Leerer Geldbeutel

Wenn die Rente kaum noch reicht #20

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Armut im Alter

Die Wahrheit ist nicht einfach, die Wahrheit ist besorgnis-erregend. Fast jeder zweite Berufstätige in Deutschland fürchtet, dass die Rente im Alter nicht mehr zum Leben reicht. Für das Ehepaar Regina (65) und Reiner (66) aus dem Landkreis Coburg ist diese düstere Ahnung längst zur Realität geworden. Obwohl sie vier Jahrzehnte lang geschuftet haben, müssen sie im Alter jeden Cent umdrehen und können sich kaum etwas leisten.

Barbara Kammerscheid (rechts), die Initiatorin von Hartz und Herzlich in Coburg mit Regina B. und einem Kunden.

„Fast jeder sechste Rentner lebt in Armut.“

Kein Geld, kein Job, kein Auto

Die Wirklichkeit ist hart für beide: ein halbes Leben geschuftet und es reicht immer noch nicht für einen geruhsamen Lebensabend. Das Eigenheim haben beide an den Sohn überschrieben, ein eigenes Auto besitzen sie auch nicht mehr, weil das Geld für die notwendigen Reparaturen fehlte. Rücklagen gibt es auch keine. Dazu kommen noch gesundheitliche Beschwerden – unmöglich, regelmäßig Geld zu verdienen. Bis vor ein paar Jahren hat Regina noch dreimal in der Woche bei einem älteren Ehepaar geputzt. Das geht heute nicht mehr. Und in ihrem Alter noch einen neuen Job zu finden, ist extrem schwierig. Wenn man über 60 ist, muss man sich schon fast entschuldigen, dass es einen überhaupt noch gibt. Oft schreiben Rentner Dutzende von Bewerbungen. Doch kaum einer denkt daran einen älteren Menschen einzustellen. Ohnehin wäre es schon schwierig ohne Auto irgendwo hin zu kommen. Die öffentlichen Verkehrsmittel kann man sich nicht leisten. Man ist zuhause eingesperrt.

Arbeiten nur als Flucht

Doch einmal in der Woche kommen sie raus: Reiner und Regina arbeiten beim sozialen Kaufhaus Hartz & Herzlich in Coburg. Während sie an der Kasse steht, kümmert sich ihr Mann um den Verkauf von Möbeln. Diese Arbeit macht den beiden Spaß, sie kommen unter Leute. Sie beiden arbeiten nicht, weil sie sich so schwer vom Berufsleben lösen können, sie arbeiten, um dem Alltag zu entfliehen. Auch Barbara Kammerscheid, Gründerin von Hartz & Herzlich in Coburg, sieht die Entwicklung mit Besorgnis. „Die Anzahl der Leute, bei denen die Rente nicht mehr ausreicht, nimmt ständig zu. Das sieht man jeden Mittwoch, wenn wir den Laden aufsperren.“ Mit ihrem sozialen Kaufhaus möchte sie sozial Schwächeren eine Möglichkeit bieten, in Würde einzukaufen, und das für Cent-Beträge. Es sind auch größtenteils Menschen vom sogenannten unteren Rand der Gesellschaft, die im Hartz & Herzlich arbeiten. „Gegenwärtig sind es zwischen fünf und 25, die als Ehrenamtliche oder Ein-Euro-Jobber im sozialen Kaufhaus tätig sind. Sie fühlen sich hier wieder in der Gemeinschaft aufgehoben“, so Kammerscheid.

Grundsicherung für Hunderttausende

Jahr für Jahr müssen immer mehr Rentner in Deutschland dazuverdienen. Meist trifft es natürlich die sogenannten Geringverdiener, zu denen Kassiererinnen, Putzkräfte oder Friseurinnen gehören. Laut Statistischem Bundesamt lebten im vergangenen Jahr 14,4 Prozent der über 65-Jährigen in Armut. Bei den Rentnern sind es sogar 15,6 Prozent. Und diese Zahl steigt immer weiter an, da die Anzahl an Rentner zunimmt. Waren 2006 noch 10,3 Prozent der Rentner von Armut betroffen, sind es heute 51 Prozent mehr. 400 000 Menschen in Deutschland leben bereits von der sogenannten Grundsicherung, einer Art Sozialhilfe für Rentner. Die Grundsicherung ist keine Rentenart, sondern eine Sozialleistung, die aus Steuermitteln finanziert wird. Im Alter und bei Erwerbsminderung gibt es darauf Anspruch, wenn die Rente zusammen mit eventuell weiteren Einkommen nicht für den Lebensunterhalt ausreicht.

Schmaler Grat am Abgrund

Das Ehepaar Regina und Reiner bekommt zusammen ein paar Euro zu viel Rente, um diese Grundsicherung beantragen zu können. Wenn es nicht so tragisch wäre, würde man sagen, es ist dumm gelaufen für die beiden. Sie haben zu wenig für ein bisschen Wohlstand, aber sie haben zu viel, um unterstützt zu werden. So balancieren sie ihre letzten Lebensjahre auf einem schmalen Grat entlang, auf dem immer die Gefahr droht, in den Abgrund zu stürzen. Dort, ganz unten, gibt es noch viel dramatischere Fälle, Rentner, die noch viel weniger Geld haben als sie. Aber gerade ihre Armut verdeutlicht die Tragweite des Problems, sie sind nur die Vorhut einer besorgniserregenden Entwicklung. Die Altersarmut breitet sich wie ein Virus in ganz Deutschland aus. Das sagen auch die Zahlen des Deutschen Instituts für Altersvorsorge, nach denen bereits jeder dritte Bundesbürger von der Altersarmut bedroht ist.

48 Jahre Arbeit reichen nicht

Dabei haben die beiden doch eigentlich vieles richtig gemacht: Reiner hat mit 14 eine Maurerlehre begonnen und in diesem Beruf 48 Jahre gearbeitet, bis es für ihn mit 62 Jahren nicht mehr weiter ging. Er erkrankte an einer Lungenfibrose die ihn in die Knie zwang. Reiner ist sich sicher, dass diese Erkrankung durch die Arbeit mit Asbest kam, anerkannt wurde dies jedoch leider nicht, was sich auch wieder negativ auf die Rente auswirkt. Seine Frau hatte mehrere Teilzeitjobs mit Unterbrechungen, denn sie musste auch ihre zwei Kinder aufziehen. Sie haben lang hart gearbeitet, um nun knapp über dem Sozialhilfeniveau angekommen zu sein. Aber auch jetzt gilt es für die beiden aus der Situation das Beste zu machen. Neid kennen die beiden nicht. Nur die Enttäuschung über den Sozialstaat und die Besorgnis, wohin das noch alles führen wird. Das Ehepaar hat sich längst damit abgefunden, das große Sprünge nicht mehr möglich sind. Die Grundbedürfnisse können sie gerade noch so stillen. Aber mehr ist nicht drin. Essen gehen? Mal in den Urlaub? Gemeinsam in der Coburger Innenstadt einen Kaffee trinken? Das ist alles Luxus und den kann man sich nicht leisten. Die Zukunft hält nur das für sie bereit: Jeden Cent zweimal umdrehen und mit dem auskommen was sie haben.

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