Beyersdorf - Titelbild

Sonderthema DESIGN: Coburg ist wie entfesselt #20

Interview mit Max Beyersdorf

Häuser, ihre Räume, ihre Materialien, ihre Anordnung in einer Stadt. All das bestimmt unser Lebensgefühl Tag für Tag. Wir wohnen und arbeiten in Gebäuden, wir kaufen in ihnen ein, wir schlendern durch die Straßen unserer Stadt. So kommt deren Gestaltung eine wichtige Aufgabe zu, die gerade auch in Coburg noch bewusster wahrgenommen werden muss. Das sagt Max Beyersdorf, Coburger Architekt und Baubetriebsingenieur. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

Herr Beyersdorf, Sie bezeichnen sich gerne als Baumeister im klassischen Sinne. Klingt das nicht ein wenig altbacken?

Nein, überhaupt nicht. Es ist für mich der schönste Beruf der Welt, wenn Du aus Deinen Ideen Räume schaffen kannst. Vor allem, wenn es um historische Bausubstanz geht: An diese muss man ja mit einem hohem Respekt herangehen, muss sie mit modernen Funktionen und Ideen ertüchtigen, ohne dabei ihre Seele zu zerstören. Das ist oft ein schmaler Grat, auf dem man sich bewegt.

Aber ist nicht auch Architektur so etwas wie Design?

Design wird ja gerne auf alles übertragen. Es klingt natürlich hip und schickt. Ich bleibe aber lieber bei der reinen Lehre: Architektur und Städtebau sind Stadtentwicklung und nicht Design. Design ist flüchtig, manifestiert sich vor allem in Produkten. Eine Stadtentwicklung ist etwas Dauerhaftes, Bleibendes. Wenn man an Paris oder London denkt, da waren keine Designer am Werk, sondern Visionäre und Stadtplaner.

Nun ist Coburg nicht Paris oder London.

Nein, natürlich nicht, aber Coburg ist eine „gefühlte Großstadt“, da bin ich voll und ganz bei dieser Bezeichnung aus dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept ISEK von Professor Ackers. Viele Gäste sind begeistert von der Großzügigkeit des Stadtbildes, von den vielen neugotischen Referenzen nach England, von der vielen guten Substanz, aus der wir noch viel mehr machen können. Da müssen wir uns hinter Bamberg nicht verstecken. Ich jedenfalls fahr ganz auf Coburg ab. Darüber hinaus entstehen aktuell viele neue Projekte, in der Leopoldstraße, am Brauhof, auf dem Brockardt-Gelände, am Güterbahnhof. Auch in den letzten Jahren hat sich unheimlich viel getan. Coburg hat eine regelrechte entfesselte bauliche Dynamik, so eine Konjunktur habe ich noch nie erlebt.

Wenn man aber auf Design, auf Architektur, auf Städtebau zurückkommt, ist das alles schön, was da entsteht?

Das weiß man ohnehin erst in 20 bis 25 Jahren. Bauen ist immer Zeitgeist. Bauen ist Reflexion der Gesellschaft. Früher hat man historische Bauten abgerissen, weil sie als altes Gelump galten. Aber das ist Zeitgeist gewesen, das kann man heute niemandem vorwerfen. Es kann genauso gut sein, dass der Kaufhof in der Mohrenstraße einmal Denkmalstatus erlangt als Baudokument der Zeitgeschichte.

Der Kaufhof trat damals ultramodern an die Stelle eines historischen Gebäudes. Heute würde man solche historische Substanz eher erhalten und tut das ja auch in der Stadt. Aber fehlt dadurch Coburg nicht ein Stück Modernität?

Das stimmt, Coburg ist schon etwas bieder, etwas provinziell in dieser Hinsicht. Da müssen wir als Hochschulstadt mit der Fakultät Design schon einen anderen Anspruch haben. Auf dem Güterbahnhofgelände könnte man zum Beispiel einen architektonischen Kontrapunkt setzen zur Innenstadt, experimentell. Wenn nicht dort, wo sonst?

Sind Visionen und Experimente heute aber überhaupt noch möglich angesichts vieler Vorschriften?

Ja, das stimmt natürlich schon. Wir haben mittlerweile einen derartig überbordenden Formalismus im Bauwesen, eine solche Bürokratie, dass vielen Bauherren die Freude an ihrem Projekt sehr schnell vergeht: Gutachten, Sachverständige, Brandschutz, energetische Vorschriften, das können viele Laien gar nicht mehr überblicken. Aber das darf keine Ausrede sein.

Max Beyersdorf

… ist Geschäftsführer der Otto Hauch GmbH & Co. KG, eines Familien-betriebs mit 115-jähriger Tradition. Das Unternehmen ist spezialisiert auf die Sanierung von bestehenden Bauwerken und Gebäuden. Der studierte Architekt und Baubetriebsingenieur engagiert sich darüber hinaus in zahlreichen sozialen und gesellschaftlichen Projekten. Außerdem sitzt er für die CSU im Coburger Stadtrat.

Mehr Informationen unter www.otto-hauch.com.

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