Raus aus der Sucht #60

Grenzerfahrungen

Zunächst wurden einige Biere am Feierabend getrunken. Später kam Wodka hinzu. Alkohol war wichtig, um sich zu entspannen und um nicht zu grübeln oder zu denken. Die Menge steigerte sich stetig. Später kam der Körper nicht mehr ohne Alkohol aus. Es begann schleichend, mit der Alkoholabhängigkeit. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums konsumieren etwa acht Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland Alkohol in einer gesundheitsgefährdenden Menge. Neun Millionen Deutsche sind von Alkoholproblemen betroffen. Der Alkoholismus ist eine Suchterkrankung, die sowohl körperliche als auch seelische und soziale Folgen für die Betroffenen mit sich bringt. Jede Suchterkrankung hat ihre eigene Geschichte.

Andrea S., 52 Jahre

Andrea S. hat einen langen Leidensweg hinter sich. Die 52-Jährige lebt seit Anfang 2023 im Wohnheim Schloss Neuhof, einer Einrichtung für Suchtkranke. Sie fühlt sich heute wohl. Das war nicht immer so. Andrea S. wächst in gut bürgerlichen Verhältnissen auf. Die Eltern haben ein Haus gebaut, Andrea S. besucht ein Gymnasium und hat eine jüngere Schwester. In der 11. Klasse verlässt sie die Schule, um Hotelfachfrau zu lernen. Während ihrer Ausbildung trifft sie auf ihren ersten Ehemann. Das Paar verbringt die Wochenenden regelmäßig in einer Bierkneipe. Dort wird gewürfelt und „ordentlich gebechert“. Es gehört dazu, dass Alkohol fließt. „Wir haben so viel getrunken, dass wir nicht mehr mit dem Auto fahren konnten. Wir sind nie nüchtern heimgekommen. Es war für uns normal, dass wir einen Rausch hatten, mal mehr, mal weniger.“

Die Ehe scheitert. Andrea S. fühlt sich als berufstätige und alleinerziehende Mutter häufig überfordert und allein gelassen. Hilfe holt sie sich nicht. „Ich habe viel in mich hineingefressen.“ Sie arbeitet zu dieser Zeit Frühschicht. Am Feierabend öffnet Andrea S. gegen 16 Uhr die erste Flasche Wein. Die Frau möchte sich beruhigen und ablenken, nur nicht nachdenken und grübeln. Sie trinkt, bis sie „angesäuselt“ ist. Am Ende des Tages werden eineinhalb bis zwei Flaschen geleert sein.

Immer häufiger erscheint Andrea S. nicht zur Arbeit. Morgens ist sie verkatert, kommt nicht auf die Beine. Es ist der jungen Frau klar, dass ihr Alkoholkonsum problematisch ist. Aber ohne Alkohol fühlt sie sich nicht wohl. Sie benötigt „den Stoff“ auch, um einschlafen zu können. Andrea S. leidet an den typischen Anzeichen einer Alkoholabhängigkeit. Die Betroffenen haben ein starkes Verlangen nach Alkohol. Die Kontrolle über ihren Alkoholkonsum ist nicht mehr möglich. Um sich zu entspannen, müssen sie immer mehr Alkohol zu sich nehmen. Ohne Alkohol treten Entzugserscheinungen wie Angstzustände, Depressionen oder Unruhezustände auf.

Andrea S. ist Ende 30, als sie einen Arzt aufsucht und von ihrem Problem berichtet. Im Jahr 2009 beginnt sie, sich einer ambulanten Behandlung zu unterziehen. Andrea S. ist nach der Therapie ein Jahr lang „trocken“. Sie treibt Sport und scheint ihr Leben in den Griff zu bekommen. Aber Andrea S. hofft auch auf eine neue Partnerschaft, ein neues Glück und steht sich dabei selbst im Weg. „Wenn einmal ein anständiger Mann angeklopft hat, dann habe ich mich nicht getraut, mich mit ihm einzulassen.“ Andrea S. ist nicht selbstbewusst. In einem nüchternen Zustand ist sie unnahbar und schüchtern. Alkohol lässt sie „auftauen“. Ihre bisherigen Partner hat sie beschwipst kennengelernt. Nach einem Jahr wird die Leere und Einsamkeit unerträglich. Andrea S. wird rückfällig. Sie rutscht in Kreise, in denen viel getrunken und gefeiert wird. Eine Abwärtsspirale beginnt unaufhörlich.

