Vorschein gekommen. Die Vormieter hatten die schwere doppelflügelige Eichentüre – wahrscheinlich weil es durch die Ritzen zog – kurzerhand zugemauert. Das Untergeschoss bestand aus einer offenen Terrasse mit Rundbogenarkaden. Im Original waren die Wände grün gestrichen. Man saß ja passenderweise inmitten der Natur und konnte bei einem Gläschen Wein die Aussicht auf das Coburger Land genießen. Aber nicht nur seine Liebe zu gepflegten Gärten hinterließ Spuren am Adamiberg. Albert Schnür war auch anderen Musen zugetan und renovierte das von Schriftsteller Jean Paul so geliebte Gartenhäuschen in der Nähe seines Pavillons. Später ließ er sogar eine Büste des Schriftstellers am Haus anbringen. Auch Jean Paul war von der Schönheit des Gartens hoch oben auf dem Berg begeistert und zog sich als Mieter immer öfter hierher zum Schreiben zurück. Er selbst nannte den Adamiberg seinen „Verklärungs- und Arbeitsberg“ und den einzigen Ort, „der nicht mit dem Paradies versank“. Wichtige Schriften beendete der Schriftsteller hier, nachdem er aus der ehelichen Wohnung, in der bereits zwei Kinder herumtobten, zum Schreiben auf den Berg fliehen musste.

Wie es leider oft so ist, was die Vorfahren aufbauen und erschaffen, zerfällt mit den Kindern. Weil sie sich um das Erbe stritten, verwilderte die prächtige Gartenanlage und wurde verkauft. Der Rasen wurde nicht mehr gemäht und die Hecken nicht mehr gestutzt. Im Jahre 1919 baute die Stadt Coburg den Pavillon notdürftig um und machte daraus Sozialwohnungen. Weil das Gebäude aber nur als Wochenendhäuschen erdacht war, fehlten ein Wasser- und Kanalanschluss. Die Mieter mussten viele Meter laufen, um an einer Pumpe Wasser zu holen. Eine gemauerte Grube wurde zum Ersatz für die fehlende Kanalisation. Jahrzehnte lang verwilderte das Anwesen immer mehr und auch baulich investierte die Stadt nichts weiter. 1964 kam für die Bewohner der Sozialwohnungen die erste Erleichterung mit dem Bau einer Minigolfanlage auf dem oberen Teil des Schnürsgartens. Fortan durften diese die öffentlichen Toiletten mitnutzen. Während seit den siebziger Jahren das Jean-Paul-Häuschen einer Pfadfindergruppe als Versammlungsort dient, diskutierte man im Gegenzug sogar über den Abriss des benachbarten Pavillons. Welch ein Glück, dass eine Studentenverbindung sich des Schmuckstücks annahm, die notwendigen Wasser- und Kanalisationsarbeiten als Mieter übernahm und den Salon auf der Bel Etage wiederherrichtete. Eine weitere glückliche Fügung folgte 2004, als die Schülerverbindung Ernesto-Albertina zu Coburg das Haus für sich entdeckte und weitere Renovierungsarbeiten durchführte. Mittlerweile gehört das Gebäude einem Mitglied dieser Verbindung, der weitere Sanierungsarbeiten veranlasste. Heute erstrahlt der Pavillon mit neuer Fassade weithin über die Stadt und ist wieder zu dem geworden, was er einst war: Ein kleines Paradies auf dem Berg.


Häuser, die mit Unterstützung der Gemeinschaft Stadtbild Coburg e.V. saniert worden sind – der COBURGER stellt sie vor: 2021 in jeder Ausgabe des COBURGER eines in unserer Reihe „Hier wohnte“.

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