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Im Gesäus #41

Kultouren – Der COBURGER auf Reisen

Unsere Kultour führt uns wieder Mal in die Berge. In eine hierzulande eher unbekannte Gebirgsregion zwischen den Flüssen Enns und Salza mitten in Österreich. Auf uns wartet die sogenannte Universität der Bergsteiger: Das Gesäuse oder – wie die Einheimischen in der Steiermark liebevoll sagen – „es Gsäus“. Meine Berliner Freundin Nina und ich sind bereit für sieben Tage Hüttenwandern mit Start und Ziel in Admont. Hinten im Kofferraum unseres Wagens liegen zwei gepackte 30-Liter-Rucksäcke für unser Abenteuer. Vorne auf dem Beifahrersitz breitet Nina unsere Tourenkarte aus, auf der sechs Hüttenziele markiert sind: Mödlinger Hütte, Hesshütte, Buchsteinhaus, Haindlkarhütte, Admonter Haus und die Grabneralm. Beim nochmaligen Durchgehen der Tagesrouten schwingt ein bisschen Respekt mit – denn täglich rund 1000 Höhenmeter nach oben und dasselbe wieder runter sind für den Wanderneuling Nina nicht ohne. Aber die Vorfreude überwiegt. Als wir nämlich während unserer Reiseplanungen mit dem ziemlich unkonkreten Ziel „Raus in die Natur“ganz zufällig auf das Gesäuse gestoßen sind, haben wir auf den Seiten des Tourismuszentrums Admont gelesen, dass „es Gsäus“ süchtig macht. Und schon waren wir infiziert. Jetzt verlassen wir die Autobahn und sind gleich da. Bereit für die Sucht – bereit, in dieses wunderbare Bergpanorama einzutauschen und es zu entdecken. Noch eine Nacht schlafen… „Berge, wir kommen!“.

von Stephanie Fröba

Wasserfallweg

Vom ersten Tag an sind wir begeistert von dem, was der Nationalpark Gesäuse zu bieten hat. Das saftige Grün der Wiesen, klares Wasser und die in der Abendsonne glitzernden Felswände… ganz zu Schweigen von den urgemütlichen Hütten am Berg. Als wir nach einem anstrengenden und von Regenschauern geprägten Tag an der Heßhütte auf 1691 Meter Höhe ankommen, haben wir viel Gesellschaft. Eine Gruppe von ca. 30 Bergpolizisten hat sich zum Übungswochenende einquattiert. Ein lustiger Abend und reichlich Ablenkung von den müden Beinen ist gebongt. Wir werden nach unseren weiteren Vorhaben gefragt und dann leider ziemlich verunsichert. Der geplante Weg über die Sulzkaralm runter und wieder rauf zum Buchsteinhaus sei – auch mit der Option Gebirgstaxi im Tal – viel zu weit für einen Tag. Einer empfiehlt uns, den Weg zurück nach Johnsbach zu wandern, ein anderer, den Wasserfallweg zu gehen. „Viel zu anspruchsvoll!“, sagen die nächsten: „Da steht ihr ganz plötzlich am Rand vor einem 200 Meter tiefen Abgund und müsst da runter.“ Ihr seid in einer guten Konstitution und schafft das“, sagt der andere. Und wir glauben es ihm. Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg und durchwandern die ersten Kilometer den Erbensanger Boden. Dann wird es Ernst. Die Rampe ist da: Ab jetzt geht es eine Stunde über Leitern und Felsen nach unten. Mit Blick zur Felswand, nehmen wir konzentriert Stiege für Stiege – und Stufe für Stufe, die Hand immer am Drahtseil. Und dann sehen wir unsere Belohnung: Den Wasserfall, der sich spielerisch-wild über den mächtigen Felsen ins Tal hinabwirft! Den Wasserfallweg zu nehmen lohnt sich definitiv – ist aber nur für Geübte oder unängstliche Konditionsstarke zu empfehlen.

