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Avantgarde des Nationalsozialismus #31

Trauriges Kapitel Coburger Stadtgeschichte – Interview mit Dr. Eva Karl

Vor genau 90 Jahren, im Jahr 1929, hatte die NSDAP schon eine Mehrheit im Coburger Stadtrat. Coburg galt lange vor der reichsweiten Machtergreifung als Avantgarde des Nationalsozialismus. Mit der Aufarbeitung dieses Kapitels der Coburger Geschichte hat die Stadt Coburg nun die Historikerin Dr. Eva Karl beauftragt. Sie ist am Institut für Zeitgeschichte in München angestellt und wird von Professor Gert Melville, Sprecher einer für das Projekt eingerichteten Historikerkommission in Coburg, vor Ort wissenschaftlich begleitet.

COBURGER: Frau Dr. Karl, was ist das Ziel der Aufarbeitung dieses Kapitels?

Dr. Karl: Prinzipiell geht es darum, eine Monografie, ein Buch zu schreiben, das ein Fundament bildet, auf dem sich die Öffentlichkeit und gerade die Coburger Öffentlichkeit mit ihrer Geschichte auseinandersetzen kann.

COBURGER: Welche Frage steht bei Ihrer Forschung im Vordergrund?

Dr. Karl: Die Grundfrage ist natürlich, warum konnte Coburg zur Avantgarde des Nationalsozialismus werden? Also, warum hat Coburg den Titel „erste nationalsozialistische Stadt“ bekommen? Wie ist es zum einen dazu gekommen und wie hat sich die Stadt zum anderen nach der Machtergreifung im Jahr 1933 weiterentwickelt? War Coburg hier immer noch ein Vorreiter? War das Regime in Coburg immer noch besonders radikal? Und wie hat sich auch dieser Status als Vorreiter in der nationalsozialistischen Bewegung auf die Leute, die hier gewirkt haben, auf die Beamten, die Politiker und die „einfachen Leute“, ausgewirkt?

COBURGER: Wie sind Sie vorgegangen?

Dr. Karl: Als ich angefangen habe, musste ich natürlich erst die gesamte schon vorhandene Literatur zu diesem Thema sichten und einen Überblick über alle Quellen bekommen. Danach war es ganz wichtig, leitende Fragen zu stellen. Es geht ja nicht darum, eine reine Chronik zu schreiben und nur Daten und Fakten aneinander zu reihen, sondern mit großen Fragestellungen und Analyseinstrumenten das Thema zu bearbeiten.

COBURGER: Wo haben Sie nach Quellen gesucht?

Dr. Karl: Ich war bisher schon in vielen verschiedenen Archiven unterwegs, natürlich in Coburg im Stadtarchiv, im Staatsarchiv, aber auch im Staatsarchiv in Bamberg, im Hauptstaatsarchiv im München oder im Bundesarchiv in Berlin. Und auch in kleineren Archiven beispielsweise dem herzoglichen Privatarchiv hier in Coburg oder dem Kirchenarchiv von St. Moriz. Es liegen noch weitere Archive auch im Ausland vor mir. Diese unglaublichen Mengen an Quellen müssen dann natürlich kontextualisiert und auf die jeweiligen Fragestellungen hin ausgewertet werden.

COBURGER: Wie gehen Sie inhaltlich an das Thema heran? Dr. Karl Ein grundlegendes Analyseinstrument in meiner Forschung ist die Idee der Volksgemeinschaft und die Frage des Wandels, den die Gesellschaft im Nationalsozialismus durchlief. Die Volksgemeinschaft war ein ganz zentrales Element der NS-Weltanschauung. Es war eine Gesellschaftsutopie, die eine glorreiche Zukunft für die ganze Nation versprach. Und gleichzeitig einen Handlungsappell in sich hatte, für jeden Einzelnen seinen Beitrag für die Volksgemeinschaft , für das große Gelingen, zu leisten, wodurch ein sehr großes Mobilisierungsinstrument gegeben war.

COBURGER: Wie sollte die Volksgemeinschaft funktionieren?

Dr. Karl: Die Volksgemeinschaft funktionierte vor allem über zwei zentrale Mechanismen: Inklusion und Exklusion. Inklusion meint die ermöglichte soziale Teilhabe und eröffnete Gestaltungsspielräume für diejenigen, die laut NS-Definition zum Volk gehörten. Auf der anderen Seite stand der Ausschluss derjenigen, die vor allem nach rassischen Kriterien nicht mehr zum Volk gehören sollten. Wie diese Mechanismen Inklusion und Exklusion in Coburg zum Tragen kamen, ist eine zentrale Fragestellung.

COBURGER: Wo befinden Sie sich im Moment?

Dr. Karl: Als ersten Schritt habe ich mich mit einem Herrschaftsraum in Coburg beschäftigt und dort diejenigen Organisationen untersucht, die über eine gewisse Macht in der Lebenswelt, also im Alltag der Bevölkerung verfügten. Das sind in erster Linie die NSDAP und ihr Zusammenspiel mit der örtlichen Verwaltung, aber auch der Kirche und das herzogliche Haus. Als zweiten großen Schritt, neben diesem Herrschaftsraum, untersuche ich dann die konkrete Lebenswelt der Bevölkerung.

