Haus von oben

HIER WOHNTEN… #20

…GUTSBESITZER AUS HILDBURGHAUSEN

Der Weg von Coburg aus in Richtung Westen steil den Berg hinauf trug früher den Namen Seßlacher Weg. Oben angekommen, führte er am Ahornberg vorbei, im Volksmund später auch Marnsberg. Das erklärt den heutigen Namen des kleinen Wegs, der schon länger zur vielbefahrenen Straße geworden ist – der Marschberg nämlich. An dieser steilen Auffahrt in direkter Nähe zum Hofbräuhaus mit bestem Blick auf die Stadt entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts einige schöne Villen, so wie die mit der Hausnummer 19, deren Geschichte typisch ist für diese Zeit, typisch auch für Coburg.

Es war die Zeit, als viele Privatiers das kleine Herzogtum für sich entdeckten. Eine kleine gepflegte Stadt mit guter Infrastruktur, einem Landestheater, europäischer Ausstrahlung, aristokratischer Würde, einem gepflegten Bürgertum. Davon versprach man sich ein angenehmes Leben in einem angemessenen Umfeld, wenn man über das nötige Kleingeld verfügte. So oder so ähnlich werden die Beweggründe gewesen sein, die das Ehepaar Rühl aus einem Gut bei Hildburghausen nach Coburg führten: Den Lebensabend genießen.

Damals standen nur wenige Häuser am Marschberg, der ja auch nur ein schmaler Hohlweg war. Die Straße in ihrer heutigen Form entstand erst 1993 mit dem Bau der Frankenbrücke. Jugendstilhäuser säumten das kleine Sträßchen, es war ruhig, grün, sonnig, mit schönem Blick aufs Herzogtum – das richtige Umfeld. Für das dreistöckige Haus zeichnete Eduard Amend verantwortlich, Maurermeister und Baugewerksmeister, der, 1876 geboren, als Mittdreißiger voller Schaffenskraft war: Er errichtete vor allem auf der anderen Seite der Stadt, im Pilgramsroth, fünf Villen, und prägte so das Bild Coburgs zu dieser Zeit entscheidend mit. Ähnlich präsentiert sich auch sein Werk am Marschberg, das aus dem Jahr 1909 datiert und lange im Familienbesitz war: Erika Eckstein, Enkelin der Erbauerfamilie Rühl, lebte hier über 70 Jahre lang. Am 1. Juni 1926 hatte sie hier das Licht der Welt erblickt, bis wenige Jahre vor ihrem Tod im Jahr 2013 lebte sie auch hier. Ihren Nachnamen verdankte sie ihrem Mann, dem Inhaber des in Coburg bekannten „Sanitär Eckstein“. Auch ihre Zwillingsschwester Inge lebte lange in ihrem Geburtshaus, steht auch für ein Stück Coburger Geschichte. Sie nämlich heiratete Peter Jühling, lange Chef des Neustadter Siemens-Werks, IHK-Präsident und Sohn des früheren Brose-Miteigentümers Ernst Jühling. Inge Jühling, geborene Rühl, starb erst kürzlich, im Jahr 2016.

Gemeinsam mit ihrer Schwester und der Familie hatte sie in ihrem Geburtshaus aufregende Zeiten erlebt. Vor allem nach dem 2. Weltkrieg, als Coburg mit seinen gerade mal 30000 Einwohnern 17000 Flüchtlinge aufnahm. Auf fast 50000 Einwohner war die Vestestadt angewachsen, auf zwei Coburger kam ein Flüchtling. Kein Vergleich mit den Zahlen heute. Und so war das ganze Haus voll mit den Neubürgern aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Jedes Zimmer war belegt. Praktisch, dass man eine Sanitärfirma ja quasi im Haus hatte. Eckstein verlegte im ganzen Haus Gasöfen und Waschbecken. Toiletten allerdings gab es weiterhin nur zwei, jeweils auf halber Höhe der Stockwerke, wie damals üblich.

Dieser Teil der Geschichte gehört heute baulich wieder der Vergangenheit an: Die heutigen Besitzer haben die kreuz und quer verlegten zusätzlichenLeitungen für Heizung und Wasser wieder abgebaut. Das meiste an ihrem neuen alten Haus aber haben sie nach dem Erwerb 1999 mit viel Engagement, Liebe zum Detail und vor allem mit Hilfe des Vaters restauriert. Wie den Jugendstil-Stuck, der gemäß des Zeitgeists der jungen Bundesrepublik teilweise abgeschlagen worden war. Immerhin waren die Stuckdecken im Erdgeschoss noch erhalten, der Mutter der Vorbesitzerin sei Dank, sie hatte wohl ihr Veto eingelegt. Auch alle alten Türen waren noch in gutem Zustand, nur bei einer Türe hatte der Griff gefehlt. Sie sind neu lackiert, die alten Dielen in den oberen Stockwerken geschliffen, neue Fenster installiert worden. Vor allem aber hat man sich darum bemüht, den Urzustand wieder herzustellen, ohne dabei auf die Annehmlichkeiten modernen Wohnens verzichten zu müssen. So ist ein Stück typische Coburger Geschichte auf gelungene Art und Weise erhalten worden.

Autor: Wolfram Hegen

Bildquelle: Sebastian Buff

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