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Das ist Eure Lügenpresse #16

Most wanted: Lügenpresse. Vorwurf: Bewusste Falschinformation, Kollaboration mit den Regierenden. Protokoll eines Verhörs mit den Leitern der drei Coburger Medien Coburger Tageblatt, Neue Presse und Radio EINS. Und eigene Anmerkungen zu einem Begriff, der wieder Mode wird.

Und dann kommt das Totschlagargument,
dass das sowieso ja alles nicht stimme

Unsere „Lügenpresse“ – Erfahrungen

Sie stehen alle unter Generalverdacht: Wolfgang Braunschmidt von der Neuen Presse Coburg gehört zur „Lügenpresse“, wenn es nach einem älteren Mann geht, der sich bei ihm beschwert hat. Man berichte nicht wahrheitsgemäß über Asylbewerber, so dessen Vorwurf, darüber, wie sie der Gesellschaft schadeten. Der Mann habe sein festes Weltbild gehabt, so Braunschmidt, war friedlich, war sachlich, habe sich aber nicht überreden lassen zu einer differenzierten Betrachtungsweise. „Wir werden ständig mit abfälligen Begriffen konfrontiert“, sagt der Redaktionsleiter der Coburger Lokalzeitung: „Schmierenjournalismus, Schreiberling“. Viele über Email. „Einige kündigen ihr Abo stillschweigend, wenige haben den Mut, in die Redaktion zu kommen und zu diskutieren.“

Oliver Schmidt berichtet von einem AfD-Anhänger, der das Coburger Tageblatt „als zur Flüchtlingszeitung verkommen“ beschimpfte. Natürlich habe man das Thema Flüchtlinge sehr intensiv begleitet, so Schmidt, und man habe sich natürlich auch das Parteiprogramm der AfD vorgenommen. „Das aber ist ja genau unsere Aufgabe, da haben wir einen gesellschaftspolitischen Auftrag.“

Thomas Apfel von Radio EINS berichtet von anonymen Briefen an ihn „und seine Konsorten“. Er habe sich schon von Leuten anschreien lassen müssen am Telefon: „Man kann euch nicht mehr hören“. Im Rahmen der Diskussion über den Flugplatz Meeder-Neida habe er eine Unterlassungsklage am Hals gehabt wegen angeblicher Falschbehauptungen. Apfel sieht im Ton der Auseinandersetzung ein großes Problem. Auch wie man in der Redaktion mit den Angriffen umgeht, wie man selbst sachlich bleibe, sei nicht einfach. „Aber wer uns jetzt endgültig abschaltet, weil ihm unsere Berichterstattung nicht passt, bekommen wir natürlich nicht mit.“

Eines räumen auch alle drei ein, nämlich dass man Fehler mache, so wie alle Menschen. „Wenn man wirklich objektiv etwas falsch gemacht hat, dann muss man natürlich dazu bereit sein, das zu korrigieren.“

Ein Begriff wird Mode

„Halt die Fresse, Lügenpresse“ an den Fassaden von Lokalzeitungen, „Lügenpresse“-Sprechchöre auf Pegida-Demos, Lügenpresse-T-Shirts im Internet. Der Begriff ist von radikalen Gruppen ausgehend in weiten Teilen der Gesellschaft angekommen. Erst langsam, dann immer schneller: Die Flüchtlings-“krise“ sorgte für die nötige Beschleunigung. „Lügenpresse“ ist salonfähig geworden, je nach Umfrage teilt mittlerweile etwa jeder Dritte Deutsche die Meinung, dass die Presse lügt oder zumindest nicht die ganze Wahrheit sagt.

Das ist auf der einen Seite blanker Unsinn. Lüge impliziert vorsätzliches Handeln, Lügenpresse unterstellt eine Absprache aller handelnden Akteure und Organisatoren, eine Gleichschaltung. Das hatten wir mal in Deutschland. Heute aber ist die Pressefreiheit gesetzlich verankert, der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist allen gesellschaftlich relevanten Gruppen und der Programmvielfalt verpflichtet, die weitaus überwiegende Zahl an Medien- und Medienschaffenden sind in privatwirtschaftlichen Unternehmen organisiert und muss sich wirtschaftlich behaupten.

