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Zurück in die Zukunft? #33

Zurück in die Zukunft?

Wohnen, Mobilität, Kultur – und natürlich Personen: Wir haben die Coburger über wichtige Zukunftsthemen für ihre Stadt befragt. Die Ergebnisse gab es im letzten COBURGER im April und in diesem. Jetzt meldet sich Oberbürgermeister Norbert Tessmer zu Wort: Er wolle sich gerne zu Zukunftshemen äußern, bot er an, unabhängig, ob er noch einmal kandidiere für die Kommunalwahlen im März 2020 oder nicht. Wir haben sein Angebot angenommen und uns mit ihm getroffen.

COBURGER: Herr Tessmer, man kann ihre Anfrage in zweierlei Hinsicht interpretieren: a) Sie äußern sich zur Zukunft , weil Sie damit ihren Wahlkampf beginnen oder b) Sie äußern sich zur Zukunft als Abschiedsgeschenk für den oder die Neue?

Norbert Tessmer: c) Es wird immer über Zukunftsthemen gesprochen, es gibt da und dort Veranstaltungen, es gibt Befragungen darüber. Ich denke, Coburg ist auf jeden Fall für die Zukunft gut aufgestellt, bei Bildung, Betreuung, Erziehung, Kultur, Sport und auch bei der Wirtschaftspolitik. Vor vielen Jahren wurde uns prognostiziert, dass die Bevölkerungszahl von etwa 42000 schrumpft auf 37000 im Jahr 2020. Jetzt haben wir uns nicht nur gehalten, sondern der Trend geht sogar leicht nach oben. Wir haben damals auf die Zahlen reagiert, Coburg familienfreundlich gemacht, haben mehr Krippenplätze geschaffen, haben die Schulen ganztagestaublich gemacht, sind auch bei der Digitalisierung auf dem Vormarsch mit einer digitalen Agenda, haben den Smart City Beschluss gefasst, das sind alles Themen aus der Vergangenheit, die in die Zukunft wirken.

COBURGER: Mehr Busse, am besten kostenfrei, mehr Fahrräder, am besten gefördert und auf neuen Wegen, und das alles nicht auf Kosten der Autofahrer, ist auch ein Wunsch der Coburger in unserer Umfrage, wie werden Sie das Thema angehen, ist das lösbar?

Norbert Tessmer: Dazu müssen wir Angebote schaffen. Der Bürger entscheidet ja selbst, welches Verkehrsmittel er in Anspruch nimmt. Und Fahrräder, vor allem E-Bikes sind immer mehr im Kommen. Natürlich gibt es Nachholbedarf, was Fahrradwege angeht. Das werden wir Zug-um-Zug lösen, da ist noch Luft nach oben. Aber wir haben natürlich oft nicht so breite Straßen wie in größeren Städten, die man dann auch leichter anders aufteilen kann. Aber gerade die jugendlichen, politischen Initiativen, die in den letzten Jahren eher im Hintergrund agiert haben und jetzt durch Veranstaltungen wie die Fridays for Future politisches Engagement erkennen lassen, müssen bei Diskussionen eingebunden werden. Hier gilt es für uns, neue Beteiligungsformen zu erarbeiten.

COBURGER: Autos raus aus der Innenstadt, wäre das eine Option für die Zukunft?

Norbert Tessmer: Wir müssen auf den Einzelhandel achten, der ist auf Kunden und Besucher angewiesen. Gerade wer aus dem Landkreis kommt oder von außen, da sind Leute oft auf das Auto angewiesen. Und wir haben vier Parkhäuser. Autos raus aus der Innenstadt ist also keine Option, zumindest nicht radikal. Ich kann das Auto nicht verteufeln, die Stadt Coburg lebt zu großen Teilen von Mitarbeitern aus der Automobilzulieferindustrie, die auch zu unserem Wohlstand beitragen, da kann ich jetzt nicht mit der Automobilkeule kommen.

COBURGER: Der innerstädtische Einzelhandel kämpft seit Jahren mit Problemen, zuerst gab es die Konkurrenz von der grünen Wiese, dann das Internet, jetzt wird über das Thema Auto raus aus der Innenstadt diskutiert. Wird man in der Zukunft in der Coburger Innenstadt noch leben, Essen gehen und feiern, und einkaufen wird man draußen und im Netz?

