Eine Handvoll Leben! #42

Eine Handvoll Leben!

„Er ist unser Wunderkind“, sagt Jennifer Backert und strahlt bei diesen Worten ihr Baby glücklich an. Der kleine Fritz liegt auf seiner Krabbeldecke, klappert mit dem Babyspielzeug, lacht lauthals und brabbelt fröhlich vor sich. Das grenzt tatsächlich an ein Wunder, denn Fritz kam mit nur 340 Gramm Geburtsgewicht im Klinikum Coburg auf die Welt und hatte kaum eine Überlebenschance.

Rückblick: Es ist 21. Dezember 2019. Jennifer Backert verspürt bei einer Weihnachtsfeier am Abend plötzlich Schmerzen im Oberbauch und ein Ziehen. Sie ist in der 24. Schwangerschaftswoche und erwartet ihr erstes Kind. Bisher ist die Schwangerschaft normal verlaufen, ohne Komplikationen. Deswegen nimmt sie die Symptome zunächst nicht so ernst. „Da habe ich mir nichts dabei gedacht, denn wenn man schwanger ist, da hat man halt manchmal Bauchziehen oder Drücken und so.“ In der Nacht nehmen die Schmerzen zu, auch im Rücken fängt es heftig an zu ziehen. Jennifer Backert und ihr Partner Simon Hümmer fahren in das Krankenhaus nach Lichtenfels. Dort wird sofort Blut abgenommen und eine Ultraschalluntersuchung veranlasst. „Dann haben sie gesagt, wir müssen jetzt sofort nach Coburg. Es ist wahrscheinlich eine Schwangerschaftsvergiftung und dass das Kind halt geholt werden muss“, erinnert sich Jennifer. Die Vermutung bestätigt sich, mit einem Not- Kaiserschnitt wird das Kind entbunden; es wiegt nur 340 Gramm, gerade mal eine Handvoll Leben. Jennifer sieht ihr Kind erst einige Tage nach der Geburt zum ersten Mal. „Am Samstag ist er ja auf die Welt gekommen und Mittwoch habe ich dann erst einmal überhaupt realisiert, was passiert ist.“

Fritz befindet sich auf der Intensivstation im sogenannten „Perinatalzentrum Level 1“ im Regiomed Klinikum Coburg. Das Frühchen liegt in einem Inkubator, Kanülen und Kabel stecken in dem winzig kleinen Körper. Jennifer erinnert sich: „Man fühlt sich erst einmal wie im falschen Film. Man denkt sich, das kann doch jetzt nicht das Kind sein.“ Im Perinatalzentrum kämpft ein Team um das Leben des Jungen. „Sie haben auch gesagt, wir soll en uns nicht so viele Hoffnungen machen. Sie wussten ja nicht, ob er überhaupt lebensfähig ist und dann hat es geheißen, wenn er überlebt, dann habe er wahrscheinlich Behinderungen“, erzählt Jennifer.

Tatsächlich sei Fritz, was das Gewicht betreffe, das kleinste Frühchen, das im Klinikum Coburg versorgt wurde, sagt Dr. Peter Dahlem, Kinderarzt und Neonatologe. „Wir bewegen uns da an der Grenze der Lebensfähigkeit, der Unreife, ja der extremen Unreife. Die Kinder sind ja nicht gemacht für das Leben und nur mit unserer Unterstützung und der sogenannten Neonatologie, das ist das Fachgebiet, können die Kinder überleben und hoffentlich ohne Behinderungen“, sagt Dr. Dahlem. All eine schon die Infusionskanülen, die in die kleinen Venen gelegt werden müssen, das sei eine Kunst.

Jennifer kann nach drei Wochen nachhause, ihr Kind besucht die 26-Jährige jeden Tag im Krankenhaus, um es zu baden, zu kuscheln, um vorzulesen und um zu „känguruhen“. Känguruhen bedeutet, dass das Baby für mehrere Stunden eng am Körper der Mutter oder des Vaters liegt. Es spürt die Haut, die Wärme, den Herzschlag und baut so eine Bindung auf. Abends, wenn Jennifer nach Hause geht, besucht Papa Simon nach der Arbeit seinen Sohn.

„Das war eigentlich sehr schön, für die Situation. Die Schwestern waren wie eine Familie, weil man sie jeden Tag um sich hat, man verbringt ja Stunden mit denen. Wenn man dann auch acht, neun Stunden känguruht, sind sie ja immer für einen da“, sagt die junge Mutter.