„Alkohol war meine Lösung, zu sagen, jetzt werde ich mal ein bisschen lockerer oder jetzt vergesse sich den Scheiß, den ich durchgemacht habe.“

Ihre Söhne sind inzwischen erwachsen, als sie wieder auf einen Mann trifft, der eine Suchterkrankung hat. Er trinkt, nimmt Drogen, ist jähzornig und gewalttätig. Es gibt viele Streitereien. „Ich habe die Schuld immer bei mir gesucht“, erinnert sie sich. Sie schafft es nicht, sich von dem Mann zu lösen. Andrea S. zieht aus der gemeinsamen Wohnung immer wieder aus und ein. Eines Tages wirft ihr Freund sie mitten in der Nacht aus der Wohnung. Die Frau ist obdachlos und findet Unterschlupf in einer Gartenhütte.

Sie begibt sich erneut in eine Therapie und hält eine Zeit durch, bis sie wieder auf ihren Partner trifft. Das Drama beginnt von Neuem. Ausgerechnet an ihrem Geburtstag kommt es wieder zu heftigen Auseinandersetzungen. „Ab da war ich nur noch betrunken.“ Andrea S. kippt jetzt alles in sich rein, was ihr in die Finger kommt und was günstig zu haben ist. „Man benötigt immer einen gewissen Pegel, um vernünftig zu denken.“ Sie begibt sich zum Entgiften ins Krankenhaus und trinkt danach weiter. Andrea S. verliert jede Hoffnung. Sie ist am Boden zerstört und hat Suizidgedanken.

Das Schlüsselerlebnis

Einmal ist sie so betrunken, dass sie einschläft und ihr Hund in einen Zug rennt und überfahren wird. Das ist das Schlüsselerlebnis. Bei einer erneuten Entgiftung im Krankenhaus ist klar, dass sie etwas unternehmen muss. „Ich musste weg von meinem Wohnort und weg von diesem Mann.“ Seit März dieses Jahres lebt sie im Wohnheim Schloss Neuhof, einer soziotherapeutischen Einrichtung für suchtkranke Menschen. Der Tagesablauf ist geregelt. Die 52-Jährige arbeitet sowohl in der Küche des Wohnheims als auch in einem Hotel außerhalb des Gebäudes. Andrea S. plant wieder ihre Zukunft. In drei Jahren möchte sie in eine betreute Wohngemeinschaft umziehen. Sie weiß bisher nicht, ob sie wieder in einer eigenen Wohnung leben wird. Ihre Söhne stehen fest im Leben und haben gute Jobs. „Ich habe meinen Kindern scheinbar doch Werte mit auf den Weg gegeben“, sagt sie.

Wolfgang M., 67 Jahre alt

Wolfgang M. wollte ein Jahr im Wohnheim Schloss Neuhof verbringen. Sechs Jahre sind seitdem vergangen. Der 67-Jährige fühlt sich hier wohl und geborgen. Er lobt das Team, das ihm nach seinem Absturz wieder in die Spur geholfen hat. Im Wohnheim wird er wertgeschätzt, die Mitarbeiter begegnen ihm auf Augenhöhe. Wolfgangs Leben ist durch Schicksalsschläge geprägt, wie bei vielen Alkoholkranken. Der Coburger lernt den Beruf des Porzellanmalers. Bereits in der Schule zeigt sich seine künstlerische Begabung. Nach seiner Lehre bildet er sich weiter zum Industriemeister und arbeitet zeitweise als Mustermaler in den USA. Wolfgang M. heiratet, baut ein Haus und ein Collie macht die kleine Familie komplett. Er kennt keine Geldsorgen. Das Leben verläuft gut. Gelegentlich er trinkt ein, zwei Bier am Abend und geht zum Stammtisch in sein Lokal. Sein Alkoholkonsum ist im Rahmen. Bis ein Ereignis ihn aus der Bahn wirft. Seine sieben Jahre jüngere Frau erkrankt an Brustkrebs und verstirbt. „An diesem Punkt habe ich mit dem Trinken begonnen. Es fühlte sich an, als würde man bei mir das Licht ausschalten.“ Wolfgang, seine Frau und den Collie kannten Bekannte und Freunde nur zu dritt. Das Trio war unzertrennlich. Nach dem Tod seiner Frau geht sein Hund ein. Plötzlich ist Wolfgang M. allein mit seinem Schmerz und seiner Trauer. Alkohol hilft ihm, sich zu entspannen und seine Einsamkeit zu vergessen. Zumindest für eine gewisse Zeit. Einsamkeit gilt als häufiger Auslöser für Alkoholkrankheit. Wolfgang M. rutscht immer tiefer in die Alkoholsucht hinein. Das bleibt nicht unbemerkt. Er wird von seinem damaligen Arbeitgeber aufgefordert, sich in Therapie zu begeben. Zum Entzug fliegt er in die Vereinigten Staaten. Exakt 465 Tage verbringt er dort alkoholfrei.