Norbert Tessmer: Nein, das Einkaufen in einer Innenstadt ist ein Erlebnis. Wenn sie gut erreichbar ist, sauber und sicher und gute Angebote hat, dann kommen die Menschen auch.

COBURGER: Wird denn der zukünftige Standort des Globe fernab der Innenstadt nicht ein Problem? Weil er Menschen in ein ganz neues Gebiet lockt, das jetzt erschlossen wird?

Norbert Tessmer: Das Güterbahnhof- und Schlachthofgelände ist ja insgesamt eher hochschulorientiert, Startup-orientiert, da muss man natürlich auch ein entsprechendes Umfeld schaffen. Das Globe wird dort – nach vielen Jahren als Interimsspielstätte für das Landestheater – in verschiedener Weise genutzt werden können. Es wäre auf jeden Fall keine Alternative gewesen, das Globe in der Innenstadt auf einem Parkplatz zu bauen.

COBURGER Unsere Umfrage ergibt ein klares Ja zum Landestheater, ein klares Ja für eine ordentliche Sanierung, ein klares Ja zum neuen Globe. Das ist alles eher Hochkultur. Wie wollen Sie aber die Subkultur unterstützen?

Norbert Tessmer: Die Probenräume auf dem ehemaligen BGS-Gelände stehen jedenfalls nicht auf der Kippe. Wir haben einen Fahrplan, wie das weitergehen kann. Die Brandschutzvorgaben sind manchmal etwas übertrieben, das hat ja auch so jahrzehntelang funktioniert. Wir haben über 50 Bands, die dort zuhause sind. Und wir haben auf dem Gelände als Stadt einiges investiert in die Versorgung mit Strom, in die Entsorgung über entsprechende Kanäle, auf diesem Weg wollen wir weitermachen, damit junge Bands dort dauerhaft werden bleiben können.

COBURGER: Es gibt einige Coburger, die sich privat oder in Vereinen immer wieder einbringen in Sachen Stadtgestaltung, die Altstadtfreunde z.B. Sie alle machen sich um das historische Coburg verdient. Wie wollen Sie aber dafür sorgen, dass Coburg nicht zur reinen Puppenstube wird, zu einem Museum?

Nobert Tessmer: Coburg wird nicht zum reinen Museum. Wenn ich in die Südstadt schaue, da haben wir Viertel gehabt, die umgekippt waren, die sind jetzt saniert, da sind viele junge Menschen und Familien hingezogen. Diesen Effekt werden wir auch im Steinweg haben. Dort stelle ich mir eine Kombination aus der jungen lebendigen Szene auf der einen Seite mit Möglichkeiten für ältere Menschen auf der anderen Seite vor, eine Solidargemeinschaft für Jung und Alt.

COBURGER: Aber passt eine Partymeile zum Altenheim?

Nobert Tessmer: Nein, nochmal: Nach vorne hin wird es an zwei, drei Tagen etwas lauter, dort wird eher das junge Wohnen seinen Platz finden, nach Westen hin zum Lohgraben mehr die reifere Generation zuhause sein, mit kurzen Wegen zur Stadt. Wenn sich da die Wohnbau engagiert wie in der Ketschenvorstadt, zieht das private Investoren nach.

COBURGER: Haben Sie keine Befürchtungen, dass es eine Gentrifizierung in diesem Bereich geben wird: schick, schön, teuer und damit unbezahlbar für junge Leute oder für schmale Renten?

Norbert Tessmer: Nein, wir haben bei der Wohnbau eine Durchschnittsmiete von knapp fünf Euro. Und weil wir über die Wohnbau ja vieles anpacken wollen im Steinweg, und Investoren auch gar nicht alles anpacken können und wollen, werden wir keine solchen Effekte haben.

COBURGER: Wünschen Sie sich auch in Zukunft die Anregungen und die Kritik von Vereinen und Personen, die sich Coburg verpflichtet fühlen?

Norbert Tessmer: Ich freue mich über jegliche konstruktive Kritik. Nicht alles aber ist hilfreich, weil oft Erwartungshaltungen und Stimmungen erzeugt werden, die nicht konstruktiv sind.

