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SONDERTHEMA Sinn #24

Positionen & Geschichten von Menschen und Unternehmen

Sinn im Glauben

Hunderttausende Kirchenaustritte in den letzten Jahren, Zweifel an der Institution Kirche, stattdessen eine zunehmende Popularität von Rationalismus und Atheismus: Glauben an einen Gott war schon einmal attraktiver als heutzutage hierzulande. Und ob wer glaubt, wirklich selig wird, darüber haben sich der heutige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, lange Jahre Pfarrer an der Coburger Morizkirche, und sein Sohn Jonas unterhalten, der heute in Heidelberg evangelische Theologie studiert. Das komplette Gespräch gibt es in einem Buch, das 2013 erschienen ist. Hier einige Auszüge zum Sinn im Glauben.

Über Glauben

Jonas: Wer es glaubt, wird selig. Stimmt das?

Heinrich: Nicht wie in einem Kochrezept jedenfalls, wo man nur ein paar Zutaten zusammenmischt nach dem Motto: Ein bisschen Lukasevangelium, ein bisschen Paulusbrief, ein bisschen Altes Testament, dann ordentlich schütteln, und es kommt das Glück heraus. So funktioniert`s nicht! Aber ich bin in der Tat der Meinung, dass man anhand von vielen Einzelaspekten zeigen kann, dass Glaube ein erfülltes Leben ermöglicht.

Jonas: Kann man im Umkehrschluss genauso sagen: Wer nicht glaubt, wird auch nicht selig?

Heinrich: Nein, ich glaube, das kann man nicht im Umkehrschluss so sagen. Ich würde theologisch sagen: Gott hat viele Möglichkeiten, den Menschen ein erfülltes Leben zu schenken. Aber gleichzeitig sage ich, dass der Weg, den ich kenne und der sich für mich bewährt hat, der Weg über den christlichen Glauben ist. Man kann die Kraft dieses Weges anhand von Erkenntnissen der Glücksforscher sehr schön zeigen.

Über Weihnachten

Jonas: (…) Wie kommt es, dass Jesus, der Messias, in irgendeiner Absteige statt in einem Palast geboren wird? Warum Krippe und nicht Himmelbett?

Heinrich: Die Geschichte von der Geburt Jesus ist für mich eine der faszinierendsten des christlichen Glaubens. Wir haben es hier mit jemandem zu tun, der als Sohn Gottes bezeichnet wird, als Verkörperung Gottes, als fleischgewordener Gott auf Erden. Und dieser sichtbar gewordene Gott ist einer, der unter ähnlichen Umständen geboren wird. Das passt überhaupt nicht zu den Gottesbildern, die Menschen sonst gerne haben, nämlich die vom erhabenen mächtigen prunkvollen Gott. Christen sind herausgefordert zu glauben, dass der christliche Gott ein mächtiger Gott ist, dass er aber seine Macht eben gerade nicht in der Herrschaft im herkömmlichen Sinne zeigt, sondern darin, dass er ganz bei den Schwachen, bei den Armen, ganz im Dreck sozusagen ist. Das stellt viele Gottesbilder in Frage, die Menschen sich zurechtlegen. Deswegen muss man sagen, dass die Weihnachtsgeschichte völlig unabhängig davon, wie die genauen historischen Umstände waren, so aufgeschrieben wurde, weil sie etwas Zentrales über Jesus und Gott sagt. Gott wendet sich den Armen zu und lässt die frohe Botschaft ausgerechnet von den Hirten weitertragen. Wir wüssten – das legen die Texte nahe – von der frohen Botschaft heute vielleicht nicht, wenn nicht einfache Menschen sie weitergetragen hätten. Und dass die Engel in der Geschichte zu den Hirten sagen: „Fürchtet euch nicht, denn es ist euch eine große Freude widerfahren“, ist kein Zufall. Die Schutzlosigkeit des Kindes und die Tatsache, dass dieses nicht auf einem Thron geboren wird, sondern in einer Krippe, ist eine bewusste kraftvolle Aussage über den Gott, an den die Christen glauben.

