Viel Platz für Innovative Unternehmen #47

Wolfgang Schulze und seine Leidenschaft

Von Wolfram Hegen | Fotos: Val Thoermer

Neues Leben auf dem Gelände der Porzellanfabrik Goebel in Rödental

In diesem Jahr wäre sie 150 Jahre alt geworden – die Porzellanfabrik Goebel in Rödental, die vor allem durch ihre Hummel-Figuren weltweit bekannt wurde. 2006 aber musste das Unternehmen Insolvenz anmelden, über 1000 Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Und Rödental ein Stück Heimat. Es folgten chaotische Jahre, verschiedene Gesellschafter, weitere Insolvenzen, aber auch kleine Neuanfänge für Goebel und Hummel. Und in die Produktions-, Verwaltungs- und Lagerhallen auf dem früher so ruhmreichen Gelände ist neues Leben eingekehrt, neue Firmen, neue Branchen, die digitale Manufaktur. Das liegt vor allem auch am Engagement und der Leidenschaft des Rödentaler Möbelunternehmers Wolfgang Schulze. Er hat das Gelände 2011 gekauft und in den letzten Jahren Schritt für Schritt entwickelt.

Für Wolfgang Schulze ist das Gelände ein Herzensthema. Sein Unternehmen, das Möbelhaus Schulze, befindet sich direkt gegenüber. Schulzes Eltern hatten 1972 den Familienbetrieb von Mönchröden hierhin verlagert, an das andere Ende der damals erst entstehenden Stadt Rödental, um wachsen zu können. Heute hat die Möbelstadt Schulze 44000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Goebel und Schulze – das war jahrzehntelang ein erfolgreiches Duo. Bis 2006. Fünf Jahre lang herrschte dann auf dem Goebel-Gelände „nahezu Stillstand“, wie sich Wolfgang Schulze erinnert.

Für den umtriebigen Rödentaler ein unerträglicher Zustand. „Leerstände, die vor sich hingammeln“, 80 000 Quadratmeter, eine Fläche von 11 Fußballfeldern, nur zu kleinen Teilen von Goebel-Nachfolgeunternehmen in Gebrauch, „wir wollten einfach keine Industriebrache.“ Also kauft er 2011 das gesamte Gelände. Er tut das auch, damit die Hummelfiguren in Rödental bleiben. „Wir Rödentaler lieben Hummel“, sagt er. Die meisten Familien haben Figuren zuhause im Schrank, viele haben früher für Goebel gearbeitet.

„Mein Onkel Otto hat in den 1920er Jahren eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht hier auf diesem Gelände, solche Verbindungen haben ja viele Menschen in der Region, das ist ein Stück Heimatgeschichte, das wäre schade gewesen, wenn das hier endgültig verschwindet.“ Hummel also findet in der alten Heimat ein neues Zuhause, viel kleiner zwar als früher, „die großen Zeiten sind einfach vorbei“, aber „ich denke, die sind jetzt auf einem guten Weg, es gibt ja eine große Liebhaberschaft weltweit.“ Doch was tun mit den übrigen fast 40 000 Quadratmeter Gewerbefläche? „Ehrlicherweise gab es da keinen Plan.“

Schulze nutzt alte Hallen zum Lagern der Möbel, und er fängt an, aufzuräumen. „Da hatten sich riesige Mengen Müll auf dem Gelände angesammelt, die mussten wir erst einmal entsorgen, bevor wir das alles entwickeln.“ Und so langsam kommen die Ideen, die Visionen, wie es auf dem Gelände einmal aussehen könnte. Schulze hat immer einen kleinen Din-A6-Block bei sich, „mein Skizzenblock“, er ist voll mit Ideen, kleinen Zeichnungen, groben Plänen, „ich zeichne immer gleich, wie ich mir was vorstelle, einen Raum, ein Fenster“, als Möbelunternehmer kommt er aus einer Branche, in der man damit aufwächst, sich Räume vorzustellen, „ein Riesenvorteil.“ Und er findet Unternehmer, Betriebe, die Interesse an seinen Ideen haben, die den Charme der historischen Gemäuer erkennen und sich niederlassen wollen. Dann bekommt man auch noch den Zuschlag, das digitale Gründerzentrum der Region hier anzusiedeln. „Das war natürlich ganz wichtig.“

„Die Füße irgendwo in den Sand legen wäre nicht so interessant wie hier in Rödental etwas zu bewegen.“

Heute ist wieder Leben einkehrt auf dem Gelände. In den ehemaligen Unternehmervillen der Familie Goebel sind Seniorenwohngemeinschaften untergebracht, in den verschiedenen Gebäuden der früheren Firma Goebel befinden sich die Hummelfabrik, die hauseigene Immobilienverwaltung, eine große Elektrofirma, ein Ingenieurbüro, ein Pilates Sportstudio, ein großer Antiquitätenhändler, ein bundesweit tätiger Shopeinrichter, ein Versandhandel, eine überregional tätige Keramik Manufaktur, die Werbeagentur Markatus, die Digitale Manufaktur mit wiederum vielen kleinen Startups, Tech-Firmen, Kreativen, Veranstaltungsräume, außerdem haben sich ein Steuerbüro und eine Sicherheitsfirma angekündigt. „Das Gesamtgelände ist zu 80% belegt.“ Und auf dem markanten Turm auf dem Gelände thront jetzt eine Dachterrasse mit Rundumblick weit ins Coburger Land hinein. Wolfgang Schulze verbringt selbst so viel Zeit wie möglich auf dem Gelände, skizziert, plant, organisiert, und vor allem freut er sich an der neuen bunten Vielfalt. „Wenn man das so sieht, wie die jungen Leute hier im Gründerzentrum arbeiten, die sind oft bis tief in die Nacht da, am Wochenende, das ist schon toll, diese Begeisterung.“

Für Schulze ist der eigene Traum in Erfüllung gegangen, den er vor zehn Jahren hatte, als er das Gelände erworben hat: Keine tote Industriebrache, sondern wieder Leben auf dem Gelände. „Wir sind ja hier als Unternehmer verwurzelt, wir müssen immer schauen, dass die Wirtschaft in der Region am Laufen bleibt, dass gute Arbeitsplätze da sind, dass die Menschen ordentliches Geld verdienen.“ Und so denkt der über 70-jährige Schulze weder ans Aufhören, noch nicht mal an einen längeren Urlaub. „Die Füße irgendwo in den Sand legen wäre nicht so interessant wie hier in Rödental etwas zu bewegen.“ Und es gibt auch noch viel zu tun.

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