Monaco Franke

Monaco Franke #56

Was ist das gerade für ein Aufschrei! Die Bayern fühlen sich momentan mal so richtig verschaukelt und ungerecht behandelt – also eigentlich nicht die Bayern an sich, sondern die CSU, die in weiten Teilen Deutschlands ja aber gerne gleichgesetzt wird mit „den Bayern“. Eine etwas anachronistische Gruppierung von Politikern, die – (so sieht man das im Rest von Deutschland) alle mit einem lustigen Dialekt versehen – versuchen, die politischen Weichen in Berlin in die ihrer Meinung nach richtigen Bahnen zu lenken.

Das lief auch all die Jahre immer sehr gut – besonders im jahrzehntelang von der CSU besetzten Verkehrsministerium, das erstaunlich viele Projekte im Freistaat („wir bräucherten da bittschön in Vilshofen noch a Verbindungsstroßn zum Kuhstoi vom Sepplgruber Josef, danke!“) durchsetzte, während man sich anderswo im Land wunderte, warum es unendlich lang dauerte, bis eine Umgehungsstraße oder eine Eisenbahntrasse endlich in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wurde.

Und jetzt? Ja, jetzt ist die Empörung groß, denn die Ampel hat eine Wahlrechtsreform beschlossen, die die CSU wenn’s blöd läuft möglicherweise komplett aus dem Bundestag kickt. „UNGERECHT“, schimpfte Markus Söder noch lauter als sonst auf allen Kanälen, sprach von einer „Attacke auf die Demokratie“ und kündigte bereits eine Klage gegen die Maßnahme an, nicht ohne den Bundespräsidenten aufzufordern, „dieses offensichtlich verfassungswidrige Gesetz“ nicht zu unterzeichnen. Wenn die Reform (Alexander Dobrinth: „Ein Schurkenstück“) durchgeht, wird es nicht nur keine Überhangmandate für die direkt gewählten CSU-Männer und -Frauen mehr geben. Nach Streichung der sogenannten Grundmandatsklausel dürften die Christsozialen auch nicht mehr als Fraktion in den Bundestag einziehen, sollten sie bundesweit gerechnet unter fünf Prozent bleiben. Bei der letzten Bundestagswahl kam sie auf 5,3 Prozent. Von den 46 Direktmandaten in Bayern gewann sie aber stolze 45. Trotzdem: Verlöre die CSU bei der nächsten Bundestagswahl nur 0,3 Prozent, wäre sie komplett draußen.

Natürlich kann das eine Partei im Mark erschüttern und natürlich ist das irgendwie UNGERECHT. Das Bundesverfassungsgericht hat dem Gesetzgeber aber nun mal vor vielen Jahren auferlegt, ein neues Wahlrecht zu formulieren, um das ständige Anwachsen des Bundestages (statt der vorgesehenen 598 haben wir derzeit 726 Abgeordnete – so viel wie sonst kein Parlament in Europa) zu stoppen. Solange sie in der Regierungsverantwortung war, hat die CSU alle Reformvorschläge ihrer Schwesterpartei blockiert und das Problem lieber auf den zusätzlich installierten marineblauen Sitzen im Reichstag ausgesessen.

„Kummt sa heid ned, kummt sa morgen“, war also diesmal keine kluge Taktik, auch wenn andere Politiker damit weit gekommen sind. Dass in der Sache niemand in Deutschland so recht der CSU zur Seite stehen mag, hat wohl viel mit der Art und Weise zu tun, mit der in der Vergangenheit viele Projekte im Bund aus München abgekanzelt wurden. Die Ramsauers, Friedrichs oder Dobrinths haben als Vorsitzende der CSU Landesgruppe im Bundestag jahrelang bei jeder Kleinigkeit, die ihnen nicht in den Kram passte, „Zeter und Mordio“ geschrien, genauso die Ministerpräsidenten, egal ob sie nun Stoiber, Seehofer oder Söder hießen.

