Andreas Leopold Schadt

Wie das Leben so spielt #21

Andreas Leopold Schadt: ein Drehbuch

Vor drei Jahren noch hatte er sich von der Schauspielerei verabschiedet, hatte ein Lebenskapitel zugeschlagen, dessen Dramaturgie ihm nicht mehr taugte, das kein Zeug zum Bestseller hatte. Doch dann klingelte das Telefon. Jetzt spielt er den Kommissar Sebastian Fleischer im Frankentatort, den Rainer Sturm bei „Dahoam ist Dahoam“ und ist bald in weiteren Rollen im Fernsehen zu sehen: Andreas Leopold Schadt. Der gebürtige Hofer lebt seit einigen Jahren in Lautertal bei Coburg. Hier das Konzept für sein Drehbuch. Autor Wolfram Hegen.

Hauptrolle

Andreas Leopold Schadt. Franke. Rein altersmäßig ein Enddreißiger, der aber am Anfang steht. Am Anfang einer Karriere, die eigentlich schon beendet war, obwohl sie nie so richtig begonnen hatte. Ein Leben im Aufbruch. Grund genug für eine leicht euphorisierte Grundstimmung, die ob des gepflegten Hofer Slangs nonchalant rüberkommt. Schadt bewegt sich auf einem spannenden Grat zwischen klugen philosophischen Lebenseinsichten und bodenständiger Derbheit, der fränkische Zungenschlag macht aus seinen Monologen eine nahezu kabarettwürdige Selbstanalyse, wenn er über sich redet, existenzielle Nöte, Brüche im Lebenslauf, jetzt das neue Selbstwertgefühl. Dabei wirkt er so in sich ruhend, so gelassen vor sich hin plaudernd, dass man ehrlich erstaunt ist, dass er sich bis vor wenigen Jahren so gar nicht selbst annehmen konnte, dass dieses Gefühl ihm aber nicht der neue berufliche Erfolg, sondern zuallererst seine Freundin vermittelt hat, die ihn so annahm wie er ist. Und die ihn mitnahm nach Coburg.

Neben- aber eigentlich auch Hauptrolle

Da war er noch kein Kommissar, da kannte ihn noch kaum einer, da war er ein Mitdreißiger, der sein erstes Leben als Schauspieler hinwerfen, der psychotherapeutischer Heilpraktiker werden wollte. Einer auf der Suche eben, auch nach etwas Halt, nach einem Ruhepol, nach einer Frau fürs Leben. Und weil „ich frustriert war“, das Mädels kennenlernen von früher in der Disko nicht mehr funktionierte, meldet er sich auf einer Dating-Plattform an. Er bekommt Kontakt zu einer Coburgerin, man schreibt sich, man telefoniert zum ersten Mal, man trifft sich „in der Mitte natürlich, in Kronach“, man hat sich mehr zu sagen, man mag sich, man zieht nach Lautertal, bekommt eine gemeinsame Tochter. „Meine Freundin hat großen Anteil daran, wie ich mich entwickelt habe“, sagt Schadt heute. Er hat mehr Vertrauen in sich, in das Leben, „wenn eine Tür zugeht, geht woanders eine auf.“ Er hat gelernt, Nein zu sagen, wenn er etwas nicht schafft, sich es sich nicht zutraut, sich ausgenutzt fühlt. Seine Freundin, seine kleine Familie, seine neue Heimat sind seine Konstanten im Leben. „Ich bin sehr gerne hier, in Coburg, meine Familie ist mein Lebensmittelpunkt, und ich hoffe, dass das so bleibt.“

Exposition

Ein bisschen Stabilität im Leben, das ihn bisher ganz schön hin und hergeworfen hat. Hof oder besser Konradsreuth bei Hof waren schon länger kein Zuhause mehr, „weil es mein Leben von früher dort ja nicht mehr gibt“. Sein berufliches Leben führte ihn an die Schauspielschule nach München, „wo man mir meine naive fränkische Spiellaune erst einmal ausgetrieben hat.“ Das hat er bis heute nicht so richtig verwunden. „Warum muss man jemanden erst brechen, um ihn dann wieder aufzubauen?“ In den nächsten Jahren denkt er oft an die Worte seiner Großeltern, die ihm doch gesagt hatten, er solle „was Sicheres, was Solides machen.“ Aber das hat er verpasst. Er hat keinen Plan B, um gut existieren zu können. „Ich habe ja nichts Richtiges gelernt.“ Denn er steht zwar bald auf Bühnen in Erlangen, Braunschweig, Bremen, in Muhr, Basel, Bruchsal, Heidelberg, aber „Bühnentechniker verdienen ja mehr als Schauspieler“, also muss er sich immer wieder durchschlagen, „ich habe fast alles gemacht, was man sich vorstellen kann“: Kulissenschieber, Pflasterer, Caterer in der Allianz-Arena. Seine damalige Freundin wird schwanger, er zum ersten Mal Vater. Er arbeitet rund um die Uhr, ist kaputt, erschöpft, und es reicht trotzdem nicht. „Das mit der Schauspielerei wird nichts mehr“, denkt er. Und denkt um: Er beginnt eine Ausbildung zum psychotherapeutischen Heilpraktiker mit Schwerpunkt Drama- und Theatertherapie in Berlin. Doch die Ausbildung wird er nicht beenden, er probiert zwar die Prüfung zum Heilpraktiker 2015, es reicht aber ganz knapp nicht. Das hat einen Grund.