COBURGER: Wie kann man sich das vorstellen?

Dr. Karl: Ich habe dazu verschiedene praktische Ausformungen der Volksgemeinschaftsideologie sowie von Inklusion und Exklusion ausgewählt. Wie das Regime beispielsweise in Coburg inszeniert wurde, untersuche ich in erster Linie anhand einer Image- und Kulturpolitik mit einem Schwerpunkt auf dem Coburger Landestheater. Dann analysiere ich an einem weiteren Strang, wie man im Sinne des Regimes differenziert hat, also dezidiert in einer Sozialpolitik zwischen Volksgenossen und Gemeinschaftsfremden unterschied. Und schließlich soll es um das ganz konkrete Verfolgen gehen. Wie wurden diejenigen, die ausgeschlossen wurden, beispielsweise durch die Anwendung von Gewalt oder den Vorgang der Arisierung verfolgt?

COBURGER: Welche Rolle spielte Franz Schwede, der ja im Jahr 1931 erster NS-Bürgermeister der Stadt Coburg wurde?

Dr. Karl: Auffallend ist vor allem die besondere Radikalität, mit der Franz Schwede, der dann Ortsgruppenleiter der NSDAP in Coburg wurde, daran ging, die Macht hier vor Ort an sich zu reißen und Einfluss in der Stadt zu bekommen. Nach dem Auftritt Hitlers am Deutschen Tag im Jahr 1922 in Coburg hat er sich an dem machtvollen und radikalen Auftreten Adolf Hitlers orientiert und dieses in Coburg nachgeahmt.


„Die Grundfrage ist natürlich, warum konnte Coburg zur Avantgarde des Nationalsozialismus werden? Also, warum hat Coburg den Titel ‚erste nationalsozialistische Stadt‘ bekommen?“


COBURGER: Wann zog die NSDAP in den Coburger Stadtrat ein?

Dr. Karl: Ab 1924 saß die NSDAP im Stadtrat, hatte keine wirkliche kommunalpolitische Strategie, sorgte aber vor allem dafür, dass sie auch außerhalb des Stadtrates, über Skandale und später über ihre eigene Zeitung, Aufmerksamkeit erregte. Aber auch im Stadtrat ging es darum, durch Misstrauensanträge gegen die Bürgermeister aufzufallen, die Sitzungen bewusst zu stören und in der Coburger Öffentlichkeit im Gespräch zu bleiben. Dazu fing man beispielsweise an, in öffentlichen Sitzungen die Zuschauerräume mit SS- und SA- Leuten zu besetzen, welche die Sitzung aktiv störten.

COBURGER: Im Jahr 1929 hatte die NSDAP dann die absolute Mehrheit im Coburg Stadtrat erreicht und Coburg wurde die erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands. Wie ging es weiter?

Dr. Karl: Man ist dann dazu übergegangen die beiden noch amtierenden Bürgermeister (Schwede wurde 1930 dritter Bürgermeister) aus dem Amt zu drängen, indem man zu den radikalsten Mitteln gegriffen hat: Der erste Bürgermeister Unverfähr wurde beispielsweise regelmäßig von den SA- und SS-Leuten im Zuschauerraum beschimpft , so dass er die Stadtratssitzungen nicht mehr kontrollieren konnte. Man versuchte über den Schwiegervater des Bürgermeisters Unverfähr, der bei der NSDAP war, auf ihn einzuwirken. Und man ist sogar so weit gegangen, dass nachts bei ihm das Telefon klingelte, jemand „Heil Hitler“ in den Apparat rief und wieder auflegte. Beim zweiten Bürgermeister Altenstädter agierte man ähnlich. Er war schon im fortgeschrittenen Alter. Da vertagte man die Sitzungen, bei denen er als Finanzreferent definitiv anwesend sein musste, so oft und zögerte seinen Urlaub so lange heraus, bis er die Sitzungen irgendwann aus Erschöpfung verlassen musste.

COBURGER: Nachdem die beiden Bürgermeister aus dem Amt gedrängt waren, rückte Franz Schwede im Jahr 1931 zum ersten Bürgermeister auf …

Dr. Karl: Ja, und so gelang es schon vor der reichsweiten Machtübernahme, dass Schwede das Rathaus und die Verwaltung auf seine Vorstellungen hin ausformen konnte. Man kann hier schon klar sehen, dass die Verwaltung auch bereits in dieser Phase vor der reichsweiten Machtübernahme die Politik Schwedes, die Politik der NSDAP mitgetragen hat. Man machte sich also zum Komplizen. Schwede hat den Ausspruch geprägt: „Der Name Coburg verpflichtet“, also: die Rolle als Vorreiter verpflichtet. Das wirkte sich ganz konkret auf das politische und administrative Handeln in Coburg aus.

Das Interview führte Gabi Arnold

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