Auf ein Wort Schriftzug

Auf ein Wort #33

BLICK AUF COBURG

Von Michael Donhauser, dpa-Korrespondent Washington

Fast 20 Jahre ist es her, dass ich zum letzten Mal in Coburg gelebt habe – der Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, in der ich zur Schule ging. In der ich Fußball spielte und Partys feierte, in der mein Berufsweg begann und ich meine Mutter zu Grabe tragen musste.

Coburg ist Heimat, Coburg bleibt Heimat! Das beweist schon allein die Sentimentalität, die immer aufk ommt, wenn es Neues aus Coburg gibt. Sei es, dass eine alte Kneipe schließt oder der Vorortverein ein Fußballspiel gewinnt. Doch der Blick auf diese noch immer unfassbar schöne Stadt hat sich mit den Jahren verändert. Der Zoom, durch den der Blick früher auf die Geschehnisse rund um Markt- und Schlossplatz gerichtet war, ist heute zum Weitwinkel geworden. Die neue Perspektive gibt der Urteilskraft mehr Spielraum. Man hat nicht mehr zu alldem eine Meinung, was klassische und inzwischen natürlich zunehmend Soziale Medien einem in die Ferne kabeln. Aber man stellt sich Fragen – und die räumliche Ferne mag die ihnen zu Grunde liegende kritische Distanz wuchtiger erscheinen lassen. Warum muss man eine städtische Sporthalle nach 40 Jahren mit Steuergeldern abreißen, wenn jeder Privatmann einen Hausbau auf mehrere Generationen anlegt? Ist es gut, an praktisch gleicher Stelle ein Hotel zu bauen, dessen Entwürfe an einen Zweckbau aus den 70ern erinnern? Warum muss man eigentlich eine Weihnachtstanne nach England karren, nur um ein paar Schlagzeilen zu generieren? Und: Warum dreht sich in Coburg eigentlich immer alles um Parkplätze? Coburg kann mehr, Coburg kann es besser. Das hat die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen. Dass sich die Hochschule reformiert und erweitert hat, dass die Zahl ihrer Studierenden um ein Mehrfaches gestiegen ist. Dass in der Stadt jetzt ein ICE hält. Dass die Autobahn uns mit den Oberzentren im Süden und mit den Nachbarn in Th üringen verbindet.

Dass mit dem HSC 2000 ein bundesweit vorzeigbares Handballteam aus Coburg kommt, dass bei erfolgreichen Unternehmen ein reiches Angebot an hochwertigen Arbeitsplätzen zur Verfügung steht – all das ist nicht selbstverständlich für eine Stadt mit 40 000 Einwohnern. Die öde Tristesse etwa britischer Provinzstädtchen oder die pure Armut US-amerikanischer Landgemeinden bieten Vergleich genug. Was Coburg in den vergangenen 20 Jahren an Neuem geschafft hat ergänzt ein ohnehin reichhaltiges Angebot an Kultur und Tradition – vom Landestheater bis zum Samba-Fest. Neue Errungenschaft en und der Erhalt des Etablierten mussten hart erfochten werden. Und die Coburger können – und sollten – stolz darauf sein. Bürger, Politiker, Unternehmer.

Stolz ist etwas Gutes. «Complacency», wie es im Englischen heißt, eine falsche Selbstzufriedenheit also, wäre schlecht. Coburg wird sich in den nächsten Jahren darauf konzentrieren müssen, Anschluss zu halten. Die ständig fortschreitende Integration des Großraums Nürnberg bis hinauf nach Bamberg ist eine Herausforderung für unsere Stadt. Es gilt, nicht abgekoppelt zu werden. Mit ein paar Schlagzeilen wird man das nicht schaff en. Dazu braucht es im Schulterschluss mit der regionalen Wirtschaft seriöse, nachhaltige Kommunalpolitik, die ruhig nach außen auch mal langweilig aussehen darf.

Coburg! Entwickle Dich weiter! Aber bleib wie Du bist! «Werte und Wandel» nannten das die Stadtväter in den 90ern. Die größte Leistung ihrer Nachfolger in der Gegenwart wird darin bestehen müssen, den Lebenswert dieser Stadt zu erhalten. Wenn sie es schaff en, dass sich alte und neue Coburger weiter gemeinsam wohlfühlen. Dass sie mit Spaß und Humor ihre Feste feiern und mit Fleiß und Können ihre Arbeit tun – auch in einer lebendigen Innenstadt. Wenn sie es hinkriegen, dass sportliche, kulturelle, gesellschaft liche Leuchttürme über allen notwendigen und unvermeidlichen Wandel hinweg stehen bleiben – dann haben sie ihren Job gemacht. Selbstverständlich ist das nicht.

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