Sigi Hirsch
Aus Anlass seines Todes sein Portrait aus dem Jahr 2015

Ein „unmöglicher“ Mensch

Er hat Buster Keaton interviewt, Konrad Adenauer und Walter Mehring. Erich Kästner hat für ihn geschrieben. Yoko Ono hat ihn nach London eingeladen, Wolfgang Neuss, Bruno Ganz und Peter Zadeck haben zu ihm gehalten, Ludwig Erhard gehörte zu seinen Abonnenten, er hatte den Jerry-Cotton-Autor Heinz Werner Höber unter Vertrag, hat eine 160 Jahre alte Locke von Queen Victoria gefunden. Wollte man die Bedeutung eines Menschen an Prominenz im Umfeld messen, Sigi Hirsch würde einen hohen Wert erreichen. Vor allem aber ist der heute in Bamberg arbeitende, im Frankenwald lebende und in Bad Salzuflen geborene Hirsch ein Multitalent: Autor, Dichter, Kabarettist, Maler, Verleger. Kein Konformist, kein Angepasster, kein Kleingeist. Jetzt feiert er seinen 70. Geburtstag. Der Versuch einer Annäherung.

„Mit seinen Bildern wie mit seinem gesamten künstlerischen Schaffen überhaupt, mit seinen Liedern und Gedichten, seinen Parodien und Geschichten, erweist sich Sigi Hirsch als ein Tänzer zwischen den Welten“, sagt der Bamberger Kunsthistoriker Dr. Matthias Liebel. Und Weike Winnemuth, Bestseller-Autorin und STERN-Kolumnistin schreibt über ihn in einem Vorwort zu seinem Nonsens-Krimi „Der Nudelmord“: „Möglich ist es, dass der echt ist. Unwahrscheinlich, aber möglich.“
Um sich dem Tänzer zwischen den Welten trotzdem zu nähern – der heute von sich selbst sagt, er sei mittlerweile ganz schlicht ein Malerpoet – der vielleicht mittlerweile selbst zum Gesamtkunstwerk geworden ist, hilft vielleicht ein Blick zurück auf sein Leben, auf einzelne entscheidende Wendepunkte, die sich heute zu einem Gesamtbild zusammen fügen: Sigis Vater ist ein musischer Mensch. Und ein kritischer Geist. Dieses Alles-Hinterfragen und die von Widersprüchen strotzende Nachkriegszeit, all das prägt Sigi Hirsch. „Es hat mir immer Spaß gemacht, nicht alles so hinzunehmen, wie es ist“ sagt er rückblickend und fragt sich, warum heute Studenten nahezu klaglos Studiengebühren hinnehmen. „Früher hätte da in Berlin die Universität gebrannt.“ Die große Politik, das große Ganze, das packt den jungen Sigi: Selbst als Chefredakteur einer Schülerzeitung in Bremen zeigen sich seine großen Ambitionen. Buster Keaton und Bundeskanzler Konrad Adenauer werden für das Magazin interviewt.