Drei Flaschen Wodka am Tag

Nach seiner Rückkehr in Deutschland fällt es ihm schwer, auf Alkohol zu verzichten. Bier und Co sind in seinem gewohnten Umfeld allgegenwärtig. Außerdem plagen ihn neue Probleme. Es kommt immer wieder zu heftigen Streitigkeiten innerhalb der Familie. Wolfgang M. greift wieder zur Flasche und trinkt jetzt mehr denn je. Er vernachlässigt sich selbst und seine Wohnung. Das Bier allein reicht nicht mehr aus, es gesellt sich Wodka hinzu. Zunächst wird ein kleiner Schnaps getrunken, anschließend ein Doppelter und schließlich werden Biergläser gefüllt. Wolfgang M. geht sehr offen mit seiner Erkrankung um: „Morgens habe ich drei Flaschen Hustensaft im Einkaufszentrum gekauft. Auf dem Weg zum Wirtshaus habe ich die reingekippt. Ich habe gezockt und getrunken. Danach bin ich zur Bratwurstbude gegangen und habe wieder Hustensaft getrunken.“ Er erzählt weiter, dass er drei Flaschen Wodka für zu Hause mitgenommen habe. Er trinkt den Wodka und lässt einen Rest übrig für den nächsten Morgen. Der Druck Alkohol zu trinken ist unerträglich. „Ich habe früh gesoffen, um meine Sinne zusammenzubekommen und um wieder auf die Beine zu kommen.“

Wolfgang M. ist schwer alkoholabhängig. Er ist am Boden. Nachdem ein Familienstreit zu einem Polizeieinsatz führt, wird Wolfgang M. in das Bezirkskrankenhaus Kutzenberg eingeliefert. Ein weiterer Tiefpunkt ist erreicht. Die Einweisung ist aber auch ein Schritt in die Zukunft. Nach der Entgiftung siedelt er in das Wohnheim Schloss Neuhof um. Seit sechs Jahren lebt er in diesem Ort ein alkoholfreies Leben. Er hat keinen Tropfen mehr angerührt. „Ich bin allen hier sehr dankbar“, betont er. Wolfgang M. verbringt viele Stunden mit Malen. Seine Bilder schmücken nicht nur seine Wände, sondern auch die Gänge und Flure im Wohnheim. Es sind farbenfrohe und fröhliche Bilder.

Da die Alkoholkrankheit mit einem Stigma belegt ist, fällt es Betroffenen schwer, darüber zu sprechen. Der COBURGER bedankt sich bei Andrea S. und Wolfgang M. für ihr Vertrauen und ihre Offenheit.

Was ist Alkoholismus?

Bei der Alkoholabhängigkeit handelt es sich um eine Suchterkrankung. Umgangssprachlich wird sie auch als Alkoholismus oder Alkoholsucht bezeichnet. Verschiedene Merkmale weisen auf Alkoholabhängigkeit hin. Betroffene spüren insbesondere ein starkes Verlangen nach Alkohol und es fällt ihnen schwer, ihren Alkoholkonsum zu kontrollieren. Zu den Merkmalen gehört auch, immer mehr Alkohol zu trinken, um die Wirkung zu erzielen, die zuvor bei einer geringeren Dosis eingetreten ist. Dies bezeichnet man als Toleranzentwicklung. Außerdem weisen Entzugserscheinungen auf eine Alkoholabhängigkeit hin.

Missbräuchlicher Alkoholkonsum ist einer der wesentlichen Risikofaktoren für zahlreiche chronische Erkrankungen wie Krebserkrankungen, Erkrankungen der Leber und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und für Unfälle.

In der Gesellschaft herrscht eine weitverbreitete, unkritisch positive Einstellung zum Alkohol vor. Durchschnittlich werden pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland jährlich rund zehn Liter reinen Alkohols konsumiert. Gegenüber den Vorjahren ist eine leicht rückläufige Tendenz im Alkoholkonsum zu registrieren. Dennoch liegt Deutschland im internationalen Vergleich unverändert im oberen Drittel. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch Alkohol betragen rund 57 Milliarden Euro pro Jahr Jahrbuch Sucht 2023, Quelle: Bundesministerium für Gesundheit)

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