Natürlich aber haben Medien eine Nähe zu Politik und Politikern, zu Verbänden, Parteien, staatlichen Organisationen, Justiz, Polizei, einflussreichen Unternehmen und Unternehmer(-innen) – die brauchen auch, um ihre Arbeit machen zu können. Natürlich müssen Medien sogar staatstragend sein, die Demokratie stützen und schützen, als „vierte Gewalt“ im Land. Wären sie das nicht, wären sie verfassungsfeindlich. Natürlich sind auch Medienleute eitel, haben eine gewisse Macht, vielleicht das Gefühl, Teil der herrschenden Klasse zu sein, manchmal die Arroganz, von oben herab auf das „einfache Volk“ zu blicken, das ihren differenzierten Betrachtungsweisen nicht zugängig erscheint. Am Ende tun Populisten sich dann leicht, unterschwelligen Gefühlswelten dieser Menschen eine emotionale Heimat zu geben und sie für sich zu instrumentalisieren. Sie nutzen und schüren Ängste, die Menschen nun mal so umtreibt: Angst vor der Zukunft zumeist, ob berechtigt oder nicht, aber mit Angst macht man die besten Geschäfte. „Wir sind das Volk“ – und Politik und Presse werden als das Böse an den Pranger gestellt. Das war schon immer so.

Dabei helfen ihnen unfreiwillig auch noch Freunde auf der linken Seite, Intellektuelle, auch wenn die das natürlich gar nicht so sehen: Matthias Horx beschreibt sie in seiner Geschichte vom „Immerschlimmerismus“ in der FAZ. Mit ihrem ewiglinken Gejammer über mangelnde Gerechtigkeit, Umweltzerstörung, unfähiger und korrupter politischer Kaste, TTIP, mit ihrem typischen elitären Pessimismus eben machten die Linken genau das Geschäft rechter Populisten, so Horx. „Alles geht den Bach runter“ ist ein guter Nährboden für einfache Botschaften und Schuldzuweisungen.

Unsere „Lügenpresse“ – Machtlosigkeiten

Braunschmidt, Apfel und Schmidt – alle drei haben den Anspruch, ohne vorgefertigte Meinung Fakten zu recherchieren, Meinungen einzuholen, Zusammenhänge aufzuzeigen, eben genau das zu tun, was Lügenpresse nicht tun würde. „Da dürfen wir auch nicht müde werden“, sagt Oliver Schmidt. Es klingt wie eine Durchhalteparole, und in der Tat kämpfen sie damit, dass man, wie Wolfgang Braunschmidt es ausdrückt, „mit vielem von dem, was wir recherchieren und schreiben, ohnehin nur die Leute mit einem differenzierten Weltbild“ erreiche. „Wenn fremdländisch aussehende Menschen, die schlecht Deutsch sprechen, in einer Ortschaft auftauchen, entstehen schnell Vorurteile. Wie die entstehen, welche Schicksale die Flüchtlinge zu uns bringt, welche Ängste die Einwohner umtreibt, das alles müssen wir berichten, prallen aber gerade bei Älteren oft auf ein festgefahrenes Weltbild.“ Auch Thomas Apfel kennt dieses Phänomen: „Ich habe es oft genug probiert und Zusammenhänge aufgezeigt, aber dann kommt das Totschlagargument – das stimmt ja alles sowieso nicht.“ Kaum einer nehme sich die Zeit, „sich in Ruhe zusammenzusetzen“, so Wolfgang Braunschmidt. „Viele lassen sich einlullen in ihrer social-media-Blase“, ergänzt Oliver Schmidt, „und sind dann überrascht, wenn wir anders berichten. Und schnell ist man die Lügenpresse.“

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Ein Begriff als Indikator

Die Inflation des Begriffs „Lügenpresse“ aber ist ein Indikator für eine sich zunehmend radikalisierende Gesellschaft. Das zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher: Mit „Lügenpresse“ konnte man schon immer, seit es freie Presse gibt, Schmierfinken und Schreiberlinge in Misskredit bringen, wenn deren Geschichten oder Meinungen einem nicht in den Kram passten.

