Monaco Franke

Monaco Franke #21

Nein. An Selbstbewusstsein mangelt es den Münchnern ganz sicher nicht. So können sie sich nicht damit begnügen, ihre Stadt einfach als „Metropole“ zu bezeichnen. Es muss die „Weltstadt mit Herz“ sein (und da muss man schon sämtliche Augen zudrücken, um die ganz spezielle oberbayerische „Freundlichkeit“ als herzlich durchgehen zu lassen). Manchmal, wenn’s gerade gut passt und man das „südländisches Flair“ besonders hervorheben will, wird daraus auch schon mal die nördlichste Stadt Italiens. Nun ja. Auf jeden Fall superlativiert sich der Münchner nur so durch das deutsche Vokabular, wenn er seine Stadt beschreibt. Seinen Ausdruck findet dieses Selbstwertgefühl in dem Motto „Mia san mia“, was frei übersetzt so viel heißt wie: „Was wir machen, wie wir’s machen und wo wir das tun, ist toll, toll, toll und über jeden Zweifel erhaben. Wenn du des annersch siehst, dann is uns des aa worschd, dann bleibst halt wos’d bist!“

Und jetzt das. Der Schriftsteller und Autor Max Scharnigg rechnet in einem Text mit dem Titel „Grant. Oder: Keine Stadt, nirgends“, der in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, mal so richtig ab mit „seiner“ Stadt München, in der er geboren wurde und in der insgesamt 25 Jahre gelebt hat. Eine „ziemlich breit gestreute Schrotladung in den breiten Arsch der Tante“ nennt er seine Zeilen selbst, und das trifft’s ziemlich gut. Wie fast alles, was er da so zu Papier gebracht hat. Kern seiner Polemik: München geht Wesentliches ab, was andere Metropolen – egal wo auf der Welt – ausmacht: nämlich Lebendigkeit, Internationalität, ein „historischer Pulsschlag“. Stattdessen sei München zu einer „Karriere- und Schlafstadt“ verkommen, die einer „Theaterkulisse auf den Schultern von sechs DAX-Konzernen“ gleiche.

Mei Lieber, do hat er zug’langt! In dieser Verdichtung ist Scharniggs Text wohl einmalig. Einzelne Argumente, die ja für sich genommen auch nicht ganz neu sind, konnte man zuvor ganz locker mit dem besagten, allerdings arg überstrapazierten „Mia san mia“ abbügeln: „Bassd dir ned? Dann bist kaaner von uns!“. Aber so geballt? Das hat Wucht.

Das eigentlich Schlimmste ist aber noch nicht mal der Text selbst. Es sind die Reaktionen darauf. Denn Scharniggs Worte fanden und finden breite Zustimmung – gerade unter Münchnern. Der „Nestbeschmutzer“ wird im Netz regelrecht gefeiert. Triest und Kopenhagen also spannender als München? Die nächtlichen Flaniermeilen rund um Oper und Theater so frequentiert wie die Fußgängerzone, sorry, die Hauptstraße von Dörfles-Esbach? Die Bars und Restaurants so international und mondän wie der Lederhosengrantler mit Tirolerhut? Starker Tobak! Da fragt man sich schon, was eigentlich die Anziehungskraft dieser stetig wachsenden, immer teurer und elitärer werdenden Stadt ausmacht, die sich eigentlich nur noch erfolgreiche Yuppies, Doppelgutverdiener oder Berufserben leisten können.

Aber sind wir ehrlich! München übt schon auch auf uns Franken einen gewissen Reiz aus. Ein Wiesnbesuch, gerne auch mal in Tracht – „heeeeey Baby, uuh, aah!“, des is scho wos! Ein Wochenendtrip in die Landeshauptstadt, verbunden mit einem Konzert- oder Musicalbesuch? Na kloar. Hod sich fei nuch immer g’lohnt! Und für einen Besuch in der Allianz Arena („aamoll will ich do nei, oba ned grod wenn die Sechz’ger spielen!“) zahlt man für einen Platz im Oberrang bei ebay schon mal das Fünffache dessen, was das Ticket für so einen Platz wirklich wert ist – ein Platz, auf dem man ohne Fernglas noch schlechter sieht als auf Omas Mini-Röhrenfernseher.

Wer das dann doch nicht bezahlen will, der wartet halt auf das „Traumspiel“. Da trifft zwar nur eine Coburger Bayern-Fanclub-Elf auf die C-Auswahl des Rekordmeisters („sorry, Franck und Arjen zwickt’s leider in den Adduktoren“). Aber worschd! Hauptsach‘ dabei! Ja. Selbst dieser von einem nicht ganz gesetzestreuen Präsidenten geführte Verein aus Obergiesing (!) übt doch eine gewisse Faszination aus, die bis nach Franken und sogar noch weiter reicht.

Aber zurück zu Max Scharnigg. Seine Abrechnung, so präzise und zutreffend sie auch sein mag, wird nichts ändern. Es werden weiter fröhlich München-Magazine und –Sonderhefte erscheinen, Reiseführer oder kleine Biacherl mit vermeintlichen Geheimtipps, die das Leben in der Olympiastadt preisen. Die Touristen werden weiter in Massen in die – da haben wir‘s wieder – nördlichste Stadt Italiens strömen, um sich im Englischen Garten an den Chinesischen Turm zu setzen, das „abgefuckte Glockenspiel“ (Scharnigg) am Marienplatz zu sehen oder das Oktoberfest zu besuchen – immer im festen Glauben, endlich mal in einer „richtigen Großstadt“, der „Weltstadt mit Herz“ unterwegs zu sein.

Schätzla, schau wie iech schau!

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