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Stadtgespräch #39

Stadtgespräch…

… Corona und die Folgen beschäftigen uns wohl noch länger. Daher auch dieses Mal …

Kein Klatsch und Tratsch an dieser Stelle wie üblich. Keine Promis, keine Gerüchte, keine Sticheleien. Kein Marktplatz der Eitelkeiten. Stattdessen ein Blick nach innen. Tagebücher von Vater und 15-jähriger Tochter. Persönliche Gedanken eines Erwachsenen und einer Heranwachsenden. Ein Protokoll einer „merkwürdigen“ Zeit, ausgelöst von einem Virus und den weltweiten Reaktionen darauf, für viele der heute lebenden Menschen und Gesellschaften gefühlt der tiefste Einschnitt ihres Lebens. Zwei kurze Tagebücher – vielleicht exemplarisch für die Gedankenwelt in diesem Frühjahr und Frühsommer 2020…

Wolfram, Mittwoch, 15. April 2020

Corona dämpft die Stadt, kaum Motorenlärm, kein abendliches Frühjahrsgetöse, keine Gruppenmenschen. Das Brummen schweigt. „Jeder Tag ein Sonntag“ hat jemand auch mein Gefühl dieser Tage in passende Worte gepackt. Die Stille von außen schärft meine Sinne nach innen. Ich höre in mich hinein, höre eine bewegungslose auf ein lautloses Gegenüber fixierte Starre, die nach Erlösung strebt, nach Orientierung. Das tonlose Brüllen in sozialen Medien erschöpft mich. Ein Ventil unter Volldampf, ein großer Stammtisch, an dem sich Druck entlädt, laut, aggressiv. Der Mensch im Krisenmodus. Ich habe kein Ventil in diesen Tagen. Doch. Ich arbeite. Ich darf arbeiten. Es ist viel zu tun. Und es tut gut, immer häufiger auch wieder die Kollegen im Büro zu sehen, mit Abstand und Vorsicht, aber immerhin. Der Mensch ist ein animal sociale, habe ich irgendwann einmal gelernt.

Emilia, Freitag, 17. April 2020

Langsam gewöhnt man sich an die viele freie Zeit, die man hat. Es wirkt irgendwie normal, den ganzen Tag zuhause zu sein. Für mich fühlt es sich nicht einmal an wie extrem lange Ferien oder als hätte ich gerade mein Abi in der Tasche – es ist irgendwie einfach normal, nicht in die Schule zu gehen. Natürlich vermisst man die Schulzeit in gewisser Weise, ich genieße aber die freie Zeit und die Möglichkeit, alle Aufgaben im eigenen Rhythmus bearbeiten zu können.

Wolfram, Montag, 4. Mai 2020

Geschäfte öffnen, das Leben kehrt zurück, langsam, gedämpft eben, ein anderes Leben, eine „neue Normalität“. Ich treffe mich mit Freunden. Wir diskutieren. Nein, wir streiten. Aber wir lachen auch viel, über Reptiloiden zum Beispiel. Das tut gut. Die letzten Wochen haben an den Nerven gezehrt. Die Einsicht in die Notwendigkeit der Maßnahmen weicht bei manchen den Zweifeln an deren Verhältnismäßigkeit. In der Zeit der Stille haben alle argumentativ aufmunitioniert, im Netz blüht der Waffenhandel mit der Information, die große Nachfrage trifft auf ein wachsendes Angebot. Seriöse Händler tummeln sich neben Hochstaplern und Lügnern. Es lässt sich Geld verdienen. Macht ausüben. Ich werde sarkastisch gegenüber Menschen, die sich „lieber im Internet informieren“, weil „die Medien vom Staat kontrolliert werden“. „Ach“, sage ich dann, „der Staat kontrolliert die Medien, aber das Internet hat er vergessen? So was Dummes …“ Ich fühle mich angegriffen, weil ich zu „den Medien“ gehöre, rechtfertige mich. Ärgerlich.

Emilia, Montag, 4. Mai 2020

Man merkt, dass sich die Stimmung langsam lockert. Das kann man logischerweise auch als leichtsinnig empfinden, schließlich steigen die Erkrankungsfälle ja weiter. Mir ist es jedoch immer noch am liebsten einfach auf Nummer sicher zu gehen und zuhause zu bleiben; schließlich ist das nicht nur für einen selbst sinnvoller, man schützt gleichzeitig auch andere.

Wolfram, Donnerstag, 14. Mai 2020

Masken ersticken Gespräche, alles ist dumpf, kein helles Lachen. Den ganzen Mai über ärgern mich Rückenschmerzen. „Das kommt halt mit dem Alter“, sagt die Ärztin zu mir. Danke. Ist es die Last der täglichen Gedanken? Ist es das fehlende regelmäßige Training? Ich bin einfach kein Wohnzimmersportler, der auf der Bodenmatte vor sich hinturnt. Und Coburg habe ich auch schon mehrfach abgelaufen. Gute Nachrichten dann von der Coburger Hütte bei Ehrwald in Tirol. Der Hüttenwirt bestätigt unseren Aufenthalt dort im Juni. Tradition seit vielen Jahren. Aber dieses Mal reagiere ich ausgesprochen emotional und dankbar auf diese Nachricht. Die Vorfreude auf die Berge lässt mich wieder in Bewegung kommen, Laufen, Radfahren und dann gegen Ende Mai auch wieder ein wenig Fitness. Komm, lach doch mal, zwinge ich mich einmal beim Einkaufen. Kann ja keiner sehen unter der Maske.

Emilia, Montag, 25. Mai 2020

Ich könnte im Prinzip jeden Tag dasselbe schreiben, es ändert sich ja grundlegend auch nicht besonders viel. Natürlich werden mal alte Beschränkungen aufgehoben oder neue festgelegt, für den Einzelnen bleibt aber vieles gleich. Klar gibt es wie immer Leute, die zu verantwortungslos sind, um einfach mal zuhause zu bleiben und die sich weiterhin in größeren Gruppen treffen. Aber sowas muss man auch nicht verstehen.

Wolfram, Dienstag, 26. Mai 2020

Lange schon habe ich mir keine Pressekonferenz von Markus Söder mehr im Livestream angeschaut, ich kann mir im Detail sowieso nicht alles merken. Ich mach das jetzt anders: Wenn ich einen Besuch plane oder einen Ausflug oder einen Termin, checke ich vorher, ob ich das darf. Ich ertappe mich dabei, dass ich das mögliche Verbot schon immer mitdenke. Als Nachbarn mich gefragt haben, ob wir zusammen grillen wollen, freue ich mich nicht gleich, sondern denke zuerst darüber nach, ob ich mich schuldig machen könnte. Vor wenigen Wochen undenkbar als freier Bürger in einem freien Land. Ich freue mich über meine Anpassungsfähigkeit an eine Ausnahmesituation, die meine Solidarität erfordert, und schäme mich gleichzeitig, wie obrigkeitshörig ich doch bin.

Emilia, Mittwoch, 3. Juni 2020

Bald beginnt die Schule wieder. Zwar im wöchentlichen Wechsel, aber immerhin. Ob ich mich darüber freue weiß ich noch nicht genau, ich denke aber schon. Wenn man so viele Jahre lang nahezu jeden Tag in die Schule geht, ist es schon seltsam, drei Monate Leerlauf zu haben. Mal sehen wie es wird, einzeln zu sitzen und immer eineinhalb Meter Abstand halten zu müssen. Darüber kann ich jetzt leider noch nichts sagen …

… aber vielleicht gibt es ja bald wieder ein Update.

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