Der Weg ist vorgezeichnet: Noch in Bremen gründet Sigi Hirsch das Satiremagazin „Total“. Natürlich mit einem besonderen Anspruch: Den Dadaismus wiederbeleben und literarisch gegen politische Unstimmigkeiten vorgehen, hatte er sich vorgenommen: Schriftsteller und Denker wie Erich Kästner und Allein Ginsberg schreiben für Total, Walter Mehring, deutsch-jüdischer Schriftsteller und einer der bedeutendsten satirischen Autoren der Weimarer Republik gibt für Total sein letztes Interview. Die Redaktionssitzungen finden in London statt. Und natürlich hat das Magazin auch einen handfesten Skandal mit internationaler Ausstrahlung: Eine Beilage zeigt 1967 eine Fotostrecke mit nackten Hinterteilen. Die Post weigert sich darauf, die „unzüchtige Darstellung“ an die Abonnenten zu versenden. Sigi Hirsch entscheidet: Dann wird das Magazin eben in einem verschlossenen Umschlag ausgeliefert. Gesagt, getan. Ein großer Werbeeffekt war ihm ohnehin sicher: Yoko Ono, damalige Freundin und spätere Frau von John Lennon und schon damals angesehene Künstlerin, lädt ihn nach London ein, der legendäre Kabarettist und Schauspieler Wolfgang Neuss spendet Geld – und Sigi Hirsch selbst nutzt die Frankfurter Buchmesse zu einer öffentlichkeitswirksamen Waschung als „total sauberer Verleger“. Hirsch ist zwar ein Linker, und das im Herzen auch bis heute, aber wie man Aufmerksamkeit erregt, wie man Geschäfte macht, das wusste er schon damals. Am Ende, der Verlag ist mittlerweile in Berlin, liegt die Auflage bei 30 000 Stück. Doch die Zeiten ändern sich, die linke Bewegung driftet in Richtung RAF ab. „Also habe ich aufgehört mit Total“. Ein plötzlicher Schnitt, so typisch für das Leben von Sigi Hirsch, der damals auch ganz zufällig, ohne es zu wissen, Andreas Baader trifft, einen der führenden Köpfe der RAF.
Sigi Hirsch wechselt das Genre und geht in die Unterhaltungsindustrie, die damals entsteht. Er scheint fast so, als macht er seinen Frieden mit dem Kapitalismus, mit dem Nachkriegsdeutschland, als er gemeinsam mit zwei Kollegen eine Verlagsgesellschaft gründet und den Jerry-Cotton-Autor Heinz Werner Höber unter Vertrag nimmt, der auch unter zwei anderen Pseudonymen seine Geschichten veröffentlicht. Ein lohnender Deal: 25% aller Einnahmen gehen an den Verlag, der schon bald 17 Millionen Euro Umsatz im Jahr macht und 17 Leute beschäftigt. Das Unternehmen betreut auch Kunden wie Lufthansa oder Volvo. Doch zunehmend macht das Geschäft keinen Spaß mehr. Andere hätten das Geld genommen und weitergemacht, Sigi Hirsch hört auf. Wieder ein Bruch -der Wechsel hin zur Bildzeitung, bei der er zwei Jahre arbeitet. Doch schon bald lockt wieder das Verlagsgeschäft. Dieses Mal aber zieht es ihn nicht in die große weite Welt, nach London oder Berlin, sondern – nach Oberfranken, als Verlagsleiter des Coburger Tageblatt. „Als ich am Bahnhof ankam, dachte ich, das ist ja wie eine S-Bahn-Haltestelle in Berlin.“ Sigi aber bleibt, saniert das kriselnde Blatt, auch indem er die Rechtsnationalen sowohl inhaltlich als auch als Abonnenten des Blattes vergrault, auch, indem er Bühnenstars der damaligen Zeit in die Provinz holt: Freddy Quinn, Chris Robert, Otto, Carolin Reiber und viele mehr. Die Erinnerungen an damals füllen ganze Fotoalben.

Und dann: wieder ein Schnitt. „Ich saß ja nur noch rum, die Zeitung konnte sich nicht viel weiter entwickeln.“ Also kauft er die Albrechtsche Hofbuchhandlung, die er 12 Jahre betreibt und die in einer Insolvenz ihr Ende findet, aus der aber ein Antiquariat hervorgeht mit dem Schwerpunkt der herzoglichen Geschichte Coburgs. Er verdient gut und beginnt, Bücher zu schreiben und zu verlegen, wie das über Baron von Stockmar. Hirsch zieht mit seiner damaligen Freundin in eine gemeinsame Wohnung nach Bamberg und nimmt das Antiquariat mit. (Sigi war dreimal verheiratet und mit vier Frauen liiert. Mit der längsten seiner Beziehungen, schmunzelt er, war er nie verheiratet. Er hat zwei Söhne aus seiner zweiten Ehe und lebt heute mit seiner Frau im Frankenwald bei Helmbrechts, wenn er sich nicht gerade in seinem Wohnatelier in der Nürnberger Straße in Bamberg aufhält).
Jetzt hat es ihm vor allem eine Aufgabe angetan: das private Album von Baronin Lehzen, einer Erzieherin der Queen Victoria, ausfindig zu machen, darin: ein Originallocke der Queen. Zwei Jahre lang recherchiert er, dann wird er fündig und veröffentlicht das Album. Ein Sensation, die ihn auf die Titelseite der Londoner Times bringt. „Ich wurde in den Kensington Palast eingeladen, sollte dann auch zur Queen“. Doch wenige Tage vor dem Besuch der nächste Einschnitt: Sigi Hirsch erleidet einen Schlaganfall. „Da habe ich gemerkt, ich muss mal etwas ganz anderes machen.“ So landete er beim Kabarett, tritt auf, entdeckt Poetry Slams für sich, stellt aus, schreibt Nonsens-Krimis, veranstaltet Lesungen, malt.
Heute ist sein berufliches Zuhause seine Poetry-Art-Galerie in der Nürnberger Straße in Bamberg. „Ich werde jetzt mal wieder etwas mehr malen“, sagt er. „Und wenn ich male, fällt mir dann auch schon mal ein Gedicht ein.“ Man wird ihn eben nie endgültig beschreiben können, den Sigi Hirsch, nur sich etwas an diesen so „unmöglichen“ Menschen annähern, das könnte möglich sein.

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