Ob Katholiken Mitte des 19. Jahrhunderts, Deutschland und Österreich-Ungarn im ersten Weltkrieg oder die Nazis im dritten Reich. Immer wieder wurden „die Medien“ der Lüge bezichtigt, als gesteuert diskreditiert. Der eigentliche Angriff galt wahlweise bürgerlich-liberalen Kräften oder den Feinden Deutschlands oder Juden und Kommunisten oder heute eben dem Islam und der Demokratie. Seit einigen Jahren nämlich taucht der Begriff Lügenpresse wieder auf – aus rechtsextremen Kreisen. Der Begriff verleumdet, vereinfacht, schmäht. Und hat nur ein Ziel: Einen Pfeiler unseres Rechtsstaats und damit die Gesellschaftsordnung an sich zum Einsturz zu bringen. Zwar hat es der Begriff zum „Unwort des Jahres 2014“ geschafft, das aber hat seinem Erfolg keinen Abbruch getan, vielleicht sogar eher das Gegenteil bewirkt.

Unsere „Lügenpresse“ – Widersprüche

Die Diffamierung als Lügenpresse trifft lokale Medien zu einer empfindlichen Zeit: Die Verlage leiden unter Umsatzeinbrüchen, Personal wird abgebaut. Doch um die Wahrheit zu recherchieren und zu erzählen, um Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, braucht man gute Mitarbeiter. In Coburg fühlt man sich dafür gerüstet. „Es wird natürlich schwerer mit begrenzteren Ressourcen für gute Recherchen, dann aber muss man eben andere Schwerpunkte setzen“, so Oliver Schmidt. „Wenn wir unsere Wächterfunktion weiterhin leisten wollen, müssen wir bei banalen unspektakulären Sachen kürzer treten.“

„Es wäre fatal, Themen liegenzulassen, weil keine Ressourcen da sind. Und man muss solche Recherchen auch zulassen“, bestätigt auch Wolfgang Braunschmidt. Dort setzt man für Recherchen freie Journalistinnen und Journalisten ein, wenn weniger festangestellte Redakteure zur Verfügung stehen. Thomas Apfel wiederum plädiert dafür, soziale Medien nicht als Gegner, sondern mehr als bisher als Ideengeber zu nutzen. „Facebook liefert ja auch Geschichten, dort setzen Leute Themen, die wir sonst nicht mehr erreichen.“

Ein Begriff wird seziert

Die Wissenschaft geht, wie es in ihrem Wesen liegt, weit nüchterner an den Begriff „Lügenpresse“ heran. Meinen große Teile der Bevölkerung wirklich, dass die Presse lügt, wie es Umfrageergebnisse naheliegen? Oder gehen sie eher davon aus, dass Meldungen geschönt seien oder unvollständig? Schon die Fragestellung lasse Spielraum für Interpretationen, sagt zum Beispiel Oliver Quiring, Professor am Institut für Publizistik in Mainz, der zwar ein erhöhtes Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber „der Presse“ feststellt, aber eben auch, dass der Vorwurf der Lügenpresse umso größer ist, wenn das Berichtete nicht in das eigene Weltbild passt. Und stellt auch fest, dass durch Unterfinanzierung und höheren Aktualitätsdruck mehr handwerkliche Fehler gemacht werden, die Populisten natürlich in die Hände spielen. Prof. Lutz Hagen von der Technischen Universität Hagen redet weniger von Lügen oder handwerklichen Fehlern, sondern von einem anderen Qualitätskriterium, der Relevanz. Berichten die Medien über das, was die Menschen wirklich betrifft? Stimmen Themenauswahl und –gewichtung mit der eigenen Erlebniswelt überein, die ja mehr denn je von sozialen Medien beeinflusst wird. Wenn nicht, wächst leicht das Gefühl, die Medien erzählten Geschichten aus einer anderen Welt.

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Unsere „Lügenpresse“ – Hoffnungen

Die Coburger Medien jedenfalls stellen sich der Diskussion. Sie wissen um die Leser oder Hörer, die hinter ihnen stehen, hinter einer freien Presse mit all ihren allzu menschlichen Fehlern, Unzulänglichkeiten, Personalabbau und Aktualitätsdruck. „Es gibt viele, die zu uns kommen und sagen: Toll, dass ihr diese Geschichte aufgegriffen habt.“ Und, betont er, das sei auch die Mehrzahl. Oliver Schmidt vertraut ebenso auf die Vernunft großer Teiler seiner Leserschaft: „Viele schätzen unabhängigen Journalismus. Das ist doch auch eine große Chance für uns. “ Und Thomas Apfel möchte seinen Hörern weiterhin die Möglichkeit geben, sich auf der Basis fundierter Informationen „ein eigenes Urteil bilden zu können.“

Viele lassen sich in ihrer social-media-Blase einlullen und sind Dann überrascht, wenn wir anders berichten

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