Über das Leid

Heinrich: Jeder, der schon mal erlebt hat, wie dicht menschliche Beziehungen werden, wenn Menschen sich im Leid gegenseitig bestehen, der weiß ganz genau, dass auch solche Zeiten zum Lebensglück beitragen können – wenn man einen ganzen Lebensbogen in den Blick nimmt. Menschen, die schwere Zeiten durchgemacht haben, wachsen und verändern sich durch diese schweren Zeiten. Immer wieder bin ich in der Seelsorge alten Menschen begegnet, die ihr Leben so gedeutet haben, dass auch die schweren Zeiten Führung und Begleitung durch Gott sind.

Jonas: Kann das nicht zynisch wirken? Wie erklärt man das Leuten, die dauerhaftem Leid ausgesetzt sind durch Umstände, die sie selbst gar nicht beeinflussen können?

Heinrich: Ich würde nicht versuchen, eine „Erklärung“ zu finden. Das wäre falsch. Es gibt tatsächlich Situationen des Leidens, in denen gibt es nichts zu erklären. Es gibt Erfahrungen von Sinnlosigkeit, in denen jeder Versuch, einem betroffenen Menschen einen Sinn vermitteln zu wollen, fast grausam ist. Schließlich erlebt dieser Mensch gerade einfach Sinnlosigkeit. Und was ein solcher Mensch braucht, ist jemand, der diese Sinnlosigkeit mit ihm zusammen aushält. Genau das ist aus meiner Sicht die Chance des christlichen Glaubens. Christen glauben schließlich an einen Gott, dessen menschliche Erscheinung in Jesus Christus am Kreuz geschrien hat „Mein Gott mein Gott warum hast du mich verlassen?“ Es ist ein ungeheuerliches Phänomen der Religionsgeschichte, dass einer, der so schreit und die absolute Abgründigkeit des Leidens erlebt, als Sohn Gottes bezeichnet wird. Das ist für mich ein Grund, warum ich der festen Überzeugung bin, dass es vielleicht keine andere Perspektive des Lebens überhaupt gibt, die so stark fähig ist, genau solche Situationen der Sinnlosigkeit und der Verzweiflung aufzunehmen, indem sie sie einfach aushält, anstatt sie wegzuerklären.

Über den Tod

Jonas: Ich finde es eine interessante Idee, dass der Tod Teil der Lebensbejahung ist. Das Leben wäre ohne den Tod nicht so kostbar. Das Leben verläuft nicht im Unendlichen, sondern spannt eine Art Lebensbogen, der endlich ist.

Heinrich: Ich glaube schon, dass es so etwas wie einen Lebensbogen gibt und es irgendwann auch Zeit ist, zu sterben. Sehr alte Menschen bringen auch immer wieder zum Ausdruck, dass es jetzt reicht und es jetzt genug ist. Sie haben vielleicht ein langes erfülltes Leben gehabt und dann das Gefühl, dass es irgendwann an der Zeit ist. Über Abraham heißt es in der Bibel: „Er starb alt und lebenssatt.“ Ich finde das einen schönen Ausdruck. Er beschreibt einen Tod, der am Ende eines erfüllten Lebens steht und – für mich jedenfalls – keinen Schrecken hat. Insofern gehört der Tod in der Tat zu einem gelingenden Leben dazu. Ich kann schon gut nachvollziehen, was hinter dem alten Kinofilm-Titel „Hunde, Wollt ihr ewig Leben?“ steht. Der Versuch, sich selbst unsterblich zu machen, ist nichts Attraktives.

Auszüge aus dem Buch „Wer`s glaubt, wird selig“ von Heinrich und Jonas Bedford-Strohm, erschienen im KREUZ VERLAG in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013. www.kreuz-verlag.de

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