COBURGER: Die HUK-COBURG-Arena laut Umfrage ist im letzten Jahr von fast 60% der Bevölkerung nicht einmal genutzt worden, es gab also für den überwiegenden Teil der Coburger nicht einmal im Jahr ein attraktives Angebot, um dort hinzugehen. Wie wollen Sie dafür sorgen, dass die Arena besser angenommen wird?

Norbert Tessmer: Sie ist dem Sport gewidmet, Handball, Basketball, Kickboxen, Showtanz und anderen Sportarten. Mir wäre es natürlich lieber, man würde sie multifunktional nutzen, ab es ist nun einmal eine Sporthalle.

COBURGER: In Sachen Regiomed wird jetzt ermittelt angesichts des Millionendefizits in der Ära des früheren Geschäftsführers, auch der Aufsichtsrat muss sich verantworten. Seine Zukunft svisionen hatten ja auch manchen Coburger Unternehmer begeistert und auch die Politik mitgerissen, wird man in Zukunft geläutert wieder kleinere Brötchen backen?

Norbert Tessmer: Nein. Wir müssen ja die Gesundheitsversorgung im Oberzentrum sicherstellen. Wir werden ein medizinisches Konzept einreichen müssen beim Gesundheitsministerium, dann wird eine Entscheidung kommen, ob eine Renovierung im Bestand stattfindet an der Ketschendorfer Straße oder ein Neubau. Ich bin nicht der Fachmann in solchen Fragen, aber einen Krankenhausbetrieb im laufenden Betrieb zu sanieren, stelle ich mir problematisch vor. Das ehemalige BGS-Gelände liegt für einen Neubau außerdem hervorragend, die Investition habe ich nicht aufgegeben. Was ich dafür tun kann, werde ich weiter tun.

COBURGER: Haben Sie als Aufsichtsrat Befürchtungen bezüglich der Ermittlungen?

Norbert Tessmer: Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Wenn unabhängige Wirtschaftsprüfer uneingeschränkte Testate erstellen, dann muss ich mich darauf verlassen können. Natürlich hat man immer mal wieder nachgefragt in der Vergangenheit, wie die Situation ist, aber die Antworten waren immer so, dass es keinen Anlass zur Sorge gab.

COBURGER: Es gibt teils heftige Diskussionen um den richtigen Standort eines neuen Kongresshotels. Geplant war es auf dem Anger, die Entscheidung war getroffen, jetzt spricht sich eine Offensive einiger Coburger Unternehmen für den Standort Rosengarten aus. Dort aber gibt es kein Baurecht. Jetzt ist im Stadtrat die Entscheidung auf die Zukunft verschoben worden: Wofür werden Sie sich stark machen?

Norbert Tessmer: Da bin ich völlig offen, ich habe jetzt erst einmal eine Denkpause verordnet. In der aktuellen aufgeheizten Atmosphäre war es nicht sinnvoll, solche Entscheidungen zu treffen. Wir wollen das nicht auf die lange Bank schieben, aber das hat jetzt zehn Jahre gedauert, und auf ein paar Wochen kommt es nicht mehr an. Wir wollen das nochmal ruhig angehen und in der Verwaltung ein Basispapier als Grundlage für weitere Diskussionen erstellen. Es geht nicht um das Ob, sondern um das Wie.

COBURGER: Nicht wenige Stadträte hätten sich von Ihnen in dieser Frage mehr Führung und mehr Rückgrat erwartet. Ein Appell zu Mäßigung im Tonfall und in der Art der Auseinandersetzung kam von Ihnen aber erst spät. Was lernen Sie daraus für Ihr politisches Handeln?

Norbert Tessmer: Vielleicht sollte man solche Appelle zur Mäßigung häufiger wiederholen, weil sie von der Halbwertszeit her nur eine gewisse Dauer haben. Aber ich kann einen Stadtrat nicht so führen wie eine Einsatzhundertschaft bei der Bundespolizei.

COBURGER: Sie haben ja nach ihrer Wahl 2014 das Tor zu einzelnen Unternehmern wieder weit aufgemacht, Sie haben den kleinen Finger gereicht, wie fest ist der Händedruck mittlerweile?

