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Schneller, Höher, Weiter #39

Schneller, Höher, Weiter

Aber wohin?

… so begrüßt Professor Dr. Fritz Reheis die Besucher seiner Homepage. Und er lädt ein: „Nehmen Sie sich Zeit für die Internetseiten von Fritz Reheis“. Reheis geht es um Entschleunigung und Nachhaltigkeit. Zahlreiche Bücher hat er zu diesen Themen publiziert. Der COBURGER hat sich mit dem promovierten Soziologen und habilitierten Erziehungswissen schaftler unterhalten.

COBURGER: Herr Professor Reheis, verhindert unsere jetzige Wirtschaftsordnung nachhaltiges Leben?

Professor Reheis: Ja, sehr. Wir haben fast ausschließlich eine Durchflusswirtschaft: schnell produzieren, schnell konsumieren, schnell wegwerfen. Nachhaltig wäre eine Kreislaufwirtschaft, die sich damit begnügt, von den Früchten der Natur zu leben, statt von der Substanz.

COBURGER: Was muss sich ändern, um nachhaltig zu leben?

Professor Reheis: Jedenfalls helfen Moralappelle kaum etwas, so lange die Menschen kaum Alternativen haben, die zudem bezahlbar sind. Solche Alternativen ergeben sich nicht aus dem freien Markt (wo er überhaupt existiert), denn Märkte sind nicht nur sozial, sondern auch ökologisch blind. Um nachhaltigkeitsorientiert zu leben, brauchen wir Preise, die die ökologische Wahrheit sagen. Was knapp ist, muss also teuer sein, aber sozial verträglich finanziert werden. Und wir brauchen eine Infrastruktur, die dafür sorgt, dass wir mit dem, was dauerhaft zur Verfügung steht, gut leben können. Die Energieversorgung muss zum Beispiel zu 100 Prozent autark sein, also Wind, Wasser, Bioenergie, Photovoltaik und Sonnenwärme.

COBURGER: Wie nah sind Ihre Vorstellungen an der Realität? Oder sind die aufgestellten Thesen eher Utopie?

Professor Reheis: Bisher sind meine Vorstellungen ziemlich weit von der Realität entfernt, siehe dazu meine erste Antwort. Es gibt also noch viel zu tun. Um die Richtung zur Nachhaltigkeit hin zu ändern, bräuchten wir allerdings einen Kompass. Den nenne ich Vision. Utopie heißt ja nur, dass es noch keinen Ort gibt, wo die Vision real geworden ist.

COBURGER: Sie plädieren für einen neuen Umgang mit der Zeit, für mehr Entschleunigung. Sehen Sie in der aktuellen Corona-Krise eine Chance? Was können wir aus der Krise lernen? Werden wir Ihrer Meinung nach etwas daraus lernen?

Professor Reheis: Die Corona-Krise ist in der Tat eine Zwangsbremsung, obwohl sie für nicht wenige Menschen doppelten Stress mit sich brachte. Ob wir daraus lernen, weiß ich noch nicht. Jedenfalls wird einiges deutlicher erkennbar, wie durch ein Kontrastmittel (Wolfgang Schmidbauer). Nicht zuletzt, wer in unserer Gesellschaft eigentlich systemrelevant ist – und wer nicht.

COBURGER: Sie schreiben, Resonanz sei der Schlüssel zu einem neuen Verständnis? Wie ist das gemeint?

Professor Reheis: Da müsste ich etwas ausholen. Das bisher geltende Fortschritts-Mantra lautet ja „Schneller, höher, weiter“. Wir sind uns aber mittlerweile immer unsicherer geworden, „wohin“ es dabei gehen soll. In vielen Bereichen ist „Entschleunigung“ angesagt, aber nicht überall. Energie- und Verkehrswende, Beseitigung der Armut, Abrüstung – das alles muss schneller vorangehen. Weder Schnelligkeit noch Langsamkeit sind Werte an sich. Wir müssen also nach angemessenen Geschwindigkeiten suchen. Und die finden wir, wenn wir uns genauer mit den Eigenzeiten der Natur, der Kultur und Gesellschaft und des einzelnen Menschen, mit seinem Körper, seiner Psyche und seinem Geist, befassen. Mit diesen Eigenzeiten müssen wir uns synchronisieren – und wenn uns dies gelingt, ereignet sich Resonanz. Von Resonanz ist der Mensch durch und durch abhängig, davon also, dass etwas zurückkommt, wenn er aktiv geworden ist. Dass die Natur ihn ernährt, wenn er sie pfleglich behandelt, dass Mitmenschen ihn verstehen und anerkennen, und dass er mit sich selbst im Reinen ist.

COBURGER: Sie sind inspiriert von Karl Marx und dem Alten Testament. Auf den ersten Blick klingt das wie ein Widerspruch…

Professor Reheis: Das ist kein Widerspruch: Marx hat den Kapitalismus in seinen Grundlagen treffend analysiert, indem er zeigt, was geschieht, wenn wir zulassen, dass das Geld die Welt regiert. Das Alte Testament – wie übrigens viele andere Dokumente der großen Religionen der Welt – warnt davor, das Geld als Götzen anzubeten. Dazwischen sind zwar mehr als 2000 Jahre, aber den Homo sapiens gibt schon mindestens hundertmal so lange. Er hätte heute mehr denn je allen Grund, sich endlich zu besinnen, ob er wirklich so weise ist.

COBURGER: Eine letzte Frage, leben Sie entschleunigt? Wie sieht das aus?

Professor Reheis: Ich meine schon, meine engsten Mitmenschen zweifeln eher daran. Aber das kann nicht der Maßstab dafür sein, ob meine Sicht der Dinge richtig ist oder nicht.

Die Fragen stellte Gabi Arnold

Mehr Informationen unter: www.fritz-reheis.de

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