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Buchsteinhaus

Auf das Buchsteinhaus freuen uns wir uns ganz besonders. Auf dem Weg zum Großen Buchstein und der St. Gallener Spitze gelegen, sind uns dort auf einer Höhe von 1571 Meternein atemberaubender Blick und eine köstliche Küche versprochen. Das ist unsere Motivation für die 984 Höhenmeter, die wir vom Bahnhof Gstatterboden noch zurücklegen müssen. Nach eineinhalb Stunden Aufstieg sind nur noch die Serpentinen mit 20 Kehren durch den Wald zu meistern, bis wir da sind. Durchgeschwitzt und gut ausgelaugt kommen wir oben an. Wir werden umarmt von einem Glücksgefühl. Und wir wissen beide: Es ist das Highlight der Tour! Nach der ersten Johinnisbeerschorle erfahren wir von Hüttenwirt Tschischi, wo unsere Betten sind und, … dass wir wegen Wasserknappheit hier oben nicht duschen können. „Puuh“, Nina und ich schauen uns leicht verzweifelt an, „– ausgerechnet heute, wo es über 30 Grad hatte.“ Aber nach einer kleinen Katzenwäsche mit Waschlappen und Seife sind wir okay damit und genießen das Panorama der Hochtorgruppe und der Admonter Reichensteingruppe. Wir bestellen Linsencurry, Pilzpasta und Salat mit heimischem Kürbiskernöl und sind fassungslos, wie gut das Essen schmeckt. Helmut Tschitschiko alias Tschitschi hat in Wien das Kochen gelernt und – so erzählt er uns – ist nach vielen Jahren aus der taffen Gastronomiebranche ausgestiegen. Hier im Buchsteinhaus genießt er trotz Stresszeiten die Ruhe der Berge, kocht nur mit frischen regionalen Produkten und kreiert seine Gerichte frei Schnauze tradionell-experimentierfreudig. Es schmeckt wirklich fantastisch! Und es macht wahnsinnig Spaß Tschitschis Geschichten zuzuhören, von seinen geheimen Relax- Orten am Buchstein, seiner großen Leidenschaft Skifahren oder seiner Liebe zur Dunkelheit zu erfahren. Umgekehrt hört er mit Interesse zu, was uns hierher verschlagen hat und uns bewegt. Wir werden ihn nie vergessen: Nicht die Würze seines Essens und schon gar nicht diesen besonderen Typen Tschitschi! Ein Besuch am Buchsteinhaus ist in jedem Fall ein Gesäuse- Muss und einfach „voi schee.“

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Die Wilde Enns

Nachdem uns Tschitschi darauf vorbereitet hat, dass wir wahrscheinlich auch auf den nächsten Hütten nicht duschen können werden, steht unser Plan fest: Wir müssen ins Wasser. Und wir nutzen die erste Gelegenheit, die sich uns bietet. Auf der Fußgängerbrücke gegenüber des Bahnhofs sehen wir einen Einstieg in die mintgrün leuchtende Enns. Wir legen die Rucksäcke ab, werfen alles von uns und stürzen uns ins eisigkalte Flusswasser. Endlich Erfrischung, Abtauchen – wieder und wieder… Wir sind euphorisch, ja, nahezu süchtig… Das Gesäuse hat uns längst! Im Wasser sehen wir aber auch die Strömung und, dass hier natürlich auch Vorsicht geboten ist. Ein Ranger, der vorbeikommt weist uns freundlich auf eine nahegelegene offizielle Badestelle hin. Dort sei der Ennszugang ungefährlicher und weniger einsehbar, gibt er uns als Tipp, während über die Brücke vom Bahnhof gerade eine Wandertruppe spaziert und zu uns rüber schaut. Wer im Gesäuse Baden will, sollte sich vorher nach geeigneten Orten erkundigen. Denn viele Gewässer und Wasserbereiche stehen unter Schutz. Aber wenn man rein darf, ist es ein Naturerlebnis pur!

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Verpasste Kultur

Wir haben in einer Woche Gesäuse und Leben aus dem Rucksack traumhafte Natur kennengelernt: Beeindruckende Ausblicke, abwechslungsreiche Wege und einen der schönsten Sonnenaufgänge ever. Die Einheimischen haben uns viel über die Region und Natur erzählt, haben uns Tipps gegeben und uns auf unterschiedlichste Weise in spannende Gespräche verwickelt. Wir sind glücklich über jedes Detail. Doch wir haben einen Teil des Gesäuses verpasst. Denn auch kulturell ist hier vieles geboten. In Admont steht zum Beispiel die größte Stiftsbibliothek der Welt. Dank der 70.000 antiquaren Bücher, dem edlen Marmorboden und dem barocken Ambiente wird der Besuch im Admonter Klosterstift zu etwas Besonderem. Außerdem ist das große Benediktinerkloster auch Aufenthaltsort, für all diejenigen, die eine Weile Auszeit und Besinnung suchen. Infos und Tipps gibt’s direkt beim Stift Admont oder über die Seite www.gesaeuse.at.

Für Nina und mich steht nach der Reise durchs Gesäuse fest, dass wir irgendwann hierher zurückkommen. Man wird hier nicht fertig – es ist eine Sucht!

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