Sonderthema Mobilität – Interview mit Prof. Mathias Wilde #45

Sonderthema „Mobilität – was bewegt uns?“

Was kommt nach der Autostadt?

Wie wir uns in Zukunft bewegen

Das Auto für den Job, Einkaufen und den Ausflug, das Fahrrad für Wochenende, und ab und zu mal zu Fuß eine Runde um den Block: Jahrzehntelang herrschte Ordnung in Sachen Mobilität. Doch nicht erst seit Corona ist Bewegung in die Bewegung gekommen: Das Klima wandelt sich, Ressourcen werden knapp, Großstädte ersticken im Verkehr, kleine Städte fürchten das Ausbluten der Innenstädte. Neue Technologien, neue Ideen sind gefordert. Was kommt nach der Autostadt? Ein Gespräch mit Prof. Dr. Mathias Wilde, Professor für Vernetzte Mobilität an der Fakultät Maschinenbau und Automobiltechnik der Hochschule Coburg und Partner in der Shuttle-Modellregion Oberfranken.

COBURGER: Die Mobilität hat in Corona-Zeiten eine Pause eingelegt, Menschen sollten möglichst Zuhause bleiben und arbeiten. So waren die Straßen oft leer, auch Züge, Busse und Flugzeuge waren nicht so voll wie sonst oder gar nicht unterwegs. Dafür stieg der Verkehr im Netz extrem an. Meetings fanden online statt, das Treffen mit Freunden, digitale Live-Events. Was denken Sie, wird von diesem geänderten Verhalten etwas übrigbleiben?

Prof. Mathias Wilde: Wir werden nicht mehr den Zustand haben wir vor Corona. Gerade die Arbeitswelt wird verändert bleiben. Mehr Menschen werden öfter im Homeoffice arbeiten als davor, es wird auch in Zukunft mehr digitale Meetings geben. Dadurch steigt die Verdichtung des Berufslebens. Das heißt aber nicht, dass die Mobilität dauerhaft geringer sein wird als vor Corona. Wir sprechen da von einem Rebound-Effekt: Dass, was wir an Zeit einsparen, werden wir überkompensieren, neuer Verkehr wird produziert, weil die Vernetzung von Menschen und Unternehmen weltweit zugenommen hat und damit natürlich auch wieder mehr Bedarf an persönlichen Treffen entsteht. Die Mobilität wird sich also wieder auf hohem Niveau einpegeln, gleichzeitig wird die Verdichtung des Arbeitslebens erhalten bleiben.

COBURGER: Und welche Verkehrsmittel werden die Menschen nach Corona mehr und welche weniger nutzen als vorher?
Prof. Mathias Wilde: Viele haben sich, wenn möglich, während Corona von den öffentlichen Verkehrsmitteln abgewandt, von Bus, Bahn, Zug. Die Nähe zu anderen Menschen sollte ja gemieden werden. Viele sind in dieser Zeit auf das Fahrrad umgestiegen, gehen mehr zu Fuß oder sind mehr in ihrem eigenen Fahrzeug unterwegs. Das war und ist natürlich ein herber Schlag für den ÖPNV. Und es ist wirklich eine spannende Frage, wie sich das in Zukunft entwickeln wird. Meiner Meinung nach haben sich durch Corona die Komfortzonen des Einzelnen verändert. Man möchte auch in Zukunft gerne etwas mehr Abstand. Das würde für einen Zuwachs des Individualverkehrs sprechen, ob nun mit Auto, Fahrrad, E-Scooter oder anderen Möglichkeiten.

COBURGER: Aber gerade das Auto hat doch vor allem im Großstädten in den letzten Jahren an Bedeutung verloren? Bekommt es jetzt wieder einen höheren Stellenwert?

Prof. Mathias Wilde: Das ist eine umstrittene Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Da gibt es ganz gegenläufige Entwicklungen. Bei jungen Menschen hat das Auto einen geringeren Stellenwert als früher. Der Führerschein wird später gemacht, es gilt nicht mehr so als Statussymbol. Gerade in Städten beobachten wir diese Entwicklung. Auf der anderen Seite besinnen sich viele sobald sie älter werden, wenn sich das Leben ändert, man einen guten Job hat, eine Familie gegründet wird, man raus aufs Land zieht, ein eigenes Haus baut, wieder auf das Auto. Und man darf auch nicht vergessen: Wir haben statistisch gesehen seit Jahren steigende Zahlen an KFZ-Zulassungen in Deutschland.

COBURGER: Alle reden von Elektromobilität, Autohersteller übertreffen sich in neuen Modellen, der Staat subventioniert diesen Wandel. Ist Elektromobilität in Ihren Augen die Zukunft?

Prof. Mathias Wilde: Fossile Brennstoffe werden knapp, daher müssen wir uns überlegen, wie wir Mobilität nachhaltig hinbekommen. E-Mobilität ist dafür ein Baustein. Wenn man aber nur auf Elektromobilität setzt, wenn wir also nur den Benziner gegen das Elektrofahrzeug tauschen, ist das eine Sackgasse. Letztlich wäre das nur eine Antriebswende. Wir benötigen aber eine Mobilitätswende weg von der sogenannten monomodalen Mobilität, die vor allem auf das Auto setzt, hin zu einer multimodalen, einem klugen Mix aus ÖPNV, Rad, Fuß, vernetzter Mobilität und Auto. Nur über Elektromobilität zu diskutieren, ist daher viel zu einseitig, auch in Sachen Nachhaltigkeit. So verbraucht etwa die Herstellung der Batterien viele Ressourcen, deren Recycling steht erst am Anfang.

COBURGER: Städte sind in den letzten Jahrzehnten rund um das Auto gedacht und geplant worden. Rund um welches Thema entwickeln sich die Städte in Zukunft?

