Kultouren: Berliner Luft #50

VON HEIDI SCHULZ-SCHEIDT

Reisen allein, zu zweit, als Familie mit Kindern, „die schon aus dem Gröbsten“ raus sind, mit Freunden. Regionen in Europa, die mit dem Auto, per Bahn, mit dem Bus (oder dem Flugzeug) in ein paar Stunden erreichbar sind. Ziele für Menschen, die etwas sehen und erleben wollen, die interessiert sind an Kultur, Land und Leuten, an Natur, Bergen, Seen, Flüssen und Meer, gerne verbunden mit Bewegung an der frischen Luft und manchmal auch mit ein bisschen kalkuliertem Abenteuer. Das sind unsere COBURGER Kultouren. In jedem Magazin eine. Mit vielen Bildern, die Lust aufs Fortfahren machen, und mit ein paar wenigen persönlichen Eindrücken, wenn Sie dieser Lust erliegen. Unser Tipp: Selbst auf Entdeckungsreise gehen.

DIE HAUPTSTADT

Frühjahr, Frühsommer, Pandemiepause. Die ersten lauen Sonnenstrahlen locken nach draußen, zum maskenbefreiten Durchatmen, Flanieren, Ablenken. Wenn die winterliche Kühle weicht und die sommerliche Hitze noch nicht brütet, ist eine Großstadt dafür ein ideales Ziel. Kultur und Natur, Dorf und Metropole, Geschichte und Geschichten, das alles findet man zuhauf in der deutschen Hauptstadt. Also machen wir uns auf den Weg, dank Deutscher Bahn ist man ja jetzt in unter drei Stunden aus dem beschaulichen Coburg im quirligen Berlin.

NICHTS IST, WIE ES SCHEINT

Gerade bei einer Reise in die – pardon, liebe Münchener – einzige Metropole in Deutschland hätte man seine fünf Sinne natürlich schon am liebsten beieinander. Genau auf diese haben es aber die vielen optischen Täuschungen und visuellen Effekte abgesehen in Berlins „Illuseum“ am Alexanderplatz. Gerade stand die Reisebegleiterin noch in Lebensgröße neben mir – plötzlich ist sie von jetzt auf gleich um mindestens einen Meter geschrumpft. Was der Verstand rational zu erklären versucht, widerspricht der Wahrnehmung sehr nachdrücklich. Alles ein großes Verwirrspiel. Das ist das Programm dieses Museumsspaßes für die ganze Familie. Im umgekehrten Raum steht alles Kopf, im Vortex Tunnel wird einem schnell schwindlig, obwohl man ja einfach nur hindurchgeht. Lustige Streiche werden dem Gehirn gespielt und das sehr zuvorkommende und hilfsbereite Personal erklärt dem verwirrten Besucher gerne, wo man stehen muss, um das perfekte Foto zu machen. Fotografieren ist nämlich ausdrücklich erwünscht hier.

HUMBOLDT-FORUM ODER STADTSCHLOSS?

So ganz einig sind sich da die Berliner noch nicht, aber man darf gespannt sein, welchen ulkigen Namen sich die Hauptstädter für das imposante Gebäude in Berlins Mitte noch ausdenken werden. Schließlich ist das Bundeskanzleramt mit seiner Optik ganz offiziell auch einfach nur die „Kanzler-Waschmaschine“. Überhaupt war der ganze Bau mit seinen über 640 Millionen an Baukosten zu keiner Zeit unumstritten. Letztendlich nur eine teure Fassade? Denn das Humboldt- Forum als Kulturmuseum ist ja das, was dieses teure Gebäude mit  Leben füllt. Nun steht es aber, sehr imposant auf der Museumsinsel und aller Kritik zum Trotz – christliches Kreuz auf der Kuppel eines ethnischen Museums, ja oder nein – schöner als Erich Honeckers Lampenladen, also der ehemalige Palast der Republik, ist das Stadtschloss auf jeden Fall. Und rein gehen darf ausnahmslos auch jeder.

FREIHEIT AUF ZWEI RÄDERN

Zugegebenermaßen nicht ganz neu ist die Idee, eine Stadt per pedes zu erkunden. In Berlin macht es aber doppelt Spaß, denn die Hauptstadt ist eine ausgesprochen grüne. Nicht nur der Tiergarten oder das Spreeufer locken Touristen genauso wie Einheimische auf die unterschiedlichsten Räder. Der Anteil der Radfahrer am Straßenverkehr liegt derzeit bei über 13 Prozent – da kann keine andere europäische Stadt dieser Größe mithalten. Also dann los: An der ehemaligen Mauer entlang? Oder lieber durch die alten und neuen Szene Viertel Kreuzberg oder Prenzlauer Berg? Raus mit dem Ollen an den Wannsee oder lieber hip unterwegs zu den Street-Art-Ecken der Hauptstadt? Unzählige geführte Touren stehen zur Auswahl. Und das Radl kann man gleich mitbuchen. Nie war die Erkundungstour durch die Großstadt so einfach so organisieren und so gesundheitsfördernd.

BIERKULTUR

O.k., Berliner Weisse ist nicht so ganz meine Sache. Aber da hat es die Hauptstadtspezialität  auch ausgesprochen schwer – der fränkische Gaumen ist zugegebenermaßen ziemlich verwöhnt. Aber die Berliner Bierkultur hat viel mehr als diese schaumige Brause zu bieten. Tatsächlich haben sich in den letzten Jahren einige kleine Brauereien etabliert – dem Craftbier sei Dank. Und die Tradition der Biergärten geht – wie auch hierzulande – schon zurück auf Anfang des 19. Jahrhunderts. Egal ob der idyllisch gelegene Schleusenkrug mitten im Tiergarten, das hippe Pendant Berlin Brewdog, das gemütlich-studentische Golgatha in Kreuzberg, die Kulturbrauerei auf dem Gelände der ehemaligen Schultheiss-Brauerei. Die Auswahl ist riesig.

BLICKE VON OBEN

Jeder Städtereisende kennt dieses Gefühl: Heruntersehen auf die Großstadt will man, die Vogelperspektive genießen, neue Einblicke bekommen. Seit 1999 hat man diese auf dem Reichstagsgebäude. Ganz nach oben muss man dazu auf die 200 Quadratmeter große  Aussichtsplattform. Von dort kann man die deutsche Hauptstadt in 40 Meter Höhe mit einer Tasse Kaffee genießen. Ein Klassiker: der  Fernsehturm am Alexanderplatz. Leider oft mit Schlangestehen und nicht ganz billig. Die Alternative: der Panoramapunkt im Kollhoff Tower am Potsdamer Platz. In 20 Sekunden rauscht man mit Europas schnellstem Aufzug in 100 Meter Höhe. Nebeneffekt: Auf Schautafeln erfährt man Interessantes über die ehemalige Baustelle dieses riesigen Platzes. Absoluter Geheimtipp der Kinder: Fotosession auf der Siegessäule. Günstige Tickets, keine langen Schlangen und nach knapp 300 Stufen der Blick auf die Paradestraße des 17. Juni in Richtung Brandenburger Tor: unbezahlbar. Die Goldelse macht an diesem Abend ihrem Namen alle Ehre und schenkt uns einen herrlichen Sonnenuntergang über den Tiergarten hinweg.

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