Auf ein Wort Schriftzug

Auf ein Wort #20

Am Puls der Zeit

Brexit, Erdogan, Trump und viele Populisten: Ist das jetzt Europas Ende? Nein natürlich nicht, Europa ist erst am Anfang. Immerhin haben wir „im Westen“ jetzt zweimal auf die heiße Herdplatte gelangt. Das reicht. Selbst glühende Wutbürger, warmgelaufene Establishment-Kritiker und erhitzte Gemüter werden gemerkt haben, aua, das tut ja noch mehr weh. Sie können ihren Zorn jetzt anderen vor die Füße werfen.

In Deutschland nämlich verfügt ja neuerdings sogar eine Volkspartei über eine populistische Allzweckwaffe. Mit einfachen Botschaften ins Herz der „einfachen Bürgerinnen und Bürger“ treffen und bei der Gelegenheit braune Rattenfänger ins Visier nehmen: Das ist „guter“ Populismus, staatstragend, europafreundlich.

Außerdem lehrt ein Blick in die private, berufliche oder politische Vergangenheit und Gegenwart, dass Anfeindungen oder gar Angriffe von außen in der Regel den inneren Zusammenhalt stärken. Beim Sport: Der Gegner setzt die Abwehr unter Druck? Dann heißt es zusammenstehen und kämpfen um jeden Ball. Beim Job: Der Konkurrent setzt die Preise runter? Dann heißt es die Köpfe zusammenstecken und zurückschlagen. In der Politik?

Das sehen wir gerade. Die „PulseofEurope“-Bürgerinitiative findet immer mehr Zulauf. Sie mobilisiert die bisher schweigende proeuropäische Mehrheit, die ihre freiheitlichen Errungenschaften gefährdet sieht, die sich beim Brexit noch ein wenig verschlafen die Augen rieb, die spätestens seit Trump aber hellwach ist. Ihr Ziel ist ein Europa mit einer eigenen Identität unter Beibehaltung der regionalen und nationalen Vielfalt. Ihr Ziel ist aber auch ein Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Interessanterweise gegründet in Frankfurt, der Stadt also, in der 1848 mit der Nationalversammlung so etwas wie die Geburtsstunde der deutschen Demokratie schlug.

Jetzt besteht also die Chance, dass Europa auf dem Weg aus der früheren Kleinstaaterei über die immer noch vorherrschenden Nationalstaaten endlich in einer eigenen Identität ankommt. Doch die Geschichte lehrt auch, dass in jedem Kampf für Ideen ein Virus schlummert: die Überhöhung des Selbst über das Andere. Aber bis die blaue europäische Flagge mit ihren 12 goldenen Sternen zum Symbol eines neuen europäischen Nationalismus wird, wird es lange dauern. Wenn es überhaupt dazu kommt. Jetzt besteht erst einmal die Chance, dass Europa mit sich Frieden macht.

An dieser Stelle laden wir Coburger und Nicht-Coburger ein, uns ihre Meinung zu sagen.

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