Prof. Mathias Wilde: Da muss man ein wenig unterscheiden. Wir haben einmal die großen Städte, die unter einem gewaltigen Handlungsdruck stehen. Die Wege sind lang, die Straßen überlastet, lange Staus kosten viel Zeit, die Innenstädte sind vollgeparkt. Die Menschen wünschen sich aber ein lebenswertes Umfeld, kein Verkehrschaos, keine vollen Bahnen, keine Hektik. Viele große Städte sind daher schon auf dem Weg, sich umzuorientieren. Berlin, München, Paris, Madrid, London, Stockholm sind einige Beispiele. Das dauert aber. Man muss sich überlegen, dass die Grundlagen der heutigen Städte in den 1960ern gelegt wurden. Damals wurde der Pfad hin zu autogerechten Städten eingeschlagen. Daraus sind sogenannte Pfadabhängigkeiten entstanden. Es sind Funktionsbereiche entstanden, Wohnviertel, Einkaufsviertel, die grüne Wiese. Viele sind heute noch nur mit dem Auto zu erreichen.

Jetzt ist Nachhaltigkeit ein bedeutendes Thema. Und da sind wir erst am Anfang einer Transformation. Dabei hilft es, sich auf das Ideal der europäischen Stadt zurückzubesinnen, auf die historisch gewachsene mittelalterliche Struktur vieler Städte in Europa. Städte der kurzen Wege. Leben, Arbeiten, Einkaufen, alles in nächster Nähe. Daher haben auch kleinere Städte wie z.B. Coburg nicht die massiven Probleme wie Großstädte, der Handlungsdruck durch die negativen Folgen des Autoverkehrs ist hier weniger ausgeprägt.

COBURGER: Aber auch in Coburg ist die Innenstadt in einer Krise, der Handel ist nicht mehr der alleinige Frequenzbringer, coronabedingt kaufen zudem noch mehr Menschen eher auf der grünen Wiese ein, dazu boomt der Onlinehandel. Was können neuen Mobilitätsformen zu einer Wiederbelebung von Innenstädten beitragen?

Prof. Mathias Wilde: Wir brauchen eine Rückbesinnung auf die frühere Stadt. Die Innenstädte müssen mehr Aufenthaltsqualität entwickeln, mehr Wohnen, mehr Erlebnis, mehr Gastronomie sind ganz wichtig. Es geht also darum, Funktionen wieder mehr zu mischen. Und man sollte sich auf die Besonderheit der eigenen Heimat, der Region besinnen und an der eigenen Einzigartigkeit arbeiten, um nicht vergleichbar mit anderen Innenstädten zu sein. Das kann man städtebaulich begleiten. Weniger das Auto alleine, hin zur Multimodalität, also Möglichkeiten und Raum für passende Verkehrsmittel für den passenden Zweck schaffen. Dazu muss man alle Verkehrsformen miteinander verknüpfen, also Mobilität vernetzen. Am besten auch digital. Eine App, ein Ticket, eine Karte, über die man Bus, Bahn, Carsharing, E-Scooter etc. abrechnen kann. Da gibt es ja auch schon die ersten Anbieter. Übrigens sitzt das Portemonnaie auch lockerer bei Menschen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind. Die kaufen zwar pro Einkauf weniger ein, dafür aber häufiger. Das würde wiederum dem Handel helfen.

COBURGER: Ein neues Konzept ist ja auch das autonome Fahren. Auch hier in der Region wird das getestet in Kronach, Hof und Rehau. Sie sind im Projekt mit dabei. Welchen Stellenwert wird diese Form der Mobilität in Zukunft haben?

Prof. Mathias Wilde: Wir sind beim autonomen Fahren am Scheideweg. Dient das autonome Fahren dem Menschen, der Stadt, der Lebensqualität? Oder produzieren wir mehr Verkehr, mehr Fahrzeuge? In den nächsten Jahren entscheidet sich, welcher Pfad hier für die nächsten Jahrzehnte eingeschlagen wird. Es gibt ja genug Dystopien von Städten, in denen Heerscharen an Robotern durch die Gegend fahren und fliegen, um Menschen und Produkte zu transportieren. Wir müssen daher in den nächsten Jahren daran arbeiten, dass das autonome Fahren den Menschen dient und den Städten, in denen wir leben, und nicht umgekehrt. Autonomes Fahren sollte nicht zu noch mehr Verkehr, zu noch mehr Enge führen, die den Menschen in die Schranken weist. Wenn wir über attraktive Innenstädte reden, hat das nämlich auch immer etwas mit Regelfreiheit zu tun. Es ist angenehm, sich regelfrei über einen Platz, eine Fußgängerzone oder in einem Park zu bewegen. Vor 100 Jahren gab es fast keine Regeln im öffentlichen Verkehr, doch mit zunehmenden Tempo war es der Mensch, der störte. So entstanden mehr und mehr Regeln, wie er sich zu verhalten hat. An so einem Punkt befinden wir uns auch heute. Wir müssen Regeln wieder umkehren, dafür sorgen, dass sich der Verkehr dem Menschen unterordnet, auch das autonome Fahren.

Prof. Dr. Mathias Wilde, Jg. 1978. Studium des Verkehrs- und Transportwesens an der Fachhochschule Erfurt und der technischen Universität Vilnius; Studium der Geographie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 2008–2012/2017-2019 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Verkehr und Raum der FH Erfurt. 2013-2017 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Humangeographie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seit 2019 Professor für Vernetzte Mobilität an der Hochschule Coburg. Arbeitsschwerpunkte: Konzepte nachhaltiger Mobilität, Mobilitätsforschung, regionale Verkehrsgestaltung.

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