Der Länderfinanzausgleich? „UNGERECHT!“ Ausbau der Windenergie verpennt? „UNGERECHT!“ Ein atomares Endlager im Freistaat? „UNGERECHT!“ Und jetzt die neue Wahlrechtsreform? „Eine zum Himmel schreiende UNGERECHTIGKEIT!“ Tja, und jetzt, wo es wirklich ans Eingemachte geht, sind offenbare alle froh, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können: eine Reform durchboxen und ganz nebenbei diese ewig nörgelnde Partei loszuwerden.

Als Franke sieht man das Ganze mit einem weinenden und einem schadenfreudigen, lachenden Auge. Mit einem weinenden, denn auch die Stimmen der bei uns direkt gewählten CSUler wären ja dann verlorene Stimmen, wenn es so kommt, dass die CSU den Einzug in den Bundestag nicht mehr schafft. „Da hockma dann alle zsamm do und schaua mitn Ofenrohr ins Gebirch! Andererseits bekommt München nun mal am eigenen Leib zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn man links (na ja, hier ja wohl eher rechts) liegen gelassen wird. Nach dem Motto: Jetzt seht ihr endlich amool, wie’s uns unter Euch jahrzehntelang erganga is, Ihr Hansworschdn im Trachtenjanker!

Weil, es ist ja so: Nicht nur politisch haben es die Franken im Freistaat nicht leicht, auch im Freundes- und Kollegenkreis kann das hart sein. Wahrscheinlich ist das ein bisschen so wie bei allen Minderheiten: Man muss sich zwangsläufig die eine oder andere Frechheit anhören und sich die gedachten „Gänsefüßchen“ und „Zwinkersmileys“ einfach dazudenken. In Gesellschaft mit „echten Bayern“ schwingt immer so etwas Mitleidiges mit. Denn dass alle Franken an einem ausgewachsenen „Minderwertigkeitskomplex“ leiden, wird unten im Süden nicht unterstellt, sondern wie eine Tatsache behandelt.

„Lasst uns mal dieses oder jenes machen, damit sich die Franken nicht wieder benachteiligt fühlen“, hört der Monaco nicht selten. Natürlich ist das nicht annähernd so bös‘ gemeint ist wie es dann häufig klingt. Scho klar! Dass wir im oberbayerischen „Asyl“ so a bissala wie Greinmeicherla daherkommen, kommt ja nicht von ungefähr. Denn natürlich sind Franken benachteiligt und werden ständig ungerecht behandelt! Das fängt bei der Haushaltsverteilung der Landesregierung an und hört bei der Ignoranz auf, mit der fränkische Probleme in der Staatskanzlei mitunter behandelt werden. Was eigentlich auf einen Minderwertigkeitskomplex bei den Bayern hindeutet! Souverän ist eben nicht der, der seine Macht ausspielt, indem er sich ein möglichst großes Stück vom Kuchen auf den eigenen Teller legt!

Aber jetzt schau’n mer a mool, ob’s wirklich zu der Wahlrechtsreform kommt. Falls ja, würde die CSU womöglich bundesweit antreten, um auf die erforderlichen fünf Prozent zu kommen. Das wäre dann schon Realsatire, wenn ein Söder oder ein Joachim Herrmann plötzlich in Schleswig-Holstein, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern Wahlkampf machen würden. Aber sicher würde sich der Maggus dann in Schweriner oder sorbischer Tracht zeigen und plötzlich Räucherfisch essen statt seinen geliebten Schweinsbraten! „Kein Insektenpulver im Fisch“, wäre auch ein guter Slogan und könnte je nach Bundesland wunderbar variiert werden („im Handkäs‘“, „im Labskaus“, „in Mauldäschle“). Genau so machen wir’s! Dem Herrgott sei Dank, die CSU ist gerettet!

Schätzla, schau wie iech schau!

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