Norbert Tessmer: Ich gehe damit unverkrampft um. Wenn ich es anders machen würde und wir hätten Verstimmungen mit den Unternehmen in Coburg, ich würde also einen wirtschaftsunfreundlichen Kurs fahren, dann würde man mir sofort vorwerfen, dass ich nicht in der Lage bin, solche Prozesse zu moderieren und die Wirtschaft auf die Seite zu ziehen. Dieser Vorwurf käme auf dem Fuße. Deswegen muss man halt sehen, wie man das Schiff auch in Zukunft an den Klippen vorbeimanövriert.

COBURGER: Aber ein paar Mal hat das Schiffen schon die Klippen touchiert …

Norbert Tessmer: Ja, das sind ein paar Kratzer, das muss man aushalten.

COBURGER: Landestheater, Globe, Güterbahnhof, Schlachthof, Sanierungsgebiete, das alles kostet viel Geld. Das kommt natürlich vor allem aus der Gewerbesteuer Coburger Unternehmen. Ist das Coburg der Zukunft noch frei in seinen Entscheidungen oder erpressbar geworden?

Norbert Tessmer: Wirtschaftsfreundlichkeit heißt Rahmenbedingungen schaffen. Wir haben von einem unabhängigen Institut für unsere Wirtschaftsfreundlichkeit die Note 2,1 bekommen. Und wenn es den Unternehmen gut geht, geht es der Stadt gut. Wenn die Unternehmen erfolgreich sind, wirkt sich das auf monetären Bereich der Stadt aus, das hat nichts mit Würgegriff zu tun. Das ist eine Partnerschaft in einer Stadtgesellschaft , so wie ich sie verstehe.

COBURGER: Viele altgediente Stadträte, Klein- und Kleinstgruppierungen, feste Rollenspiele: Kann das Team Coburg mit einer solchen Mannschaft in die neue Saison gehen oder muss ein Neuanfang her?

Norbert Tessmer: Es gibt nach Kommunalwahlen immer neue Köpfe. Bei manchem Agieren springe ich bei Freude nicht gerade übern Tisch. Gerade, wenn Entscheidungen schon eine gewisse Reife haben und dann wieder in Frage gestellt werden. Das macht auch der Verwaltung immer viel Arbeit.

COBURGER: So wie beim Kongresshotel, das ja beschlossen war?

Norbert Tessmer: Nicht nur da, bei vielen Themen: Wenn alles ausgelotet ist, von allen Seiten beleuchtet und es kristallisiert sich eine Mehrheitsfähigkeit heraus, es herrscht Konsens: Wenn dann im letzten Moment jemand kommt und sagt, das wollen wir nicht, das ist dann schwierig. Sehr schwierig. Das wünsche ich mir anders.

COBURGER: Wer hat in Ihren Augen im nächsten Stadtrat ab Frühling 2020 nichts zu suchen?

Norbert Tessmer: Das will ich nicht beantworten. Das bleibt mein süßes Geheimnis. Extreme Randgruppierungen von rechts und bzw. oder links haben im Stadtrat auf jeden Fall nichts verloren.

COBURGER: Und Sie als Trainer des aktuellen Team Coburg? Wollen Sie das Team auch über 2020 hinaus führen?

Norbert Tessmer: Die Frage wird im Juli beantwortet. Ich kann ja nur die Frage beantworten, ob ich wieder zur Verfügung stehe, selbst wenn ich Ja sage, heißt das noch nicht, dass ich nominiert werde, und das heißt noch lange nicht, dass ich wiedergewählt werde. Ich gehe dieses Thema mit Demut an. Aber meine Umfragewerte sehen ja so schlecht nicht aus, schauen wir mal. Nichts ist unmöglich.

COBURGER: Wir haben ja einige mögliche OB-Kandidaten im letzten COBURGER genannt, auch in den Tageszeitungen wurde schon Namen gehandelt: Gegen wen würden Sie denn gerne antreten?

Norbert Tessmer: Wenn ich antreten würde, dann am liebsten für mich. Über Gegner habe ich nicht zu entscheiden, das muss man so nehmen wie es kommt.

COBURGER: Herzlichen Dank.

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