Im „Perinatal-Zentrum Level 1“ arbeiten Perinatologen, Neotologen und Fachkräfte aus der Frauen- und der Kinderheilkunde zusammen. Der Level 1 Standard bedeutet, dass sehr kleine Kinder unter einem Geburtsgewicht von 1250 Gramm auf höchstem Niveau medizinisch versorgt werden.

Wenn Gebäude lila strahlen dann ist Weltfrühgeborenen-Tag! In Deutschland werden prägnante Gebäude im gesamten Bundesgebiet lila illuminiert. Mit den kunstvoll beleuchteten Gebäuden soll auf die Frühgeborenen, ihre Familie und auf ihre besondere Situation aufmerksam gemacht werden. Aber auch auf die hohe Kunst der Medizin. Auch in Coburg Stadt und Landkreis haben dieses Jahr am 17. November zahlreiche Gebäude lila in die Nacht geleuchtet, zum Beispiel auch die Veste Coburg. Dort haben sich Jennifer Backert, Simon Hümmer und Dr. Dahlem getroffen. Auch deshalb, weil es für den Arzt und die Familie ein Tag von besonderer Bedeutung ist.

Zehn Prozent aller Kinder kommen zu früh auf die Welt

Laut Statistik kommen zehn Prozent aller Kinder in Deutschland zu früh auf die Welt. Im Regiomed Klinikverbund sind das bei 2500 Geburten im Jahr 250 Kinder, die sich vor dem errechneten Geburtstermin auf den Weg machen. Die Anzeichen für eine Frühgeburt sind laut der Leitern des Perinatalzentrums, Dr. Hanna Philipp, Schmerzen und Druckgefühl nach unten, Schmerzen im Rücken, Flüssigkeitsabgang und Blutungen. „Bei diesen Symptomen sollte sich die Frau sofort in ein Krankenhaus begeben,“ sagt die Ärztin. Wenn der Geburtsverlauf unauffällig ist, können übrigens auch Frühgeburten auf normalem Weg zur Welt kommen. „Aber in vielen Fällen ist ein Kaiserschnitt notwendig, zum Beispiel, wenn das Kind so klein ist wie Fritz. Dann wird es zuerst in die Kinderklinik auf die Neonatologie gebracht und die Mutter bleibt bei uns auf der Wochenstation.“

Wie sich die Kinder tatsächlich entwickeln, hängt laut Dr. Dahlem von verschiedenen Faktoren ab. „Es braucht Ärzte und Pflegekräfte, aber auch Psychologen, die die Eltern betreuen, weiterhin High-Tech Medizin und es hängt auch ein bisschen vom Schicksal ab,“ sagt der Mediziner. Und es komme auch vor, dass frühgeborene Kinder nicht überleben. „Zum Glück ist das eine große Seltenheit und wir dürfen ein bisschen stolz sein, dass wir, was das betrifft, unter dem Bundesschnitt liegen, also sehr gut.“

Nach der Geburt und auch in den weiteren Lebensjahren werden die Familien unterstützt, das geschieht mit Nachkontrollen und Förderungen. In den ersten Wochen besuchen auf Wunsch Pflegekräfte und Psychologen die Familie zuhause. Spezialisierte Zentren wie das sozialpädiatrische Zentrum in Coburg kümmern sich um die Nachsorge und um Frühförderungen.

Jennifer Backert und Simon Hümmer haben ihren Fritz am 15. Mai 2020 aus dem Krankenhaus abgeholt, einen Monat nach seinem errechneten Geburtstermin im April. Sein Geburtsgewicht hatte sich von 340 Gramm auf 3400 Gramm verzehnfacht. Der Alltag zuhause ohne Krankenschwestern und Ärzte war für die junge Mutter eine große Umstellung. „Am Anfang war es richtig schwierig, er hat ja für eine Flasche Milch mit 120 Milliliter eine Stunde gebraucht und auch mit dem Essen, das war echt schlimm, auch mit dem Schlafen hat es am Anfang überhaupt nicht hingehauen“, sagt Jennifer. Inzwischen hat sich das Leben mit dem Baby eingespielt, die Eltern sind überglücklich, vor allem auch weil sich Fritz gut entwickelt. Spaziergänge, krankengymnastische Übungen und viel Zeit stehen täglich auf dem Programm. Jennifer Backert und Simon Hümmer möchten mit ihrer Geschichte anderen Eltern Mut machen, auch die schwierigen Zeiten durchzustehen, vor allem auch dann, wenn die Prognosen ungünstig sind. Und was Simon angeht: Der ist sowieso ein Wunderkind, nicht nur für seine Eltern…

    Hinterlassen Sie ein Kommentar

    2 + zwanzig =