Auf ein Wort Schriftzug

Auf ein Wort #21

Last Exit Steinweg

Eine Replik zum Leitartikel „Prügelknabe Steinweg“

Von Falk Zimmermann

Es ist wie so oft bei öffentlichen Debatten. Sie werden über etwas oder jemanden geführt, statt mit denen zu reden, die betroffen sind oder waren. Und so arbeitet sich eine Stadt im Falle des Steinwegs phantomartig an einem Problem ab, ohne den Kern je erfahren zu haben. Der Autor dieser Zeilen kennt die Meile als einstiger Anwohner, über Jahre hinweg. Die guten Momente ebenso wie die üblen. Die guten: beispielsweise die Barfilmtage als Event der Steinweg-Wirte – selbstorganisierte Kultur und Riesenspaß gleichermaßen. Die schlechten: die ungezählt schlaflosen Nächte, wenn der Suff die Szene bestimmt und die Rausch-Randale die Zeile zwischen „Spit“ und „Utopolis“ in Geiselhaft nimmt.

Statistiken sind da natürlich wenig hilfreich. Wollte man beispielsweise die Zahl der gelungenen Veranstaltungen gegen die der polizeilich registrierten Exzesse aufrechnen – welche Aussagekraft hätte das? Auch Buzzwording ist kein Mittel der Wahl. So ist neuerdings von „Gentrifizierung“ die Rede, weil das Viertel – so die Befürchtung – saubersaniert werden könnte und die heutigen Bewohner ihre Heimat verlieren werden. Aber umgekehrt fand diese Gentrifizierung über Jahre bereits statt. Weil man nicht mehr da leben konnte, wo man wollte. Weil das Leben litt – besonders an den Wochenenden.

Was also tun? Wie sich dem Schmuddelkind Steinweg nähern? Das wohlstandsverwahrloste Viertel sucht nach seiner Identität. Ist es wirklich der biersatte Beleg dafür, dass Coburg „gefühlte Großstadt“ ist – und muss unbedingt so bewahrt werden? Oder gehört endlich die Balance zur Ketschenvorstadt wiederhergestellt, die so familientauglich und biedermeierig wiederbelebt wurde?

Schwarzweiß hilft nicht. Coburg ist weder großstädtisch elektrisierend – aber auch nicht kleinstädtisch tumb. Coburg war schon immer ein Ort des Kompromisses. Schon der Historie wegen. Also bleibt nur der Weg zum Ausgleich im Falle Steinweg. Gespräche können helfen. Mit den Wirten, mit den Anwohnern. Es braucht Investitionen dort, Aufwertung, mehr Regeln. Aber auch ein wenig vom „Leben und leben lassen“. Keinesfalls aber ein Weiterso.

Vielleicht lohnt ein Blick in andere Lebenswert-Städte, die von Struktur und Lebensqualität vergleichbarer wären. Regensburg vielleicht. Intakte Innenstadt, entspanntes Nachtleben, dennoch nicht dröge, irgendwie italienisch. Da könnte Coburg was lernen – für den Last Exit Steinweg.

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