Wendepunkt

2014 nämlich klingelt das Telefon. Er ist gerade mit seinem Sohn in Hof, die staatliche Schauspielagentur ruft an. Es geht um ein Casting für den Tatort. Ok, sagt er, er werde vorbeikommen. Er macht sich keine großen Hoffnungen, zu oft schon ist er enttäuscht worden. Anfang Juli 2014 aber unterbricht er sein Blockseminar in Berlin, fährt nach Coburg und von dort weiter nach Nürnberg. Casting, das heißt meistens kurzer Auftritt, etwas anspielen, fertig. Doch dieses Mal ist alles anders. Eine halbe Stunde steht Schadt auf der Bühne. Regisseur Max Färberböck, eine echte Nummer im deutschen Filmgeschäft, mehrfacher Preisträger, ist begeistert von Schadt. „Ja. Großartig. Ich will Dich haben, aber ich kann es Dir noch nicht versprechen.“ Die Tage danach schwankt Schadt zwischen Euphorie und Verunsicherung. Eine Woche wartet er auf den Rückruf. Dann klingelt es, aber das Telefon ist lautlos. Auf der Mailbox die Bitte um Rückruf. Er ruft zurück, es ist besetzt. Dann kommt er endlich durch. „Ja, also wir würden Ihnen gerne die Rolle des Sebastian Fleischer anbieten, das Drehbuch schicken, sie lesen es sich durch und sagen dann, ob sie das machen wollen.“ Schadt sagt sofort zu, noch am Telefon. Ohne das Drehbuch vorher zu lesen. „Ich habe immer gesagt, ich bin Schauspieler, ich bin Franke, wenn ein Filmangebot kommt, dann mache ich das, und dann noch der Tatort, da hätte ich jede Rolle angenommen.“ Es ist aber nicht jede Rolle, es ist eine Hauptrolle. Wenige Wochen später ist Drehbeginn. „Erst dann habe ich das wirklich alles geglaubt.“ Mittlerweile sind drei Franken-Tatorte ausgestrahlt worden.

Auflösung

Der Tatort ist das, was früher Wetten-Dass war. Am Montag wird darüber geredet. „Der Hype am Anfang war natürlich sehr groß“, sagt Schadt, ständig habe er Interviews gegeben, bei jedem war er aufgeregter als bei einem Auftritt auf der Bühne. Das hat sich gelegt. Aber der Hype hat ihm neue Türen geöffnet, er hat mittlerweile eine private Agentur, die ihn vermittelt, er hat eine Rolle in der BR-Soap „Dahoam is Dahoam“, dreht aktuell in Bayrischzell eine Reihe für den Kinderkanal. Schadt ist innerhalb von drei Jahren zum Promi geworden, wird auf der Straße, beim Einkaufen, im Restaurant von Fans angesprochen. „Das ist schon schön, weil man den Menschen damit ja etwas gibt, wenn die sich freuen, wenn sie einen sehen und kurz mit einem quatschen können. Ich habe da keine Berührungsängste.“

Zweite Handlung

Immer noch aber bezeichnet Schadt die Schauspielerei nicht als seinen Hauptberuf, obwohl sie mittlerweile mehr und mehr Zeit beansprucht. Denn auch wenn er seine Ausbildung zum Heilpraktiker nicht beendet hat, so hat der doch einen Ausbilderschein erworben und darf auch als psychologischer Berater arbeiten. Das tut er auch – seit 2016 immer wieder für einen Bildungsträger im Auftrag vom Jobcenter mit jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren, die Hartz IV beziehen, schwierige Ausgangslagen haben, Drogen, Gefängnis, Gewalt, zerrüttete familiäre Verhältnisse. Mit seinen Aktivierungskursen sollen diese wieder eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Hof und Sonneberg sind die bisherigen Stationen seiner Kurse. Nicht immer mit Erfolg, aber doch mit positiven Erlebnissen, mit jungen Menschen, die nach den Kursen wieder Arbeit gefunden haben, mit denen er teilweise auch danach noch Kontakt hat. Es ist die Abwechslung zwischen großer Filmwelt und dem ganz normalen oft bitteren Leben, die ihn interessiert. „Als Schauspieler stehe ich immer im Fokus. Mit den Kursen versuche ich andere in den Fokus zu bringen. Das macht mir schon Freude.“ Schadt ist angekommen, im Film, in Coburg, im Leben.

Abspann

„Wenn es am Theater mehr Geld gäbe,
würde ich auch gerne mehr Theater spielen.“

„Macbeth wäre meine Lieblingsrolle am Theater,
den will ich noch machen, ich finde, das ist ein geiler Typ.“

„Warum ich gerne Schauspieler bin?
Weil man Menschen zum Nachdenken oder zum Lachen bringen kann.“
„Ich habe eine zwanghafte Sucht: Schallplatten sammeln.
700 bis 800 habe ich, vor allem Metal und Hardcore.“

„Ich muss sagen, ich hatte früher mit Coburg nie was zu tun. Mein einziger Bezug waren Bekannte meiner Großeltern aus Coburg, die uns häufiger besucht haben und die in meiner Erinnerung immer nur gesagt haben „Ach Goddala, ach Goddala““.

 

Autor: Wolfram Hegen

Bildquelle: Sebastian Rüger

    Hinterlassen Sie ein Kommentar

    19 − elf =