Auf ein Wort Schriftzug

Auf ein Wort #38

Coburg 2025: Lass uns Mut haben!

von Ercole Erculei

Ein paar Zeilen über meine Sichtweise von Coburg im Jahr 2025 entwerfen: Als mich die Anfrage vom COBURGER erreichte, befand ich mich in einer sehr widersprüchlichen Gefühlslage. Einerseits die Freude über die Geburt meiner Tochter, andererseits die Sorgen für mein Heimatland Italien, zum einen die Begeisterung für die Mitgestaltung der Hochschul- und Innovationspolitik in Coburg und in der umliegenden Region, zum anderen die Befürchtungen über die wirtschaftliche und politische Zukunft Europas.

Und wenn man dann noch eine Leseratte ist, wird die Verwirrung noch größer. Prognosen, Voraussagen, Tagebücher aus der Zukunft häufen sich aktuell in der Medienlandschaft , egal ob sie von seriösen Trendanalysten oder Internetgurus, von Zukunftsforschern oder paranoiden Verschwörungstheoretikern stammen. Jeder kann sich in diesem Ozean an Daten, Analysen, Dystopien, Utopien, Wunschlisten, Angstbeschwörungen einfach das heraussuchen, was man für die Bestätigung und Befestigung der eigenen Vorurteile braucht. Ein wahres Spiel mit dem Teufel bzw. mit der Unvernunft : Cherry Picking, Confirmation Bias, Wishful Thinking und viele weitere Denkfehler. Das wird kein gutes Ende haben.

Neuer Versuch. Ich habe mich auf einer Metaebene gefragt, weswegen wir Visionen und Zukunftsbilder brauchen. …, tja, weil wir Sich-Nach-Vorne-Werfende Wesen sind. Das ist unsere Essenz, das ist die unermüdliche Arbeit unseres Freiheitsvermögens, das sich immer weiter nach vorne projiziert und sich in die Zukunft „entwirft “. Frag einfach jemanden, was er gerade tut: Er wird etwas Zukünftiges beschreiben, das aber die richtungsgebende Instanz, der Sinn und der Grund seines Gerade-Jetzt-Gemachten ist. Also, mit anderen Worten: Zukunftsbilder brauchen wir, um eine Welt als strukturiertes Ganzes von Handlungsoptionen zu haben, in der wir agieren können. Sie sind Motivationsanker und Leitplanken der alltäglichen Willensbestimmungen bzw. Entscheidungen. Deswegen sind sie so wichtig.

Dann werde ich von diesem existentialistischen Gedankengang abgelenkt: die Nachrichten über die dramatische Lage in Großbritannien und Spanien. Zunächst kommen persönliche Erinnerungen wieder hoch, dann erreicht das Denken im freien Lauf … die Spanische „Unbesiegbare“ Armada, die doch zu besiegen war! Einfach durch Agilität, Beweglichkeit und die Schnelligkeit der kleineren und moderneren Schiffen Englands.

Und jetzt habe ich es! Da sehe ich mein Zukunftsbild für Coburg 2025!

Ein Standort, der sich in den Fluten und globalen Stürmen unserer Epoche als agiles, schnelles, wendiges und rasch anpassungsfähiges Schiff behauptet und sie zu eigenen Gunsten nutzt. Gemeint sind die Herausforderungen des demographischen und sozialen Wandelns, des Durchbruches der digitalen Technologien, der Umwälzungen für die Etablierung von zirkulären Wirtschaftsmodellen, der radikalen Erosion traditioneller Formen der Wissenseignung, -vermittlung und -sicherung und gleichzeitig des exponentiell steigenden Bedarfs an science-led-Entscheidungen.

Genau die Fragestellungen, die die Corona-Krise in ihrer Dringlichkeit schonungslos enthüllt hat.

Meine Vision ist ein Schiff , auf dessen Flagge das Wort Mut zu lesen ist, Mut zum Mitmachen, Experimentieren, Testen, Skalieren. Coburg, aber auch Kronach, Lichtenfels…: eine Laborregion für skalierbare Innovationsmodelle, bezüglich der Frage nach einem gesunden Mix zwischen Virtualität und physischer Präsenz auf der Arbeit, in der Bildung, im Privatleben, oder bezüglich der Frage nach der krisenfesten Erstellung von Produkten und Dienstleistungen der Grundversorgung, oder in der Wende aus den traditionellen Fertigungsmethoden mit langen Lieferketten und Transportwegen in Richtung der dezentralen Fertigung direkt beim Nutzer oder in regionalen Ankern durch additive Fertigungsverfahren, oder in der Definition von Community-Building- Initiativen, oder in der Forcierung des Wissenschaftsdialogs auch zur Stärkung einer aufgeklärten, pluralistischen und demokratischen Gesellschaft .

Zu oft fehlt es – auch in großen politischen und gesellschaftlichen Diskussion- und Entscheidungsprozessen – an konkreten Ideen und erfolgreich getesteten Lösungsmodellen.

Unser Schiff kann das. Lass uns in die Richtung navigieren. Lass uns Mut haben!

Ercole Erculei, Dr. des., gebürtiger Italiener, seit vielen Jahren in Deutschland tätig, Philosoph, Referent für Hochschulentwicklung an der Hochschule Coburg

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