Grenzerfahrungen – Zurück ins Leben #43

Aufgeben ist keine Option

Monika Schmidt ist eine fröhliche und selbstbewusste Frau. Wir treffen sie zu Hause im Untersiemauer Gemeindeteil Weißenbrunn. Die 39-Jährige erwartet uns bereits an der Haustüre, am linken Oberschenkel trägt sie eine Prothese – das Bein hat sie infolge einer Krebserkrankung verloren.

Dezember 2008: Monika Schmidt ist zum dritten Mal Mutter geworden. Die kleine Louise ist erst vier Wochen alt, als ihre Mutter hohes Fieber und geschwollene Mandeln bekommt. „Das war wie eine heftige Grippe, mit dem Stillen war es dann erst einmal vorbei“, erinnert sich Monika Schmidt. Plötzlich bemerkt die junge Mutter auch eine Schwellung im linken Knie. Die Ärzte denken zunächst an eine Schleimbeutelentzündung und behandeln dementsprechend. Aber das Knie wird immer dicker, es kommen massive Schmerzen hinzu, die mit Morphin behandelt werden müssen. Es dauert ein halbes Jahr, bis das Knie mittels einer Kernspintomografie (MRT) untersucht wird. „Danach hat mich ein Arzt angerufen und gesagt, so was habe er noch nie gesehen.“ Monika Schmidt holt ein Album mit Fotos hervor – sie und ihr Mann Werner haben den Krankheitsverlauf dokumentiert. Die Bilder zeigen eine riesige Wucherung, die sich über die gesamte Kniescheibe ausgebreitet hat. „Zunächst dachte man, es handele sich um eine gutartige Fettgeschwulst, an einen bösartigen Tumor haben die Ärzte noch nicht geglaubt“, erzählt sie.

In der Uni-Klinik in Erlangen werden schließlich mehrere Stanzbiopsien durchgeführt und Gewebeproben entnommen. „Mein Bauchgefühl hat mir da schon gesagt, dass es etwas Gravierendes sein muss“, erinnert sich Monika Schmidt. Drei Wochen muss die Familie auf das Ergebnis warten, dann erhält sie die Hiobsbotschaft. Es handelt sich um ein Sarkom, eine der schlimmsten Krebsarten überhaupt. „Da ist eine Welt in mir zusammengebrochen.“ Jetzt geht es schnell, Monika Schmidt erhält zeitnah einen Operationstermin. Zu diesem Zeitpunkt ist es ungewiss, wie die Operation verläuft, ob das Bein gerettet werden kann, ob Monika Schmidt den Eingriff überlebt. Als sie nach der 16-stündigen Operation aufwacht, ist sie erleichtert. „Mein Bein war noch da, und damit hatte ich den Hoffnungsschimmer, dass das wohl doch nicht so schlimm ist“, sagt sie.
Vier Wochen nach der Operation kommt der nächste Schlag: Die Schmidts erfahren, dass die Operationsräder nicht ganz erfasst wurden und weitere Therapien notwendig sind. Es folgen Chemotherapie, Bestrahlungen und Hyperthermie – die Operationsnarbe am Knie öffnet sich, das Bein schmerzt massiv und ist nicht mehr beweglich. Monika Schmidt kann sich ab diesem Zeitpunkt nur im Rollstuhl oder mit viel Mühe auf Gehstützen bewegen. Hinzu kommen die Sorgen um die drei kleinen Kinder. Die Jüngste, Louise, ist erst wenige Monate alt, ihre Brüder Louis und Andreas sind drei und fünf. Ehemann Werner betreut die Kinder und versorgt seine Frau, so gut es geht. Dabei kommt ihm zugute, dass er bei der Bundeswehr als Sanitäter gearbeitet hat. „Wir haben natürlich versucht, die Kinder zu beschützen und das Ausmaß der Erkrankung, so gut es eben geht, von ihnen fernzuhalten,“ sagen die Beiden. Eine Haushaltshilfe bekommen die Schmidts nur für 12 Stunden in der Woche zur Verfügung gestellt.

„Ich habe mich nach der Amputation gefühlt wie neu geboren … Für viele ist das Ersatzbein wie ein Fremdkörper, für mich war das nicht so.“

Monika Schmidt nimmt in der Folge ihrer Erkrankung stark zu, der Zeiger der Waage klettert auf 130 Kilogramm. Sie bewegt sich fast ausschließlich im Rollstuhl, fühlt sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Doch sie fasst einen Entschluss, sie will wieder am Leben teilhaben und für ihre Familie da sein. „Irgendwann hat sich ein Schalter umgelegt. Ich habe erlebt, wie meine Mutter an Krebs gestorben ist und das wollte ich nicht“, sagt sie. Monika Schmidt möchte zurück ins Leben, sie möchte vor allem wieder aufrecht stehen und gehen. Sie entscheidet sich für eine Amputation des Beines mit anschließender prothetischer Versorgung. „Mein Bein war ja nutzlos, nicht mehr zu gebrauchen, deshalb habe ich mich für eine Amputation entschieden.“
Monika Schmidt erkundigt sich noch vor der Amputation über Beinprothesen, und sie entschließt sich, ihr Gewicht radikal zu reduzieren. Mit Intervallfasten verliert sie 60 Kilogramm und kämpft sich willensstark zurück ins Leben. Nach zweieinhalb Jahren im Rollstuhl läuft sie wieder aufrecht auf zwei Beinen und kann mit ihren Kindern spazieren oder zum Schwimmen gehen. „Ich habe mich nach der Amputation gefühlt wie neu geboren“, sagt sie und fügt hinzu: „Für viele ist das Ersatzbein wie ein Fremdkörper, für mich war das nicht so.“ Monika Schmidt erlebt immer wieder Achterbahnfahrten der Gefühle, aber Aufgeben ist für die junge Frau keine Option. Auch nicht, als im März 2016 bei einer Nachuntersuchung Metastasen in der Lunge festgestellt und operativ entfernt werden.
Monika Schmidt ist an ihrer Geschichte nicht zerbrochen, sie hat gelernt damit zu leben. Da es für ihre Diagnose keine zuverlässigen Prognosen gebe, plane sie ihre Zukunft und die ihrer Familie nur in kleinen Schritten und lebe jeden Moment intensiv, sagt sie. Monika Schmidt hilft anderen Betroffenen, sie leitet die Selbsthilfegruppe für Bein- und Armamputierte in Coburg.

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